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Trotzdem romantisch? So geht Heiraten in Corona-Zeiten

Maximal zehn Personen mit Mundschutz dürfen im Trausaal sein - 13.05.2020 05:33 Uhr

Hand in Hand sitzen Daniela und Horst Schneider vor dem Standesbeamten. Nur kurzzeitig dürfen sie ihren Mund-Nasenschutz absetzen — wenn keiner der Anwesenden etwas dagegen hat. Seit der Corona-Pandemie gelten verschärfte Vorschriften.


Dass eine Braut auch mit Mundschutz eine tolle Figur machen kann, hätte man vor Corona nur erahnen können. Doch da steht Daniela Schneider, die vor wenigen Minuten noch Braun hieß, und strahlt. Das kann man trotz Mundschutz sehen – an ihren Augen. Auch ihr frisch angetrauter Ehemann kann sein Glück nicht verhehlen. Seine Behelfsmaske passt perfekt zu seinem dunklen Anzug. "Es war wegen Corona nicht weniger schön", da sind sich beide einig.

Im Eingangsbereich des Standesamts wachen Sicherheitsleute darüber, dass auch nur diejenigen hereinkommen, die zur Trauung angemeldet sind. Nicht mehr als zehn Menschen dürfen (inklusive Standesbeamte und Fotograf) im Trausaal sein. Alle, bis auf das Brautpaar, müssen 1,5 Meter Abstand zueinander halten.

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Bei den Schneiders sind nur Danielas 16-jährige Tochter Alina und einige ihrer Freundinnen dabei. Da Horst Schneider aus Berlin kommt, hätte es sich für seine Gäste nicht gelohnt, nur für die zehnminütige Trauung nach Nürnberg anzureisen – hinterher zu feiern, ist derzeit schließlich nicht erlaubt.

"Sicher unvergesslich"

Am Beginn der Zeremonie klärt Standesbeamtin Julia Kahn zunächst die Formalitäten. Dann dürfen sie und das Brautpaar vorübergehend den Mundschutz abnehmen, sofern keiner der Anwesenden etwas dagegen hat. "Sie haben sich diesen Tag sicher anders vorgestellt", sagt die Standesbeamtin, "aber er wird ganz sicher unvergesslich sein." Die große Feier könne man schließlich auch später noch nachholen. Immerhin: Küssen darf sich das Brautpaar nach dem Ja-Wort. Unterschrieben wird dann aber hinter einer Plexiglas-Scheibe.

Vor dem Hinausgehen müssen alle wieder ihre Masken aufsetzen. Daniela und Horst Schneider sind dankbar, dass sie überhaupt heiraten durften – trotz Corona. Die ungewöhnliche Zeremonie war nur das i-Tüpfelchen einer ungewöhnlichen und nicht immer einfachen Liebesgeschichte. Kennengelernt haben sich die beiden über das soziale Netzwerk Facebook: "Ich weiß bis heute nicht, warum mir sein Profil angezeigt wurde", sagt Daniela Schneider. Immerhin lebt Horst Schneider in Berlin, und auch sonst gibt es keine Überschneidungen.

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Dieser nicht nachvollziehbare Algorithmus wird für eine große Liebe verantwortlich sein – doch das ahnt zu diesem Zeitpunkt noch keiner der beiden. "Ich schickte ihm eine kurze Nachricht, dass mir sein Profilbild gefällt", erinnert sich Daniela Schneider. Zunächst kommt keine Antwort, doch schließlich beginnt eine virtuelle Unterhaltung, in der schnell klar wird: "Wir wollen uns kennenlernen." Das Problem: Beide sind verheiratet – Daniela seit 16, Horst seit 25 Jahren. Die Anziehungskraft ist so stark, dass sie sich dennoch treffen. "Spätestens da war klar, dass wir verliebt sind", sagen beide.

Schwere Zeit für alle Beteiligten

Es folgt eine schwere Zeit für alle Beteiligten, "mit vielen Tiefs", erinnert sich Daniela Schneider. Die Entscheidung fiel beiden nicht leicht. Doch schließlich entschieden sie sich füreinander und ließen sich von ihren ersten Ehepartnern scheiden, um ihr Leben gemeinsam zu verbringen. Für beide war von Anfang an klar, dass ihr Lebensmittelpunkt in Nürnberg sein soll: "Ich habe mich nicht nur in diese Frau, sondern auch in Nürnberg verliebt." Doch unkompliziert ist in dieser Liebesgeschichte nichts: Weil Horst Schneider Polizist und damit Landesbeamter ist, kann er sich nicht einfach nach Nürnberg versetzen lassen. "Um das Bundesland zu wechseln, muss man einen Tauschpartner finden", sagt der 52-Jährige. Das allerdings gestaltet sich schwierig, immerhin ist das Gehalt in Berlin deutlich niedriger als in Bayern. "Und gleichzeitig gibt es in Berlin viel mehr Kriminalität als in Nürnberg, das muss man mögen", so Schneider.


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Bis er einen Tauschpartner findet, pendelt Horst Schneider zwischen Berlin und Nürnberg hin und her. "Anfangs fand ich es schlimm, unter der Woche abends immer allein zu sein", sagt Daniela Schneider. Mittlerweile hat sich die 46-Jährige aber an die Fernbeziehung gewöhnt. "Es hat auch Vorteile: Man hat viel Raum für sich." Eine Trauung mit Mundschutz und Plexiglas kann zwei Menschen mit einer solchen Geschichte jedenfalls nicht erschüttern.

Judith Maschlanka vom Nürnberger Standesamt

© Foto: Horst Linke


Generell beobachtet Judith Maschlanka, dass die Trauungen in Zeiten von Corona nicht weniger romantisch sind als zuvor – eher im Gegenteil, sagt die stellvertretende Leiterin des Nürnberger Standesamts, die die meisten Ehen selbst schließt: "Besonders schön war es eigentlich am Anfang, als die Paare noch keinerlei Gäste mitbringen durften und ganz allein waren. Sie konnten sich ganz auf sich besinnen, es war eine sehr innige Stimmung." Auch jetzt kämen manche Paare immer noch nur zu zweit. "Ohne die Feierlichkeiten haben sie den Tag für sich. Das Ja-Wort dieser zwei Menschen steht im Mittelpunkt, nicht, dass alle bei der Feier das richtige Essen bekommen", sagt Maschlanka.

Insgesamt haben wegen Corona nur 18 Prozent der Paare ihre Trauung abgesagt. Die Hälfte von ihnen hätte an einem der Sonderorte wie Fembohaus oder Kaiserburg feiern wollen und tun dies nun doch lieber im Standesamt, weil sich die prachtvollen Lokalitäten mit so wenigen Gästen nicht lohnen. "Wir erwarten nächstes Jahr einen ziemlichen Ansturm", sagt Judith Maschlanka. Viele Paare hätten angekündigt, ihr rauschendes Fest 2021 nachholen zu wollen.

Stephanie Siebert

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