Freitag, 26.04.2019

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Unterwegs auf allen Kontinenten

Zwei Franken bereisen die Welt - 27.11.2018 19:06 Uhr

Auch Rentiere haben Tanja (li.) und Denis Katzer bei ihrer Reise in die Mongolei gesattelt. Mehr Fotos unter www.denis-katzer.de. © Fotos: Tanja und Denis Katzer


Die Fakten und Zahlen sind schnell aufgelistet und erschlagen einen ob der Quantität: seit 27 Jahren immer wieder unterwegs, auf allen Kontinenten gewesen und 410 000 Kilometer dabei zurückgelegt. Das schaffen Top-Manager zwar auch, doch Denis Katzer und seine Frau Tanja benutzen Flugzeug und Eisenbahn bloß für die erste Etappe ab Nürnberg. Am eigentlichen Startpunkt angekommen, geht es mit landesüblichen Mitteln weiter. Mit Fahrrad, E-Bike, Bus, Pferd, Kamel, Elefant oder notfalls auch zu Fuß.

Das geht in die Knochen. Das will geplant sein. Deshalb gehört zum Vorab-Pensum neben Kartenstudium und Routenplanung das Erlernen der Landessprache. Katzers haben sich auf der Volkshochschule die wichtigsten Vokabeln des Russischen, Chinesischen, Vietnamesischen sowie des Urdu, der Nationalsprache Pakistans, eingepaukt. Englisch ist sowieso Grundvoraussetzung.

Hinzu kommt die Wahl der Ausrüstung: Vehikel und Ersatzteile, Werkzeug, Karten und Kompass, GPS, Batterien und Akkus, die passende Kleidung und Schuhe. Und ständig muss man böse Überraschungen einkalkulieren. "Bei der Australien-Durchquerung waren auf den Karten noch Siedlungen verzeichnet, die längst aufgegeben waren", erzählt Denis Katzer. "Darum schleppten wir stets so viel Wasser mit, dass es bis spätestens zum dritten Wasserloch noch reichte."

Mit Pack- und Reitpferden durchritten die Weltenbummler aus Schwaig bei Nürnberg die mongolische Hochlandsteppe bis zur sibirischen Grenze, um mit den dort lebenden letzten Rentiernomaden der Erde einen arktischen Winter zu verbringen.


Aber was nützt die beste Planung, wenn Entscheidendes schiefgeht? Dann ist Improvisation angesagt. Und Durchhaltevermögen. Denis Katzer hatte in seiner Jugend die brutalstmögliche Schulung durchlaufen, nämlich die Ausbildung zum Fernspäher bei der Bundeswehr. "Das bedeutet Aufklärung hinter der Front, Überleben in freier Wildbahn, im Ernstfall das reinste Himmelfahrtskommando", erklärt der 58-Jährige. "Von dieser Ausbildung zehre ich heute noch, denn sie hilft mir, Extremsituationen zu meistern. Nur zehn Prozent der Teilnehmer halten die Ausbildung durch, denn sie führt dich physisch und psychisch an deine Grenzen. Aber du erkennst: Wenn du glaubst, du brichst im nächsten Moment zusammen und du überwindest diesen Moment, dann merkst du, dass noch mehr Kraft und Willen in dir steckt. Bis zu sieben Mal kannst du solche Momente überwinden, bis du wirklich nicht mehr kannst."

Darum auch verlassen sich die Katzers nicht allzu sehr auf moderne Technik und vertrauen lieber auf die eigenen Fähigkeiten. Dazu gehört vor jeder Weltreise das Auffrischen in Erster Hilfe, die Fahrschulung mit Laster und Allradantrieb, das Anlegen einer Seilwinde fürs havarierte Fahrzeug, die Pannensuche und -behebung.

Mit den Jahren sind beide Katzers tief nachdenklich geworden. Das Ausmaß der Umweltzerstörung nehmen sie gerade in der Ferne bewusster und dramatischer wahr als daheim: "Anfang der Achtzigerjahre gab es kaum Plastik auf der Welt, heute stinkt es etwa in Thailand überall nach Plastik. In Vietnam sind wir 1000 Kilometer weit an Straßengräben voll brennenden Plastikmülls entlanggeradelt. Die Flüsse sind Kloaken, und nach einem Hochwasser hängen die Bäume bis in vier Metern Höhe voller Müll."

Das Reisen ermüdet langsam, doch Kraft bezieht das Paar, das sich als "reisende Explorer" versteht, aus dem Beobachten und ihrem Selbstverständnis als "Botschafter von Mutter Erde". Dazu gehört, das Gute und das Schlechte wahrzunehmen und zu dokumentieren.

Jeden Tag kommen an die 100 Fotos zusammen, nach drei Ausflügen sitzt Denis Katzer bis zu eineinhalb Wochen da und schreibt alle frischen Eindrücke nieder, vom misstrauischen Blick des Zöllners bis zum Gastmahl bei den Einheimischen. Die Bilderflut wird dreifach gesichert. Einmal auf dem Laptop sowie auf zwei externen Festplatten, die separat im Gepäck untergebracht werden; und neuerdings auch in der Cloud. Denn die Bilder sind ihr Kapital.

Und wenn man nach zwei bis drei Jahren wieder daheim ankommt? Dann folgen Bildauswahl und Schreibarbeit, das Verhandeln mit dem Buchverlag, das Pflegen der Sponsoren, die Tour durch Kinos und Vortragssäle.

Lohnt sich das? Denis Katzer überlegt: "Wenn wir daheim fragen, was in der Zeit passiert ist, dann heißt es, der eine ist gestorben und der andere hat geheiratet. Wenn du aber aufbrichst, dann fängt das pure Leben an, impulsives, nachhaltiges, unvergessliches Leben. Ich finde es toll, dass die Welt so unterschiedlich ist. Und so soll es bleiben. Geld brauchst du als Zahlungsmittel, der wirkliche Reichtum aber liegt in deinen Erfahrungen. Von daher bin ich nicht 58 Jahre alt, sondern gefühlt dreihundert."

Geld brauchst du als Zahlungsmittel, der wirkliche Reichtum aber liegt in deinen Erfahrungen.

Denis Katzer 

Reinhard Kalb

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