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Vater im S-Bahn-Prozess: "Ich brauche lückenlose Aufklärung"

Die Richter halten einen Schuldspruch wegen Totschlags für denkbar - 03.12.2019 19:05 Uhr

Während einer Schubserei am Nürnberger Frankenstadion im Januar stürzten drei junge Männer ins Gleisbett - zwei davon wurden von einer S-Bahn erfasst und starben. © ToMa


Seit 14. November wird in der Jugendkammer I des Landgerichts Nürnberg-Fürth über die tödliche Schubserei am Bahnsteig verhandelt, mittlerweile, so sagt Georg Ballmann, habe er das Video unglaublich häufig gesehen. "Ich brauche die lückenlose Aufklärung", erklärt er, "wir tun uns den Prozess nicht an, damit Hass und Rache in uns wachsen, wir wollen einfach nur genau wissen was passiert ist."

Die Familien von Luca Ballmann (16) und Frederik Wilke (16) sitzen an jedem Verhandlungstag im Saal. Sie müssen wissen, wie es zu dem Drama kam – auch, weil eine schlimme Gewissheit leichter zu ertragen sei, als eine nie endende Sorge. "Die Vorstellung, bis ich das Video erstmalig sah, dass mein Sohn eventuell im Gleisbett mehrere Sekunden in Todesangst auf den einfahrenden Zug starrte, war entsetzlich", sagt Georg Ballmann. Das Gutachten des Rechtsmediziners mag vielleicht ein Trost in der Tragödie sein: Luca und Frederik sind sofort gestorben, als sie vom Zug erfasst wurden. Ihr Tod trat sehr schnell ein.


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Die Väter, die Mütter, die Geschwister, die Jugendlichen am Bahnsteig, der Lokführer, der in den Bahnhof einfuhr, Signale abgab, eine Notbremsung einleitete und dennoch den Tod der Jugendlichen nicht verhindern konnte – "wir werden alle die Erinnerungen an diese Nacht unser ganzes Leben lang mit uns tragen müssen", so Björn Wilke. Der Vater von Frederik betont, dass er im Gerichtssaal natürlich auch sehe, wie verzweifelt die Mutter eines Täters ist und wie traumatisiert die jugendlichen Zeugen wirken, die damals am Bahnsteig standen und nun als Zeugen gefragt sind.

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An der Nürnberger S-Bahnhaltestelle Frankenstadion kommt es an einem Wochenende Ende Januar zu einem furchtbaren Unglück, drei Personen fallen ins Gleisbett. Einer von ihnen kann sich retten, die anderen beiden werden von einem einfahrenden Zug überrollt und getötet. Eine Rekonstruktion der Ereignisse.


Verurteilung wegen Totschlags kommt in Betracht

Es sieht so aus, als bräuchte es mehr Zeit, das Verbrechen am Bahnsteig zu rekonstruieren. Noch ist offiziell von Terminen bis Mitte Dezember die Rede. Doch Dieter Weidlich, der Vorsitzende Richter der Jugendkammer I, erteilte gerade den Hinweis, nachdem dies durch die Nebenklagevertreter auf Grundlage der bisherigen Beweisaufnahme angeregt wurde, dass auch eine Verurteilung wegen Totschlags in Betracht kommt. Die Kammer tagt mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen.

Bedeutet dies eine Wendung in dem nicht öffentlich geführten Jugendstrafverfahren? Bereits im Vorfeld des Prozesses hatten sich die Väter der getöteten Jugendlichen an unsere Zeitung gewandt: Denn die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth hatte im Sommer Anklage wegen Körperverletzung mit Todesfolge erhoben – aus Sicht der Eltern klingt dies verharmlosend. Der Vorwurf höre sich nach einer Prügelei an, an deren Ende die Opfer versehentlich ins Gleisbett fallen, so sagten die Väter. Doch riskiert nicht jeder, der einen anderen in ein Gleisbett stößt, dessen Tod? Wäre Totschlag nicht die angemessene Überschrift über dieser Tragödie? Die Angehörigen von Frederik und Luca sind positiv gestimmt, dass zumindest, seitens der Jugendkammer I des Landgerichts, ihre Auffassung nun in Erwägung gezogen wird. "Wir hoffen, dass sich diese durchsetzt", sagen die Väter.


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Während der laufenden Beweisaufnahme wird in der Jugendkammer I das Überwachungsvideo vom Bahnsteig von jener Nacht zigmal betrachtet, und wenn einer der Jugendlichen, die damals am Bahnsteig standen, als Zeuge gehört wird, werden die Aufnahmen erneut abgespielt. Doch selbst wenn all dies hilft, die Tat zu rekonstruieren, stellt sich noch immer die Frage, ab wann ein Täter den Tod seines Opfers wollte, wann riskierte oder billigend in Kauf nahm und wann eine Rangelei schlicht eskalierte, bis sie tödlich endete.

An einen Zug will keiner gedacht haben

Durch Fahrlässigkeit wurde der Tod von Luca und Frederik nicht verursacht, die Angeklagten, beide wurde gerade 18 Jahre alt, räumen ein, geschubst zu haben. Einer bestätigte, er wollte anderen auch wehzutun, der andere erklärte, er sei im Getümmel in Bedrängnis geraten und habe daher geschubst. Dass jemand ins Gleisbett fallen könnte, sei beiden klar gewesen, doch an einen Zug will keiner gedacht haben. Verursachten sie durch Körperverletzung den Tod oder wäre Totschlag nicht die angemessene Überschrift über dieser Tragödie?

Die Prozessbeteiligten legen das Geschehen gänzlich unterschiedlich aus – wohl auch deshalb, weil das Video ohne Ton aufgezeichnet wurde. Was am Bahnsteig gesprochen, gar geschrien wurde, bleibt offen.

Tatsächlich sind auf dem Video die Lichter des einfahrenden Zuges bereits zu sehen, als am Bahnsteig gerangelt wird. Eine der Kernfragen lautet: Haben die Angeklagten diesen Zug wahrgenommen oder hätten Sie damit rechnen müssen? Wurden Luca und Frederik gezielt gestoßen – oder wurde gedankenlos geschubst?

Den richterlichen Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen Totschlags denkbar sei, als Wendung zu interpretieren, wäre wohl übertrieben, doch die Richter teilen mit ihrem Hinweis mit, welchen vorläufigen Eindruck die bisherige Beweisaufnahme ergeben hat, bzw. welche Aufklärung, welchen Vortrag oder welche Beweisantritte sie noch für erforderlich halten – und daher ist es gut möglich, dass die Verteidigung weitere Beweisanträge stellen wird und weitere Zeugen geladen werden. In diesem Fall wird das Strafverfahren im neuen Jahr fortgesetzt. Und die Eltern und Geschwister von Luca Ballmann und Frederik Wilke werden die Aufnahmen von 23.49 Uhr bis 0.13 Uhr noch viele Male sehen.

Ulrike Löw

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