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Verletzter Vierjähriger: Was passierte in der "Schaukel"?

Kindergartenbetreiber hüllen sich nach außen in Schweigen - 09.12.2017 05:19 Uhr

Ein Erzieher soll einen vierjährigen Jungen absichtlich gestoßen haben. (Symbolbild) © Patrick Pleul/Symbolbild (dpa)


Zunächst die Fakten. Der Vierjährige und seine Zwillingsschwester haben seit September 2016 den Kindergarten "Schaukel" an der Heimerichstraße besucht. Die allein erziehende Mutter (24) ist Auszubildende im Nord-Klinikum. Die Oma (45) hilft bei der Betreuung der Kinder aus.

Mitte November diesen Jahres ruft der Kindergarten bei der Mutter an, weil der Junge verletzt wurde. Als sie kurz darauf in die Einrichtung kommt, blutet das Kind am Kopf. Beide gehen zum Kinderarzt, der eine Schädelprellung, eine Platzwunde am Kopf des Jungen und ein blutunterlaufenes Auge dokumentiert.

Am Abend fahren Mutter, Oma und Kinder zur Polizeiinspektion West, um Anzeige zu erstatten. Dem aufnehmenden Beamten erzählt der Junge, der Erzieher im Kindergarten habe ihn absichtlich in eine Puppenecke geschleudert. Er habe Angst vor dem Mann.

Der Kindergarten bestreitet dies gegenüber der Mutter. Es handele sich um einen Unfall. Ein formelles Gespräch folgt, das Bedauern wird ausgedrückt. Der Erzieher allerdings ist nicht anwesend und entschuldigt sich auch zu keinem Zeitpunkt, sagt die Oma des Jungen, die sich inzwischen an die Medien gewandt hat. Mutter und Oma beschließen, die Kinder vorerst zu Hause zu lassen, damit sie dem Erzieher nicht mehr begegnen müssen. Weil der Junge Angst hat. Und weil seine Schwester, die bereits trocken gewesen sei, wieder einnässe, seit sie in den Kindergarten gehe, so die Oma.

Anfragen von Journalisten bei der Einrichtung zu dem Vorfall stoßen ins Leere. Sowohl Kindergarten-Leiterin Tanja Jäger als auch die Geschäftsführerin des Trägers, der "Schaukel Kinderbetreuung gGmbH", Barbara Plato, schweigen zu dem Vorfall, bei dem immerhin ein Kind erheblich zu Schaden gekommen ist.

Entsetzen bei Mutter und Oma

Dafür bekommt die Mutter kurz darauf Post: Wegen einer Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses schließt Barbara Plato die Zwillinge "mit sofortiger Wirkung von der Betreuung in unserer Kita" aus. "Bitte vereinbaren Sie zwecks Abholung der persönlichen Gegenstände Ihrer Kinder einen Termin beim Unterfertiger", heißt es weiter in dem Schreiben, das mit der Grußformel "Hochachtungsvoll!" endet.

Mutter und Oma sind entsetzt, wenden sich an das Jugendamt, um eine Tagesmutter zur Überbrückung zu bekommen. Doch schon folgt die nächste Wendung. Der Personalmanager des Klinikums, Roland Fichtner, meldet sich drei Tage nach dem Kündigungsschreiben bei der Mutter – und entschuldigt sich in aller Form. Die Kündigung solle zurückgenommen, der Erzieher ab sofort suspendiert und gekündigt werden.

Diese gewandelte Haltung bestätigen Fichtner und die Kindergarten-Leiterin, Tanja Jäger, der Mutter während eines persönlichen Gesprächs am Dienstag dieser Woche im Kindergarten. Dem Erzieher sei gekündigt worden, den Kündigungsgrund wollen die "Schaukel"-Verantwortlichen allerdings nicht mitteilen, berichtet die Oma später.

Kindergarten-Leiterin hat Redeverbot erhalten

Und die 45-Jährige bestätigt, was eine anonyme Anruferin der Lokalredaktion erzählt hatte: Dass ihr Enkel, der ja offenbar durch den Erzieher verletzt wurde, immer wieder einmal aggressiv reagiere und um sich schlage – wenn er sich in die Ecke gedrängt fühle oder sich sonst verbal nicht mehr zu helfen wisse. Der Junge befinde sich deswegen in Behandlung. "Und er ist ja auch erst vier", sagt die Oma, das werde sich auswachsen.

Die anonyme Anruferin hatte ausdrücklich auf den Elternbeirat des Kindergartens verwiesen. Eine Rufnummer will "Schaukel"-Geschäftsführerin Plato der Lokalredaktion nicht geben, verspricht aber, die Anfrage weiterzuleiten. Kindergarten-Leiterin Jäger macht auf Anfrage deutlich, dass sie ein Redeverbot erhalten hat. Die Vorsitzende des Elternbeirates allerdings, sie ist Anästhesie-Oberärztin an einem Krankenhaus in Nürnberg, meldet sich – nicht.

Was bleibt, sind viele offene Fragen: Wie passt es zusammen, dass der Kindergarten den Vorfall ausdrücklich als Unfall charakterisiert, aber den Erzieher entlässt? Weshalb ändert sich die Haltung der Einrichtung in Sachen Betreuungs-Kündigung just in dem Moment, als Journalisten zu dem Vorfall recherchieren? Wie kann der Klinikums-Personalmanager die Kündigung der Kinderbetreuung zurücknehmen, obwohl die "Schaukel" keine Einrichtung des Klinikums ist, wie Klinikums-Sprecher Bernd Siegler betont? Und nicht zuletzt: Aus welchen Gründen sind auf der Internet-Seite des Kindergartens alle 13 weiblichen Team-Mitglieder genannt und abgebildet, die (bislang) zwei männlichen Erzieher aber nicht? 

Tilmann Grewe

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