Mittwoch, 08.04.2020

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Verzierungen wegsaniert: Wieder Architektur-Ärger in Nürnberg

Schön, aber nicht schützenswert: Kritik am Vorgehen der Eigentümer - 12.12.2019 19:48 Uhr

Im Zuge der Arbeiten wurden die Verzierungen einfach abgeschlagen. © Foto: Moritz Schlenk


An der Hauswand befestigen einige Arbeiter gerade Dämmmaterial. Ein paar Meter weiter stehen große Baucontainer, in denen sich Sandsteinüberreste häufen. In Schoppershof wird an der Kreuzung Schoppershofstraße/Am Messehaus die Hausfassade von Nummer 20, in dessen Erdgeschoss das kubanische Restaurant "La Habana" residiert, saniert.


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Die Arbeiten an der Fassade, des im Jahr 1906 erbauten Hauses, sorgten zuletzt unter Anwohnern für Aufmerksamkeit. Auch in sozialen Netzwerken schlug die Debatte hohe Wellen. Viele empörten sich über die Entfernung der Verzierungen an der sandsteinernen Hauswand. "Wo ist da der Denkmalschutz oder der Ensembleschutz?", meint etwa eine Nutzerin. Bei Letzterem ist – anders als beim Denkmalschutz – nicht das komplette Haus, sondern lediglich der nach Außen sichtbare Teil geschützt.

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Das Problem: Laut dem bayerischen Denkmal-Atlas des Landesamtes für Denkmalschutz steht das Sandsteinhaus weder unter Denkmal- noch unter Ensembleschutz. Bedeutet: Die Eigentümer können das Haus nach eigenem Ermessen renovieren. Kritik müssen sie sich aufgrund der zentralen Lage im Stadtteil dennoch gefallen lassen.

"Mehr als gut zureden bleibt nicht"

Der Stadt Nürnberg sei die Fassadenrenovierung an jenem Haus bekannt. Auf Wunsch berät die Bauordnungsbehörde Bauherren von "Gebäuden mit schönen, aber nicht geschützten Fassaden". Diese Dienstleistung wird jedoch – laut Behörde – nur bedingt in Anspruch genommen. Auch im konkreten Fall, ließen sich die Eigentümer des Sandsteinhauses, eigenen Angaben zur Folge, vorab nicht von der Stadt Nürnberg beraten. Der Baureferent der Stadt, Daniel Ulrich, kritisiert die Umbaumaßnahmen scharf, betont jedoch eine mangelnde Handhabe: "Mehr als gut zureden bleibt in solchen Fällen nicht, das haben wir immer wieder getan, mal erfolgreich oder – wie im aktuellen Fall – erfolglos".

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Die Eigentümer geben an, von einer unabhängigen Beratung durch die Stadt nichts gewusst zu haben und verweisen auf den Kostenaspekt der Renovierung: "Alle, mit denen wir gesprochen haben, haben uns gesagt, eine Sandsteinfassade könne man bei der großen Fläche nicht anders renovieren". Außerdem sei die Renovierung ein Spagat zwischen Energiewende und Historie. "Alle wollen immer Energie- und Heizkosten sparen, wenn dann was gemacht wird, ist das Geschrei groß", so die Eigentümer.

Sebastian Gulden, denkmalpflegerischer Gutachter, Bau- und Kunsthistoriker, sieht allen voran die Ästhetik im Stadtteil Schoppershof in Gefahr: "Meiner Meinung nach fehlt hier ein ästhetisches Gespür für das im 19. und 20. Jahrhundert errichtete Gebiet. Gerade optisch bereichern die Sandsteingebäude mit den Verzierungen und dem Stuck das historische Stadtbild".

"Ästhetisches Gespür fehlt"

Die Eigentümer weisen auch diese Kritik von sich, ihnen sei die Bedeutung des Hauses für das Stadtbild durchaus bewusst. Eine sinnvolle Dämmung sei ihrer Meinung nach ohne finanzielle Zuschüsse anders nicht möglich gewesen. Der Kritik des Kunsthistorikers schließt sich auch Ulrich an. Unabhängig vom konkreten Fall kritisiert der Baureferent eine "Verantwortungslosigkeit einzelner Bauherren gegenüber der überlieferten Substanz einer Stadt."

Brigitte Sesselmann, selbstständige Stadtplanerin und Architektin, beurteilt die Arbeiten am Haus ebenfalls kritisch. Das prägnante Objekt an der Kreuzung erachtet sie selbst als nicht denkmalschutzwürdig. Dennoch meint sie: "Das Haus hätte zumindest unter Ensembleschutz gestellt werden können".

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Einen weiteren Kritikpunkt sieht die Architektin in der Dämmung des Gebäudes. Sesselmann zur Folge gebe es fast immer auch andere Möglichkeiten ein Haus effizienter zu dämmen: "Gerade bei Sandsteinhäusern sollte man eher eine Dämmung von innen heraus in Betracht ziehen, um so die Fassade zu bewahren."

Einer der Eigentümer entgegnet dem: "Viele der Wohnungen im Haus wurden in den vergangenen Jahren bereits nach und nach renoviert, wir haben also von Innen schon alles was möglich war, gemacht, um energetisch abzudämmen." Der Hauptgrund für die Renovierung sei zudem das undichte Dach gewesen, so die Eigentümer. "Das Gerüst stand schon, also haben wir uns dazu entschieden, die Fassadendämmung gleich mitzumachen."

Den Eigentümern zur Folge, soll zumindest der untere Teil der Sandsteinfassade, sprich der Teil bis zum ersten Stock, erhalten bleiben. Außerdem stehe die Überlegung im Raum, den Stuck an jenem Teil in den kommenden Jahren ähnlich der Nachbarhäuser zu restaurieren. Die Renovierungsarbeiten am markanten Eckhaus in Schoppershof, sollen möglichst noch vor Weihnachten abgeschlossen werden.

Moritz Schlenk

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