Donnerstag, 26.11.2020

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Verzweifelte Nürnberger Gastronomen: "Das kam wie der letzte K.O.-Schlag"

Hotel- und Gastrogewerbe fürchte nach dem Corona-Lockdown um Zukunft - 30.10.2020 05:58 Uhr

Schon im Frühjahr musste die Gastronomie schließen - nun kommt es de facto wieder so.

29.10.2020 © Daniel Karmann, NNZ


Es hat ja etwas von einem Deja-vu: Die Corona-Zahlen steigen, die Diskussionen nehmen zu, die Politik setzt sich zusammen und beschließt einen Lockdown. "Immerhin haben wir jetzt Erfahrungswerte, wissen wie es war", übt sich Cenk Aksu vom Nürnberger Restaurant Pegnitztal in bemühtem Optimismus. "Wir werden es wieder so machen, wie beim ersten Mal. Take-away hat funktioniert, wir haben überlebt." Ob es auch dieses Mal gelingt? Aksu weiß es nicht.

Denn im November müssen Gastronomen ihre Stuben dicht machen, Speisen dürfen nur abgeholt oder geliefert werden. Und ob die Leute auch dieses Mal mitmachen? Wenn es im Winter kalt und ungemütlich draußen ist? Der Koch will einen Aufruf in sozialen Netzwerken starten: Die Bevölkerung müsse die Gastronomie unterstützen und Essen holen "So wie beim ersten Mal im Frühjahr. Das ist viel wert."

Viel Geld ausgegeben

Von so viel Optimismus ist Kostas Chatzis weit entfernt. "Ich verzweifele" sagt er. Erst vor zwei Monaten hat er das griechische Restaurant Thalassa eröffnet - trotz Corona. "Wir haben zwei Arbeitsplätze geschaffen, uns an alle Regeln gehalten, so viel Geld ausgegeben, um die Hygienevorschriften einzuhalten". Sein Laden habe noch nicht die Zeit gehabt, sich zu etablieren, "Lieferdienst können die Restaurants machen, die Stammgäste haben. Wir werden es anbieten, aber es ist sinnlos".

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Und auch von den in Aussicht gestellten Überbrückungshilfen - kleine Firmen sollen bis zu 75 Prozent des Umsatzes erstattet bekommen, den sie im Vorjahresmonat, also im November 2019, erwirtschaftet haben - werde er nicht profitieren können: Erst ab einem Jahr Betriebsdauer fließen die Gelder. Und die hat Chatzis nicht. "Ich muss alles weiter selber finanzieren."

Stephan Schulz von der Mata Hari-Bar setzt durchaus auf die Finanzhilfen - auch wenn noch nicht klar sei, wie die ausgestaltet seien. Was werde etwa gegengerechnet? Gleichzeit müsse er sich überlegen, welche Investitionen er noch tätige: Er hat Heizstrahler für seinen Außenbereich bestellt, es fallen Kosten von mehreren Tausend Euro an. Hält er daran fest? Oder storniert er? Denn was ist, wenn die Zahl der Covid-19-Erkrankten nicht runtergehe? "Ich muss mich darauf einstellen, dass ich erst wieder aufmachen kann, wenn die Zahlen im Frühjahr runtergehen. Das ist der Worst Case."

Die letzten Tage bis zum Lockdown wird er sein Außencafe aber öffnen, am Samstag sogar länger als sonst, von 11 bis 21 Uhr. "Danach habe ich im Lockdown Zeit für meine Kinder."

Im Hotel und Restaurant Steichele gibt es ab nächster Woche Kurzarbeit - 46 Mitarbeiter hat das Haus. Eine Beschäftigung gibt es für sie im November kaum mehr. Lediglich einen MItnahmeservice für Essen wird Bernhard Steichele anbieten: "Das lohnt aber eigentlich gar nicht." Sein Hotel macht er ab Montag für eine Woche sogar ganz zu, "wir hatten so wenig Übernachtungen, dass wir abgebrochen haben". Und danach? "Wir überlegen noch."

Lediglich im Januar und Februar dieses Jahres habe er Geld verdient, ab da draufgezahlt. Und egal wie es im Dezember weitergeht, "das Geschäft wird den Rest des Jahres nur rudimentär sein", glaubt Steichele. Denn schon seitdem die Corona-Ampel für Nürnberg auf gelb und dann rot umgeschwungen sei, hagele es Stornierungen fürs Restaurant. Unternehmen sagen reihenweise ihre Weihnachtsfeiern ab - sofern die überhaupt geplant worden waren.

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Daniela Hüttinger vom Hotel Drei Raben hat schon länger mit einem Umsatzminus von 80 bis 90 Prozent für das letzte Quartal 2020 gerechnet. Die abgesagten Messen, die steigenden Coronazahlen - "uns war klar, dass es auf einen de facto Lockdown hinausläuft. Gestern kam es wie der letzte K.O.-Schlag."

Sie sei verzweifelt, habe über Monate Hygienekonzepte entwickelt, investiert und Geld in die Hand genommen - nun hoffe sie auf die finanzielle Unterstützung von Seiten der Politik. Denn auch wenn ihr Hotel - wie auch schon im Frühjahr - geöffnet bleibe - es rentiere sich nicht. "Da kommen vielleicht zwei Gäste pro Woche. Das ist wie eine Schließung."

Kommen nun Privat-Partys?

Noch vor wenigen Tagen habe das RKI bestätigt, dass nur ein sehr kleiner Teil des Infektionsgeschehens auf Ansteckungen in Hotel- und Gastrogewerbe zurückgingen. "Wir hatten gehofft, mit vielleicht zusätzlichen Maßnahmen weiter geöffnet haben zu dürfen." Nun, so fürchtet sie wie viele ihrer Kollegen, dass sich Zusammenkünfte aus dem professionellen Bereich in den privaten Raum verlagern könnten, dort unkontrolliert bleiben - egal ob es um Abstand oder Gruppengröße geht - und die Corona-Zahlen einfach nicht sinken werden.


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