Vollendete Formen ohne Zirkel und Lineal

10.9.2008, 00:00 Uhr
Auf diesem Portrait sieht man Stephan Brechtel den Älteren in der Kleidung eines vornehmen Mannes inmitten von Symbolen für Wissenschaft und Kunst. Abb.: Stadtbibliothek Nürnberg

Auf diesem Portrait sieht man Stephan Brechtel den Älteren in der Kleidung eines vornehmen Mannes inmitten von Symbolen für Wissenschaft und Kunst. Abb.: Stadtbibliothek Nürnberg

Der in Bamberg geborene Stephan Brechtel (1523-1574) kam 1540 nach Nürnberg, um bei Johann Neudörffer die Schönschreibkunst zu erlernen. 1545 zog er weiter nach Leipzig und ließ sich dort in Mathematik sowie in der Kunst der Sonnenuhren und der Büchsenmacherei unterrichten. Nach seiner Rückkehr erwarb er 1548 das Nürnberger Bürgerrecht und heiratete Veronika, eine Tochter des Komponisten Sebald Heyden. 1563 wurde er Genannter des Größeren Rates. Wie sein Lehrer Neudörffer genoss er zahlreiche Privilegien, die ihn über den Handwerkerstand emporhoben.

Von Stephan Brechtel haben sich keine Zeugnisse seiner Lehrtätigkeit als Schreibmeister, wohl aber Belege für seine vielseitigen Interessen erhalten. Um 1554 bis 1568 fertigte er ein umfangreiches Wappenbuch von über 500 Blättern mit mehr als 1100 Wappen von Familien im Heiligen Deutschen Reich an. Ausdrücklich bezeichnet er sich in der Vorrede zu dieser Handschrift nicht als Schreibmeister, sondern als «Bürgern und Arithmethicum zu Nürnberg».

Vornehmer Mann mit pelzbesetztem Kragen

Die Identifikation als Mathematiker ist mit Sicherheit kein Zufall wie ein um 1574 entstandenes Holzschnittporträt von Tobias Stimmer (1539-1584) und von Bernhard Jobin (gest. 1593) belegt. Es zeigt einen vornehm gekleideten Mann in einem Obergewand mit pelzbesetztem Kragen und zwei Fingerringen, der mit beiden Händen ein Buch umfasst und auf der Brüstung vor sich einen Polyeder auf einem Blatt mit einer geometrischen Zeichnung liegen hat. In den Zwickeln des Bildrahmens sitzen zwei weibliche Personifikationen von Astronomie und Geometrie mit einem Quadranten zur Ermittlung von Planetenständen beziehungsweise einem Globus und einem Zirkel sowie zwei Putten mit Zupf- und Streichinstrumenten.

Das Buch bezeichnet Brechtel als gelehrten Mann, der vielflächige Körper und die Personifikationen verweisen auf die mathematischen und die Putten auf musikalische Kenntnisse. Somit liefert das Porträt entscheidende Hinweise auf Stephan Brechtels Selbstverständnis: Er definierte sich nicht über seine Tätigkeit als Schreibmeister, sondern sah sich - ähnlich übrigens wie seine Zeitgenossen, der Goldschmied Wenzel Jamnitzer (1508-1585) und Johann Neudörffer - als Wissenschaftler. Dazu passt, dass von Brechtel ansonsten nur Drucke und Handschriften zu Geometrie, Algebra und Feldmesskunst überliefert sind und er zusätzlich als Visierer (Eichmeister) tätig war.

Vielseitig begabt waren auch die drei Söhne Stephan Brechtels, die bei ihrem Vater als Schreib- und Rechenmeister in die Lehre gingen. Franz Joachim Brechtel (1554-1593) trat zusätzlich als Büchsenmeister und vor allem als Komponist hervor. Der mittlere, in der Schönschreiberei wohl begabteste Sohn Stephan Brechtel der Jüngere (1558-1587) verstarb bereits mit 29 Jahren. Sein Talent in der Auszierung von Großbuchstaben mit gezeichneten Elementen belegt eine in der Stadtbibliothek Nürnberg erhaltene Handschrift.

Die Leistungen seiner Familie in der Schönschreibkunst hat der jüngste Sohn Christoph Fabius Brechtel (1568-1622) in seinem Hauptwerk, der «Unterweisung der fürnemsten teutschen Hauptbuchstaben» von 1602 verewigt. Es ist dieses das einzige Lehrbuch zur Konstruktion von Zierbuchstaben, das über eine Sammlung von Musteralphabeten hinaus eine Anleitung zur Anfertigung dieser Buchstaben gibt. Als wichtigste Voraussetzung bezeichnet Brechtel die Bereitschaft zur Übung der Hand. Sodann gibt er einige Ratschläge für eine gute Stellung der einzelnen Züge eines Buchstabens zueinander. Als grundlegende Eigenschaft eines Schönschreibers bezeichnet er aber das Augenmaß, eine intuitive Fähigkeit zur Erfassung von Schönheit und Harmonie in den gesetzten Federzügen.

Mit dieser Berufung auf die künstlerische Schöpfungskraft schließt er geometrische Konstruktionsprinzipien aus und charakterisiert die Besonderheit der im deutschen Sprachraum gebräuchlichen, mit Zierzügen und Zierrat überladenen Buchstaben treffend: Sie können nicht mit Hilfe von Zirkel und Lineal angefertigt werden, jedem Schreibmeister ist vielmehr eine eigene künstlerische Handschrift eigen. Die dem Text angehängten, in Kupfer gestochenen Zierbuchstaben bezeugen die Kunstfertigkeit der Nürnberger Schreibmeister um 1600, deren Niedergang allerdings mit dem Dreißigjährigen Krieg begann. Christoph Fabius Brechtel selbst übernahm sich mit kostspieligen Druckunternehmungen finanziell und musste aus Nürnberg fliehen. Die Familie starb 1644 aus.

Die Ausstellung «Zierlich schreiben. Der Schreibmeister Johann Neudörffer d.Ä. und seine Nachfolger in Nürnberg» in der Eingangshalle der Bibliothek Egidienplatz dauert noch bis zum 12. September. Am heutigen Mittwoch wird um 16.30 Uhr eine kostenlose Führung angeboten.

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