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Dienstag, 17.09.2019

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Was ist der Klang von Nürnberg?

Journalistin und Filmemacherin Sehbal Senyurt Arinli über ihr Leben - 11.09.2019 15:47 Uhr

Die Journalistin und Filmemacherin Sehbal Senyurt Arinli kommt aus der Türkei und lebt seit knapp zwei Jahren als Stipendiatin des Programms „Writers in Exile“ in Nürnberg. © Foto: Steffen Radlmaier


Eine Stadt kennenlernen, sich in dieser Stadt selbst neu entdecken. . .

Eine Silhouette betrachten, als würde man die eigene Vergangenheit betrachten. . .

Mit jedem neuen Ort erneuerst du dich, mit jedem Neuankömmling wird aus einer Stadt etwas Neues!

Straßen betreten, schon bekannte, dann unbekannte, anschauen, erleben, empfinden, ins Leben eintauchen, zulassen, dass sie dich berühren.

Dass man die Spuren der Vergangenheit so sorgfältig bewahrt, ist wunderbar! Dies mag einem in Europa aufgewachsenen Menschen ganz normal vorkommen und kann mit der Begründung, dass das Leben schließlich ja weitergeht, auch heftig kritisiert werden. Wenn Sie aber aus Anatolien oder dem Nahen Osten kommen, wo man Spuren der Vergangenheit wie Sünden verhüllt oder tilgt und den Gedanken der Bewahrung – sei es bewusst oder unbewusst – geistig ganz grundsätzlich ablehnt, die Vergangenheit entwertet und unbarmherzig ausradiert – ja, dann ist dies außerordentlich!

Was Sie bei der Ankunft in Nürnberg zunächst empfängt, ist diese im Anklang an die Vergangenheit wieder erstandene Silhouette. Das Wichtigste dabei ist, dass die Bevölkerung das Zerstörte nach langen Diskussionen unter den Entscheidungsträgern wieder aufbauen ließ. Wenn es auch im Schulterschluss mit Leuten geschehen ist, die sagten, "Wir haben es zerstört, baut ihr es wieder auf", so waren es doch Menschen, die quasi einem instinktivem Drang zur Selbstheilung folgten: "Dies ist mein Leben!" Mit jedem Tropfen Schweiß, der in diesen Steinen steckt. . .

Sich in einer neuen Stadt selbst neu entdecken. Den Spuren der Erfahrungen nachgehen, die eine Stadt zur Stadt machen. Anknüpfungspunkte finden. Noch einmal in Frage stellen, was dich selbst ausmacht. Frei von Aufregung sein, innerliche Ruhe genießend.

Stimmen aus vergangenen Jahrhunderten, der Musik der Stadt zuhören!

Jede Stadt hat ihre Musik. Was könnte die Musik dieser Stadt sein?

Vielleicht die Pegnitz. Vielleicht all die Brücken über die Pegnitz – die Museumsbrücke, die Karlsbrücke. . . Vielleicht – nein, ganz sicher – Hans Sachs. Albrecht Dürer, der dieser Stadt seinen Stempel aufgedrückt hat, kann ich aus irgendeinem Grunde nicht erspüren! Vielleicht, weil ich seine Werke in Museen anderer Länder gesehen habe, sie aber bis auf ein paar Ausnahmen hier nicht zu sehen sind? Vielleicht habe ich sie aber auch nur noch nicht gefunden. Der Trödelmarkt, der Hauptmarkt? Der Handwerkerhof! Die Trümmerfrauen, die die Stadt wiederaufgebaut haben? Vielleicht die Spitäler.

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Vielleicht die nur noch auf Fotos und Zeichnungen erhaltene Große Synagoge, an die heute eine Plakette erinnert. Der Leo-Katzenberger-Weg. Vielleicht die Menschen, die aus Afrika, Anatolien, Asien, dem Nahen Osten oder Lateinamerika gekommen und ohne Aussicht auf Rückkehr hiergeblieben sind. . . Migranten, die sich an einen Hauch von Leben in Ruhe und Sicherheit zu klammern versuchen. Wanderarbeiter, die das Rad am Laufen halten?

Jene, die Tag für Tag gegen Krieg, Zerstörung und Vernichtung in ihren Herkunftsländern auf die Straße gehen? St. Johannis oder die Südstadt! Dort gibt es einen Rüstungsbetrieb, nicht wahr?

Was soll man zu den Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten sagen? Lindenbäume, die sich im Wind wiegen. . . Eichhörnchen, die morgens auf meinen Balkon klettern. . . Überraschend und mitten in der Stadt, der Blickwechsel mit einer Eule! Ehrenamtliche, die zur Versorgung eines verletzten Zugvogels ins Haus kommen. Der Mann aus dem postkolonialen Togo mit seinen Gedichten in der Tasche? Die Friedhofsbesucher? Die Kinder unter der Brücke … oder jene glücklichen Kinder, die sich im Spiel ihre und unsere Zukunft ausdenken?

Die Melodie Nürnbergs. Welcher Komposition folgt sie? Nürnberg, was ist das für ein Ort? Welcher Sturm hat mich in diese Stadt geweht, die Stürme erlebt und ihnen standgehalten hat?

Vom Hauptmarkt zur Burg, ein kleiner Anstieg. Ich steige gemächlich nach oben, an der Ecke ein kleines Schild: "Antiquitäten". Souterrain eines Altbaus, kleine Fenster. Nicht klar, was drinnen ist. Eine Tür mit kleinen und größeren Plakaten verhängt und zu. Eine Stimme: "Komm rein".

Beim Drücken der Klinke ertönt eine Glocke. Im Halbdunkel ein zwei Stufen runter. Alles voller Bilder, manche mit, manche ohne Rahmen, überwiegend naive Kunst. Bayern im Klein- und Großformat! Menschen, Natur, Häuser, Straßen, Schlösser. . . Jagdszenen, Handwerk, Feste und Tafelrunden – Bayern!

Ein alteingesessener Zuwanderer aus Jugoslawien sammelt Bayern und überliefert so den Bayern Geschichtchen aus Bayern. Einfache Leute, das ganz normale Leben. . . "Gut, dass ich gekommen bin, gut, dass ich hier lebe", sagt der Einwanderer. Und fügt hinzu: "Wir haben auch viel durchgemacht. Und es hat Jahre gedauert, bis ich das akzeptiert habe."

Ein Gemälde von 1649

Dann ein Gemälde im Germanischen Nationalmuseum, 1649. Ein Tisch, an dem über die Umsetzung der Verträge von Münster und Osnabrück verhandelt und beschlossen wurde, die den Dreißigjährigen Krieg beendeten, von Menschen umringt. Ort des Geschehens, Nürnberg. Verträge, die den Grundstein für eine Transformation der Reiche in Nationalstaaten legten, die sich noch Jahrhunderte hinziehen sollte.

Und natürlich gehen mir die Nürnberger Prozesse durch den Kopf, eine der ersten ernsthaften Auseinandersetzungen der Geschichte. Die Ohrfeige zum Aufwachen aus Lügengeschichten – knallhart.

Warum verbindet man mit manchen Städten Krieg, mit anderen Frieden? Warum und wie dringen Krieg und Frieden in das Gewebe jener Menschen ein, die dort leben? Wie stark werden die Menschen in diesen Städten von jenen Geschichten geprägt, die dort die Luft, das Wasser und die Atmosphäre durchweben?

Ich komme aus einem Land, in dem man – meist unter dem Vorwand der Modernisierung – die Umwelt zerstört, in dem man Menschen tötet, ihre Leichen auf der Straße liegen lässt, die meisten Kinder von staatlich Bediensteten getötet werden und Babys in Gefängnissen aufwachsen.

Mein zweites Jahr hier geht zu Ende. Was hat sich in diesen zwei Jahren in dem Land geändert, das ich hinter mir lassen musste? Auch wenn hin und wieder ein Schimmer Hoffnung aufflackert, im Grunde nichts!

Noch immer landen tausende von Menschen im Gefängnis, weil sie ihre Meinung gesagt haben; Selahattin Demirtaş, Gültan Kışanak, Osman Kavala, Nedim Türfend, Ahmet Altan. . . und viele uns vom Namen her mehr oder weniger bekannte Leute. Die Flutung von Hasankeyf, der Bergbau beim Naturschutzgebiet im Ida-Gebirge, das Kernkraftwerk am erdbebengefährdeten Standort Mersin-Akkuyu, Eingriffe auf den Almen an der Schwarzmeerküste, das Wasserkraftwerk am Munzur. Hunderte Hektar gerodete oder abgebrannte Waldflächen, ausgetrocknete Flussbetten.

Mögen die Paläste bestimmter Leute immerdar ihren Glanz verbreiten – immer schneller schreitet die Naturzerstörung voran, so wie es seit Jahrhunderten und auch in anderen Ländern der Fall ist. Militärische Einfälle in Nordsyrien werden in zwischenstaatlicher Absprache ausgeweitet, die Zypern-Problematik spitzt sich wieder zu.

Folter in Gefängnissen und die Probleme der erkrankten Gefangenen halten an, wichtiger noch, die Zahl der Kinder in den Gefängnissen nimmt ständig zu. Wegen Überfüllung der Zellen schlafen Häftlinge in Tag- und Nachtschichten und viele neue Gefängnisse werden gebaut. Was soll man noch sagen? Wenn auch nicht im Detail, geht es dabei um hier bekannte Geschichten. Mein Leben in Nürnberg wird von all diesen Dingen und noch vielen anderen überschattet.

Nürnberg ist eine Stadt, die sich in Menschenrechtsdingen als sensibel präsentiert. Tausende Migranten aus dutzenden Ländern. Jede einzelne Gemeinschaft mit großen Problemen, ein gemeinsames Zusammenleben aufzubauen, ist schwer. Es gibt ernsthafte Bemühungen.

Stimmen. Worte. Geschichten. Eine Kaffeepause am Hauptmarkt. Ein Tag mit Hochbetrieb, alle Tische besetzt. Unter den Passanten ein betagtes Ehepaar, Hand in Hand. Er mit Hosenträgern und Panamahut, die Dame mit lilafarbenem Handtäschchen und farblich passendem Federhut. Gebückt und mühsam gehend suchen sie einen Platz. Unsere Blicke treffen sich.

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Wie viele Ampeln regeln den Straßenverkehr? Wie oft geht ein Nürnberger ins Kino? Im Amt für Stadtforschung und Statistik tragen die Mitarbeiter Hunderte von Zahlen zusammen, die einen ganz anderen Blick auf die eigene Stadt ermöglichen. Neben dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Nürnberg 2018 sind der Servicebetrieb Öffentlicher Raum, das Nürnberger Gesundheitsamt sowie das Kassen- und Steueramt der Stadt weitere Quellen.


Schnell kommen wir ins Gespräch, ich mit meinem holprigen Dreizehnmonatsdeutsch. Die Frau zwinkert mir mit ihren meergrünen Augen zu, während sie langsam und deutlich redet, wohl, damit ich sie verstehe. Es hat sie aus Polen hierhin verschlagen. Eine von denen, die dem Lager lebend entkommen sind. Sie war Jahre, jahrzehntelang auf der Suche nach ihrer "kleinen, unschuldigen" Schwester. Auf einer dieser Spurensuchen hatte sie die Bekanntschaft mit diesem Nürnberger Herren gemacht. Zusammen haben sie weitergesucht. Wieder jahrelang. Vor fünf Jahren hatten sie die Schwester in Russland ausfindig gemacht. Zwei Wochen vor ihrem Tod! Nur fünf Mal konnten sie noch miteinander telefonieren. Nur zur Beerdigung konnten sie noch kommen.

Entscheidungen von Machthabenden und das Leben der einfachen Leute, im Gestern und Heute. Unglück nimmt andernorts in anderer Form seinen Lauf.

Stimmen. Worte. Geschichten. Auch ich werde langsam Teil dieser Geschichten. Als Geschichtenerzählerin würde ich gerne auch die Geschichten dieser Menschen übermitteln. Die Musik der Stadt, in der ich lebe.

(Aus dem Türkischen von Harald Schüler und Susanne Schneehorst.)

Die Filmemacherin und Journalistin Sehbal Senyurt Arinli (57) wurde in der Türkei wegen ihrer Arbeit politisch verfolgt. In ihren Filmen hat sie sich immer wieder mit den Menschenrechtsverletzungen kritisch auseinandergesetzt. Nach ihrer Flucht wurde sie vom internationalen PEN-Club für das Programm "Writers in Exile" ausgewählt. Seit September 2017 lebt sie in Nürnberg und lernt Deutsch. "Ich liebe Nürnberg", sagt sie. Vom Schreiben kann Arinli nicht lassen: Sie führt Tagebuch und schreibt gerade an ihrem ersten Roman.

Sich in einer Stadt neu entdecken. Frei von Aufregung sein. Stimmen. Worte. Geschichten. Ich werde langsam Teil davon. 

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