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Was macht eigentlich Starfotograf Juergen Teller?

Nach seinem Abschied von der Nürnberger Kunstakademie lebt der Erlanger wieder in London - 01.06.2020 19:17 Uhr

Die Jahre an der Kunstakademie haben Juergen Teller und den Studierenden Spaß gemacht, aber es war wieder einmal Zeit für Neues . . . © Foto: BR, Reiner Holzemer


Aber es gibt ein Leben nach der Akademie, und nicht nur das: Es gibt auch den Tod. "Leben und Tod" hat Juergen Teller die ersten Fotoserien nach seiner Lehrtätigkeit genannt; mit dem Abschied von der Akademie haben sie allerdings nicht wirklich etwas zu tun. "After Artur" etwa entstand als Echo auf den Tod seines Onkels und besteht aus einer Folge monochromer Winterbilder – von Eis eingeschlossene Bäume oder Spuren im Schnee, die sich im Wald verlieren. Ihnen hat er Phallus-Masken aus Bhutan gegenübergestellt, die dort traditionellerweise das Leben feiern.

. . . zum Beispiel für Bilder von Oscarküken wie Scarlett Johansson . . . © Foto: Juergen Teller; doviledrezyte, instagram


Wie eine Fortsetzung dazu wirkt Tellers Fotoserie mit dem Titel "Demelza Kids". Es sind Bilder, die der 56-Jährige in zwei englischen Hospizen von unheilbar kranken Kindern gemacht hat. Wo der Tod zum Alltag gehört, hat Teller bewusst den Fokus auf das Leben gerichtet, das mindestens ebenso präsent ist. Er findet es in einem gelben Smiley-Ball, einem schaukelnden Jungen, einem Paar Mädchenaugen oder zwei Kinderarmen, die aus einem bunten Bällchenbad ragen.

. . . oder von Brad Pitt in einer Pose zwischen Mafioso und Macho . . . © Foto: Juergen Teller; doviledrezyte, instagram


"Ich habe mich diesem Projekt genauso genähert, wie ich es in allen meinen Arbeiten tue, mit dem gleichen Respekt, der gleichen Direktheit und Ehrlichkeit; so, wie mein Gefühl mir sagte, dass es gemacht werden sollte", schrieb er dazu. Er arbeite nie allein, hat Teller in einem Interview gesagt, sondern immer zusammen mit seinem Gegenüber. Um diese Intimität auch bei den "Demelza Kids" zu erreichen, hat er, der früher zwei Kameras gleichzeitig ansetzte, hier den Fotoapparat schnell weggepackt und alle Bilder mit seinem i-Phone aufgenommen. Respekt, Direktheit, Ehrlichkeit.

. . . oder, immer wieder großartig, für Bilder von ihm selbst. © Foto: Juergen Teller; doviledrezyte, instagram


Erst in diesem Januar entstand bei einer Iran-Reise die Serie "If You Pay Attention". In mehr als 100 Aufnahmen kreist sie um den Alltag des Landes, zeigt die allgegenwärtigen Zeichen der islamischen Religion, die Kulturzeugnisse der Vergangenheit, das moderne Flair Teherans, findet Spuren der amerikanischen Popkultur, Plakate politischer Führer wie Poster von Fußballstars; es entsteht das Bild eines Landes voller Widersprüche. Das gelingt dank Tellers offenem Blick auf die Welt, seine Wahrnehmung von Großem, das oft im Kleinen steckt.

All das ist eigentlich schon eine Menge – und doch nur ein Bruchteil dessen, was Teller im Zeitraum von einem guten Jahr seinem Werk hinzugefügt hat. Im Februar hat er Hollywoodstars wie Brad Pitt, Adam Driver oder Scarlett Johansson vor der Linse gehabt, die für die Oscars nominiert waren; er hat die aktuelle Kollektion von Yves Saint Laurent in Szene gesetzt und suchte, unerschrocken wie er ist, unter dem Titel "Mmm!" Bilder auf die Frage, was deutsche Esskultur neben Wurst und Sauerkraut zu bieten hat. . .

Nach wie vor kehrt Teller auch regelmäßig zurück ins Fränkische, verbindet die Besuche bei seiner Mutter oft mit Arbeit. Vor einem Jahr machte er in Bubenreuth ein Shooting mit dem Model Eva Herzigová. Die Nachbarn bleiben von solchen Aktivitäten mittlerweile unbeeindruckt, wahrscheinlich sind sie den Star-Auftrieb am Rosenhügel einfach gewöhnt.

Und was macht ein rastlos zwischen den Metropolen und der fränkischen Provinz pendelnder Fotograf in Zeiten des verordneten Stillstands? Shootings und Werbekampagnen waren abgesagt, geplante Ausstellungen wurden verschoben. Nichts ging mehr also?

Doch: "M", das Magazin der französischen Tageszeitung Le Monde, bat 16 Fotografen, Selbstporträts von sich in der Corona-Krise zu machen. Teller ist dabei der ungeschminkten Abbildung seines Körpers treu geblieben: auf dem Cover des Magazins ist zu sehen, wie er sich scheinbar an einer Gymnastikübung versucht, die nicht zuletzt wegen seiner ausgeprägten Bauchwölbung nur im Ansatz gelingt. Privater sportlicher Ehrgeiz bleibt eben schnell auf der Strecke, wenn selbst Großereignisse wie Fußball-EM und Olympische Spiele abgesagt werden. . .

An originellen Ideen und Witz mangelt es Teller also auch in der Krise nicht. Das ist doch, endlich wieder einmal, eine gute Nachricht!

 

Zur Person: Juergen Teller, geboren 1964 in Erlangen, wuchs im Geigenbauerdorf Bubenreuth auf. Von 1984–86 studierte er an der Münchner Fachakademie für Fotodesign. Anschließend ging er nach London, wo er 1991 mit Aufnahmen der aufstrebenden Band Nirvana um Sänger Kurt Cobain seinen Durchbruch hatte. Danach widmete er sich der Modefotografie, der er mit ungeschönten Aufnahmen den Hang zu perfekten Oberflächen austrieb. Er fotografierte Modestrecken für Designer wie Marc Jacobs und Vivienne Westwood, setzte sich aber auch radikal mit sich selbst und seiner Herkunft auseinander. Seine Bilder wurden mittlerweile in vielen internationalen Galerien und großen Museen ausgestellt. Von 2014–19 war Teller Gastprofessor an der Nürnberger Kunstakademie. "Ich sehe mich nicht als Fotograf, ich will einfach nur Bilder machen", sagt Teller, der in London lebt, über sich.

Mehr aktuelle Fotos von Teller sind unter instagram.com/doviledrizyte zu sehen.

TAMARA DOTTERWEICH

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