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Was Wüstenschiffe mit alten Seebären vereint

Ob Berufsmatrosen oder Kamele: Die Nürnberger Weatherdock AG vertreibt weltweit UKW-Ortungssysteme mit wachsendem Erfolg - 08.06.2015 21:03 Uhr

Kamelrennen sind die große Leidenschaft der Scheichs. Dank der Technologie aus Nürnberg können sie jetzt den Rennverlauf bequem von klimatisierten Räumen aus auf Bildschirmen verfolgen. © Foto: Reuters


Alfred Kotouczek-Zeise ist selbst manchmal erstaunt, welch unerwartete Einsatzmöglichkeiten die Produkte seiner Weatherdock AG finden. Die Aktiengesellschaft entwickelt und vertreibt Sicherheits- und Navigationselektronik auf UKW-Funkbasis (AIS), wie sie als Ortungssystem in der Schifffahrt eingesetzt wird. Das ist eine Art Radar, mit dem auf elektronischen Seekarten die Position von Schiffen erkennbar wird, die auf einer UKW-Frequenz entsprechende Signale aussenden. In der Regel sind das größere Berufsschiffe wie Frachter oder Fähren. Zusätzlich werden auch wichtige Daten übermittelt wie Abmessung, Beladung, Geschwindigkeit oder der Name des Kahns.

Und seit einigen Jahren ist AIS auch bei privaten Sportschiffern angesagt — eine Chance für Weatherdock. Die Firma entwickelte entsprechend abgespeckte Geräte — „und die schlugen am Markt ein wie eine Bombe“, erinnert sich der Vorstand des 2008 mit dem IHK-Gründerpreis ausgezeichneten Unternehmens.

Der Vorstand, das sind neben Kotouczek-Zeise auch noch Jürgen Zimmermann und Wolfgang Werner. Die drei haben vieles gemeinsam. Sie waren zusammen beim Diehl-Konzern in leitender Stellung und verspürten den Wunsch, ihre Energie und Kreativität ungebremst von Konzernstrukturen zur vollen Entfaltung zu bringen. Sie haben alle drei ein Faible für Elektronik. Und sie waren irgendwann dem Wasser verfallen, sei es als Segler oder bei der Marine.

An einem lauen Sommertag entstand dann in einem Biergarten die für Manager im Alter zwischen 41 und 47 Jahren nicht ganz alltägliche Idee, die Fesseln eines zwar sicheren, aber hemmenden Arbeitsplatzes bei Diehl abzustreifen. Nebenher entwickelten sie einen Wetterdatenempfänger auf Basis der klassischen Funkfrequenzen, der auf dem offenen Meer auch fernab von den nur küstennah funktionierenden Handynetzen arbeiten sollte.

Der allerdings war, um es nett zu formulieren, kein großer Renner. Und die drei überlegten schon, ihr Abenteuer zu beenden. Doch dann kam der AIS-Boom und mit ihm der geschäftliche Erfolg. Der Umsatz sprang von 700 000 € im Jahr 2009 auf inzwischen 2,9 Mio. Ã. Die Geräte, die in Nürnberg entwickelt und geprüft und von Partnerunternehmen in Wassertrüdingen, Forchheim und in Ebermannstadt gebaut werden, sind inzwischen fast überall auf der Welt im Einsatz.

Neue Kundenkreise

Und das Kuriose: Obwohl Weatherdock einst in der Nische der privaten Sportschiffer begonnen hat, weil der Markt der Großgeräte für die Profis schon besetzt war, überwiegt bei den Abnehmern inzwischen die kommerzielle Schifffahrt. Ein Grund: Die kleine Nürnberger Firma kann mit ihren inzwischen 21 Mitarbeitern blitzschnell auf spezielle Kundenanforderungen reagieren. Und die Weatherdock-Ingenieure haben das Ausgangsprodukt weiterentwickelt und so völlig neue Kundenkreise erschlossen.

Ein Bundeswehrsoldat der Fregatte „Hessen“ trägt beim Flüchtlingseinsatz eine Schwimmweste mit dem Nürnberger Weatherdock-Sender. © Foto: dpa


Dazu gehört beispielsweise die deutsche Marine. Soldaten der Fregatte „Hessen“ etwa tragen Signalgeber der Weatherdock AG in ihren Schwimmwesten beim Einsatz im Mittelmeer, wo sie vor der italienischen Insel Lampedusa schiffbrüchige Flüchtlinge retten. Die deutsche Wasserschutzpolizei gehört ebenso zu den Abnehmern wie die niederländische Seenotrettungsgesellschaft KNRM, die spanische Guardia Civil und ganz aktuell die Lotsen auf dem Panama-Kanal. Norwegische Fischer, welche die Technologie zum Auffinden ihrer Treibnetze nutzen, sind ebenfalls auf die Nürnberger aufmerksam geworden.

Und auch BMW steht auf der Referenzliste. Der Autohersteller hat für die weltgrößte Rennserie für Amateursegler — den internationalen BMW Sailing Cup — ein permanentes Ortungssystem erhalten, mit dessen Hilfe die Zuschauer an Land in Echtzeit auf großen Leinwänden die Position der Segelschiffe verfolgen können.

Und da schließt sich der Kreis zu den Kamelrennen in Dubai. Denn die zum Einsatz kommende Technologie ist die gleiche. Und den AIS-Sendern ist es egal, ob sie die Position von Seglern oder Wüstenschiffen auf elektronischen Bildschirmen kenntlich machen. Noch ist das Kamelprojekt in der Erprobungsphase. Ob daraus jemals konkrete Aufträge werden, steht in den Sternen.

„Wir investieren ziemlich viel in die Auftragsakquise“, erzählt Vorstand Kotouczek-Zeise. Malaysia, Indonesien, Bahrain, Saudi-Arabien — allein die Flugreisen verschlingen jährlich einen sechsstelligen Betrag. Wer einen Blick ins Orderbuch wirft, der erkennt schnell, wie viel von solchen Akquisen abhängt. „Wir haben derzeit Angebote im Volumen von 9,6 Mio. Ã draußen“, berichtet der Vorstand — und das bei einem Jahresumsatz, der nicht einmal ein Drittel der Erlöse ausmacht.

Und bei dem Betrag ist der größte ausstehende Brocken noch gar nicht mit eingerechnet. Traumatisiert von den Terroranschlägen in Mumbai 2008, will die indische Regierung den Küstenschutz radikal verbessern. Ziel ist, alle Fischerboote — mit einem solchen kleinen Kahn sollen die Attentäter damals ins Land gekommen sein — mit Ortungssystemen und eigener Kennung auszustatten, um die Gefahr der Wiederholung eines solchen Terroranschlags künftig zu vermindern.

Gigantisches Volumen

Dafür müssten 250 000 Geräte angeschafft werden — ein gigantisches Volumen. Den Auftrag für ein erstes Pilotprojekt mit jeweils 500 Sendern erhielt vor gut zwei Jahren neben einem britischen Anbieter — der Branchenwinzling aus Nürnberg. „Weil unsere Technologie überzeugt hat. Und weil wir bereit waren, auf die indischen Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen“, berichtet man bei Weatherdock nicht ohne Stolz.

Nur — die 500 Geräte sind längst ausgeliefert, doch seitdem hat sich nicht viel getan. Doch gerade steigt die Spannung mit Blick auf Indien wieder: Offenbar steht eine Entscheidung über eine weitere, weitaus größere Teillieferung gerade an. 

KLAUS WONNEBERGER

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