Freitag, 22.11.2019

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Weiter Rätselraten um Geister-Villa in Nürnberg

Bundesnachrichtendienst ist aus der Villa bereits Ende 2013 ausgezogen - 06.11.2019 08:13 Uhr

Verlassen und verwaist: Die ehemalige Fabrikantenvilla an der Ecke Campestraße/Wielandstraße wurde jahrzehntelang vom Bundesnachrichtendienst genutzt. Seit sechs Jahren steht das imposante Gebäude leer. © Foto: Eduard Weigert


Früher pappte einmal ein kleiner Aufkleber am Briefkasten: "Hauptstelle für Befragungswesen", war da zu lesen. Das hörte sich kryptisch, aber auch einigermaßen harmlos an. Unter Nachbarn war es allerdings ein offenes Geheimnis, dass der Auslandsgeheimdienst hier, mitten in gehobener Wohnlage im Nürnberger Stadtteil St. Johannis, eine Außenstelle betrieb. Wenn sich Mitarbeiter beobachtet fühlten, gingen selbst mitten am Tag die Rollläden herunter, erzählt man sich.

Die "Hauptstelle für Befragungswesen" war ursprünglich von den Westalliierten eingerichtet und dann 1958 von der damaligen Bundesregierung übernommen worden. Sie wurde dem Bundesnachrichtendienst (BND) zugeordnet und unterstand direkt dem Kanzleramt. Die Aufgabe der Agenten war es, Flüchtlinge auszuhorchen, um über sie an Informationen aus Krisenregionen und über Terrorgruppen zu gelangen. Die Erkenntnisse wurden Medienberichten zufolge auch an befreundete Auslandsgeheimdienste weitergegeben.

Der Bundesnachrichtendienst ist aus der Villa bereits Ende 2013 ausgezogen. Die "Hauptstelle für Befragungswesen" und ihre Niederlassungen wurden am 30. Juni 2014 offiziell aufgelöst. Jahrelang wurde, wie Nachbarn berichten, mit Zeitschaltuhren aber noch der Eindruck vorgetäuscht, dass das Haus belebt wäre. Auf die Sekunde zur selben Uhrzeit ging abends das Licht an. Doch tatsächlich steht das geheimnisumwitterte Gebäude in der Wielandstraße seit dem Auszug der "Hauptstelle für Befragungswesen" leer.

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Bei Stadtteilbewohnern und Nachbarn stößt der Leerstand der 1913 erbauten Fabrikantenvilla angesichts des angespannten Wohnungsmarktes auf kein Verständnis. Elvira von Hoerner wohnt nur einen Steinwurf entfernt. Sie befürchtet, dass das Gebäude dem Verfall preisgegeben wird. "Erst lässt man es herunterkommen und dann lohnt sich die Restaurierung nicht mehr", prophezeit sie. "Dabei ist es so ein schönes Haus." Der Leerstand sei "katastrophal", ergänzt eine Frau aus dem Viertel, die anonym bleiben will. "Wir machen uns viele Gedanken um das Haus."

Auch der Bürgerverein St. Johannis hat das Thema für sich entdeckt. Für den Vorsitzenden des Bürgervereins, Sven Heublein, ist der Leerstand ein Unding. Er fordert die Stadt auf, die Villa zu kaufen und für eine soziale Nutzung herzurichten. Heublein könnte sich dort gut einen Kindergarten oder eine Krippe vorstellen. "Der große Garten, der um das Haus ist, wäre doch eine tolle Außenfläche, auf der die Kinder spielen könnten." Die Villa liege mitten im Wohngebiet, da wäre eine Nutzung, die den Menschen, die dort leben, zugute kommt, absolut sinnvoll.

Einen anderen Grund für einen Kauf sieht der Bürgerverein im Denkmalschutz. "Es ist auch Aufgabe der Stadt, sich um wertvolle Denkmäler zu kümmern", fährt Heublein fort.

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Das Gebäude ist im Besitz des Bundes und wird von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verwaltet. Doch ein Verkauf scheint dort nicht vorgesehen. Derzeit stelle die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben Überlegungen an, wie das Gebäude für Zwecke des Bundes genutzt werden könnte, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit. "Ein Verkauf der Liegenschaft an private Investoren ist deshalb zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorgesehen."

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