Wenn von der Schwangerschaft niemand wissen darf

22.4.2021, 06:00 Uhr
Manchen Frauen gelingt es, ihre Schwangerschaft vor ihrem sozialen Umfeld geheim zu halten. Andere verdrängen sie komplett. Das kann gefährlich werden.

Manchen Frauen gelingt es, ihre Schwangerschaft vor ihrem sozialen Umfeld geheim zu halten. Andere verdrängen sie komplett. Das kann gefährlich werden. © Uli Deck/dpa

Mindestens zwei Tage lang hatte der Säugling am Rand eines Radweges gelegen, bis er schließlich von einer Spaziergängerin gefunden worden war. In bunte Handtücher und einen roten Kapuzenpulli gewickelt war das Kind gut sichtbar abgelegt worden. In der Tat: Das Bündel am Wegesrand war zuvor bereits anderen Passanten aufgefallen – nur hatten die es für achtlos hingeworfene Klamotten gehalten und waren weitergangen. Als schließlich die Spaziergängerin den Säugling entdeckte, war er tot.

Es ist ein Vorfall, der sich Mitte März in einem kleinen Ort namens Waldkappel in Hessen ereignet hat. Zuvor war Ende Dezember ein totes Neugeborenes in Regensburg in einer Mülltonne gefunden worden. Hier sollte das Kind wohl gefunden werden, dort zwischen Unrat in der Müllverbrennungsanlage verschwinden. Dennoch eint beide Kinder das gleiche Schicksal: Ihre Mütter müssen sich in einer aus ihrer Sicht ausweglosen Situation befunden haben. Anders sind solche Taten kaum zu erklären.

Dabei gibt es Hilfe: Seit 2014 können Frauen das Angebot der so genannten vertraulichen Geburt in Anspruch nehmen. So unter anderem auch am Nürnberger Klinikum. Es ist ein wichtiges Angebot für Frauen und ihre Kinder. Denn es verhindert, dass Frauen alleine bei der Geburt sind und dabei dennoch anonym bleiben können. Nur gegenüber einer Schwangerenberatung müssen die Frauen vorher ihre wahre Identität preisgeben. Unter einem Pseudonym bringen sie dann in einer Klinik ihre Kinder zur Welt.


Geburt bei klirrender Kälte


„Dieses Angebot ist auch ein Türöffner, um Frauen in Notlagen überhaupt erreichen zu können“, wie Jennifer Müller sagt. Sie leitet die Schwangerenberatung „Donum Vitae“ in Nürnberg und weiß, dass Schwangere in Not nicht unbedingt auf der sozialen Leiter ganz unten stehen müssen, wie die junge Obdachlose, die im Februar bei klirrender Kälte ein Kind im Nürnberger Stadtgraben zur Welt gebracht hat.

Kein Schichten-Phänomen

„Wir haben alle Schichten, ganz junge Frauen, wie Frauen bis Mitte 30“, so die Sozialpädagogin weiter. „Donum Vitae“ ist nur eine von verschiedenen Beratungsstellen in Nürnberg, die Frauen in dieser schwierigen Situation unterstützen und verschiedene Möglichkeiten aufzeigen – jenseits eines Schwangerschaftsabbruchs. Denn neben der vertraulichen Geburt gibt es nach wie vor die Möglichkeit, komplett anonym entbinden zu können. Allerdings ist dies rechtlich nicht unproblematisch, schließlich hat jeder Mensch das Recht, seine Herkunft zu kennen. Weshalb auch das Angebot der Babyklappe nicht unumstritten ist.

Diese Grauzone sollte durch die vertrauliche Geburt geändert werden. Denn dabei werden die Daten der werdenden Mutter von einer Beraterin erfasst und sicher hinterlegt. Im Alter von 16 Jahren kann das Kind schließlich die Identität seiner Mutter erfahren.


Hilfe auch in Corona-Zeiten


Die Zahl der vertraulichen Geburten am Nürnberger Klinikum liegt jedes Jahr unter zehn, dennoch verzeichnet „Donum Vitae“ seit Monaten mehr Frauen, die sich diesbezüglich informieren. „Über die Gründe können wir nur spekulieren, ob hier die emotionale Ausnahmesituation durch Corona eine Rolle spielen könnte, dass Frauen weniger auf sich achten, manche ihre Schwangerschaft überhaupt nicht bemerken“, sagt Jennifer Müller.

Jenseits einsamer Geburten. Medizinische Hilfe schützt das Leben von Kindern und Müttern.

Jenseits einsamer Geburten. Medizinische Hilfe schützt das Leben von Kindern und Müttern. © ABEVIS

Ein einfacher Weg ist es trotz aller Unterstützung nicht. „Es ist sehr mutig, sich für eine vertrauliche Geburt zu entscheiden und erfordert viel Kraft von den Frauen“, sagt die Sozialpädagogin. Dabei endet die Beratung nicht zwangsläufig auch mit einer vertraulichen Geburt.

Angebot mit positivem Effekt

Eine Auswertung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergab, dass es seit der Einführung bis 2018 mehr als 2200 Beratungen zur vertraulichen Geburt in Schwangerschaftsberatungsstellen gab. Etwa 20 Prozent der Frauen entschieden sich schließlich für eine vertrauliche Geburt, etwa 40 Prozent dafür, ihr Kind selbst großzuziehen oder es zur Adoption freizugeben. 536 Kinder wurden bis Ende 2018 vertraulich geboren.

Eine Erfahrung, die auch Jennifer Müller gemacht hat. „Es gibt durchaus auch Frauen, die sich schließlich doch für ein Leben mit ihrem Kind entscheiden.“ Ihre Aufgabe sei es, herauszufinden, was die Mädchen und Frauen bräuchten und gemeinsam eine individuelle Lösung zu finden. Und das auch in Corona-Zeiten. So bieten die verschiedenen Schwangerenberatungsstellen in der Stadt von telefonischer bis hin zur Online-Beratung weiterhin ihre Hilfe an.

Ein bundesweites Hilfetelefon zur vertraulichen Geburt ist rund um die Uhr unter 0800 40 40020 besetzt und bietet in mehreren Sprachen eine erste Unterstützung an.

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