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Wer sein Haus einpackt, kann richtig sparen

Passivhaus-Experte Burkhard Schulze Darup beklagt „Stimmungsmache“ gegen Styropor an Fassaden - 02.02.2015 20:28 Uhr

So dick wie möglich sollten Häuser eingepackt werden, sagt der Architekt und Passivhaus-Experte Burkhard Schulze Darup. Auch der günstigste Baustoff, Styropor, sei im Brandfall nicht gefährlich.

© Foto: dpa


Herr Schulze Darup, bis 2050 müssen hochgesteckte Klima-Ziele erreicht werden. Wie erklärt sich da das miese Image der Wärmedämmung?

Burkhard Schulze Darup: Es läuft seit drei, vier Jahren eine sehr geschickte Kampagne gegen das Dämmen. Verbände der Bau- und Energiewirtschaft haben inzwischen festgestellt, dass es für sie wirtschaftlich schädlich ist, wenn sich Energieeffizienz durchsetzt. Zum Beispiel, weil weniger Gas oder Öl verkauft wird.

 

Auch bei den Anträgen fürs Förderprogramm der Nürnberger N-Ergie scheint sich das niederzuschlagen. Die Anträge sanken dort von 136 im Jahr 2012 auf nur 60 im letzten Jahr.

Schulze Darup: Da wirkt sich diese Stimmungsmache ganz konkret aus.

Aber lohnt es sich denn, sein Häuschen warm einzupacken?

Burkhardt Schulze Darup.

© Foto: Eduard Weigert


Schulze Darup: Sicher, auch wenn manchmal zwangsläufig mehr versprochen wird. Das liegt daran: Wenn ein Haus laut Energieeinsparverordnung (EnEV) rechnerisch 20 Liter Öl pro Quadratmeter und Jahr verbraucht, sind das real meist nur 15 Liter. Selten werden alle Räume einer schlecht gedämmten Wohnung gleich geheizt und es wird auch nicht so gelüftet, wie es die EnEV vorsieht. Nach einer Sanierung ändert sich aber das Nutzerverhalten. Die Heizung wird etwas mehr aufgedreht, alle Zimmer sind gleich mollig warm. Trotzdem sinkt der Verbrauch bei gut gedämmten Gebäuden auf unter drei Liter pro Quadratmeter und Jahr. Das ist bis zu zehnmal weniger als zuvor. Dämmen lohnt sich also.

 

Schimmel scheint ein ungelöstes Problem zu sein.

Schulze Darup: Wer dämmt, hat Schimmel, das ist ein großer Irrtum. Bei den nur bis zu zehn Zentimeter dicken Dämmschichten der 1980er und 1990er Jahre kam das vor. Bei gut gedämmten Gebäuden gilt das Gegenteil, vorausgesetzt, es wurde nicht gepfuscht. Bei einer idealen, 20 Zentimeter dicken Verpackung gibt es keinen Schimmel. Allerdings produziert ein Drei- bis Vier-Personen-Haushalt täglich zehn Liter Wasserdampf. Man duscht, kocht und atmet.

 

Aber wohin mit all dem Dampf, wenn die Wände total dicht sind?

Schulze Darup: Wenn keine automatische Belüftung da ist, muss mehrmals täglich gelüftet werden, wegen der Raumluft-Hygiene. Schimmel entsteht nur, wenn sich Tropfen an kalten Stellen niederschlagen. Die gibt es bei einer üppigen Dämmschicht aber nicht mehr. Ich habe sehr viele Häuser saniert und nie Schimmelschäden gehabt.

 

Polystyrol, auch Styropor genannt, ist der preiswerteste und häufigste Dämmstoff. Angeblich ist er leicht entflammbar. Eine große Gefahr?

Schulze Darup: Wenn man technisch alles richtig macht, ist das nicht gefährlich. Man muss natürlich vorsorgen und zum Beispiel Brandbarrieren etwa über Fenstern einbauen, weil Polystyrol im Brandfall glimmt und heruntertropft. Klar wird am Bau manchmal gepfuscht, aber die Firmen sind meiner Erfahrung nach durch die andauernde Kritik so sensibilisiert, dass sie die Richtlinien sehr genau einhalten.

 

Warum sind gedämmte Häuser oft so hässlich? Manche Fenster sehen aus wie Schießscharten.

Schulze Darup: Leider ist vieles wirklich erbärmlich. Man muss in ein Haus viel Liebe investieren, jedes ist individuell und braucht andere architektonische Lösungen. Die energetische Sanierung ist eine Herausforderung für künftige Architekten-Generationen. Manchmal muss man einfach innen dämmen, wir müssen wahrlich keine Sandsteinfassaden zukleistern. Oder es müssen Fenster nach außen versetzt werden, damit genug Licht einfällt. Es braucht eben viel Fingerspitzengefühl.

 

In 20, 30 Jahren sitzen wir dann auf einem riesigen Styropor-Berg und wissen nicht, wohin damit?

Schulze Darup: Abgesehen davon, dass es viele etwas teurere Werkstoffe gibt, wie Holzfasern, mineralische Stoffe und Zellulose — Styropor ist gut sortenrein zu trennen und kann recycelt werden. In der Müllverbrennung ist es außerdem völlig harmlos.

 

Auch das wird kritisiert: Unterm Strich zahlen die Mieter die Zeche für den Klimaschutz. Dabei bräuchten wir doch mehr billige Wohnungen.

Schulze Darup: Die Wohnungswirtschaft und jeder Hauseigentümer müssen ihren Bestand ohnehin nach und nach sanieren. Dämmen sollte man vor allem dann, wenn ein Gebäude sowieso fällig und kaputt ist. Aber dann sollte es so hochwertig wie möglich sein, denn es muss wieder für 40 bis 60 Jahre halten.

 

Und die Mieten? Die Kosten werden doch umgelegt.

Schulze Darup: Von 1500 Euro pro Quadratmeter entfallen bei einer Generalsanierung rund 400 Euro auf energetische Maßnahmen. Dafür gibt es ausreichend Zuschüsse der staatlichen Kreditanstalt KfW. Engagierte Vermieter schaffen es, dass nach Abzug der Energieersparnis unterm Strich ein guter Euro Mieterhöhung fällig ist. Am Ende bleibt die Frage, was teurer ist: der Klimaschutz heute oder die Folgekosten von Umweltkatastrophen der Zukunft.

Interview: CLAUDINE STAUBER

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