12°

Dienstag, 23.04.2019

|

Wie teuer wird die Zeppelintribüne für Nürnberg?

Die Substanz des NS-Gebäudes bröckelt - "Zeit drängt" - Diskussionen um Erhalt - 17.10.2013 07:00 Uhr

Jetzt wird es eng, Wasser und Frost zerstören die Tribüne immer weiter. Nun werden die Kosten einer Sanierung ermittelt. © Roland Fengler


Es ist trist. Ein Bus lädt bei der Wurstbude am Dutzendteich-Ufer eine Gruppe Russen aus. Sie studieren zögernd die Speisekarte, um dann Richtung Tribüne zu schlendern. Die Gäste werden den schwarz-grauen Klotz erklimmen, der - eingezäunt und mit Warnschildern bestückt - voller Risse und Schrunden daliegt.

Wenn die Männer zum Schluss wieder an der Wurstbude stehen, werden sie einiges erfahren haben über die Hitlerzeit und ihre Architektur. Ein „Lernort“ sei das ehemalige Reichsparteitagsgelände, heißt es auch in den Leitlinien, die der Stadtrat 2004 verabschiedet hat.

Ein Ort also, der weder bewusst dem Verfall preisgegeben noch baulich rekonstruiert werden dürfe. Wer glaubt, solche einstimmig beschlossenen Sätze würden nach Jahrzehnten der Verdrängung, der Konzeptions- und Ratlosigkeit in Sachen Reichsparteitagsgelände für ein Ende der Debatte sorgen, irrt. Mit zehn Thesen meldet sich jetzt der Verein für Architektur und Öffentlichkeit, BauLust, zu Wort.

Sie reichen vom Totalverfall der Tribüne, die mit Schutt aufgefüllt werden müsste, bis zum Abbruch oder der Überdachung der maroden Anlage. Man gebe vorerst keiner Variante den Vorzug, sagt Architekt Josef Reindl von BauLust, sondern wolle Diskussionen provozieren. Denn ausdiskutiert sei längst nicht alles. Schon richtig: Mit diesem Thema wird Nürnberg nie fertigwerden. Jede Generation, auch das steht in den klugen Leitlinien von 2004, müsse entscheiden, was sie mit den Nazi-Relikten anfangen wolle. Nur wenn die Bauten noch stehen, gibt es diese Chance wirklich.

Freilich soll das „nationale Erbe“ der braunen Zeit nicht allein auf der Stadt und ihrem Haushalt lasten. Das mache ihm wenig Sorgen, sagt Oberbürgermeister Ulrich Maly, bei dem der BauLust-Vorstoß „Unverständnis“ ausgelöst hat („Das ist ausdiskutiert“). Auf die 70 Millionen Euro angesprochen, die viele Bürger für diesen „Trümmerhaufen“ nicht ausgeben wollen, meint der OB: Die Geldfrage werde strittig bleiben, man müsse rational entscheiden. Vom Bund gebe es sicher eine Sonderfinanzierung, wie sie das Dokuzentrum auch bekommen habe. Der Freistaat sei bereits seit 2012 im Boot.

Es nieselt wieder, die Russen sind längst abgefahren. Feuchtigkeit sickert in die Ritzen der porösen Kalksteine. Gift für die dicken Platten, die an vielen Stellen mit Beton geflickt wurden. Vor kurzem waren Fachleute da und haben alles vermessen. Sie sind die Vorboten des Drei-Millionen-Euro-Testlaufs, mit dem die Stadt am Ostende der Tribüne und an einem Turm des Zeppelinfelds herausfinden will, was der Erhalt tatsächlich kosten würde.

Bilderstrecke zum Thema

Historischer Rückblick auf das Reichsparteitagsgelände

Das Reichsparteitagsgelände diente im Dritten Reich als überdimensionaler Versammlungsort. Doch auch nach dem Ende von Hitlers Schreckensherrschaft lag das Gelände nicht brach, sondern diente friedlichen Veranstaltungen als Austragungsort - von Norisring-Rennen bis Rockkonzerten.


Ende der Debatte? Genug der Studien, Symposien und Wettbewerbe? Danach hat in den 1960er Jahren keiner gefragt. Auch 1967 waren es offiziell Schäden durch Frost und Wasser, die dazu führten, dass die Säulengalerie auf der Tribüne gesprengt wurde. Der Bau sei „ein Kuriosum“, befand Baureferent Heinz Schmeißner und entsorgte die Säulen.

Protestiert hat zuallererst der Motorclub Nürnberg, der dort schon seit den 50er Jahren das Norisring-Rennen ausrichtete und ungern auf die Kulisse verzichten wollte. Christliche Massenveranstaltungen, Gewerkschaftstage, Motorradtreffen und Sudetendeutsche Heimattreffen fanden hier statt. Der Umgang mit „der Sache“ draußen am Dutzendteich war von Pragmatismus geprägt. Manche wollten alles sprengen, andere nutzen, was da war, und sei es kommerziell.

Erst in den 1980er Jahren wurde der Abstand größer und die Sicht klarer. Es wuchs das Bewusstsein, dass man sich die kolossalen Überbleibsel nicht vom Halse schaffen konnte. Eine Kulturreferentin, Karla Fohrbeck, löste 1990 noch einmal Irritationen aus, als sie das Gelände zum Friedenshain mit Bibeltexten machen wollte.

Die Debatte, sagt Eckart Dietzfelbinger, Historiker im Dokuzentrum, sei nie zu Ende, auch wenn noch so viel bedacht worden sei. „Aber die Zeit drängt“, hält er dagegen. Es werde einen Kompromiss geben, so Dietzfelbinger. „Wie immer in Nürnberg.“

Zum Thema am Mittwochabend um 19.20 Uhr „Kulturzeit“ auf 3Sat. 

Claudine Stauber

20

20 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nürnberg