Wien als Vorbild: VAG-Vorstand Hasler im Interview

Sabine Stoll
Sabine Stoll

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11.7.2020, 05:50 Uhr

© Foto: Stefan Hippel

Nürnberg bekommt ein 365-Euro-Ticket – spätestens 2023 und notfalls im Alleingang, also ohne die Städte und Kreise im Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN). Notfalls auch ohne finanzielle Unterstützung von Bund und Land. Das könnte den Verlust der Verkehrs-Aktiengesellschaft (VAG) enorm erhöhen. Wir sprachen mit dem Vorstandsvorsitzenden Josef Hasler.

Herr Hasler, haben Sie seit dem Beschluss des Stadtrats, ein 365-Euro-Ticket einzuführen, schlaflose Nächte?

Josef Hasler: Ich schlafe noch exzellent (lacht). Wenn man die Themen Verkehrs- und Energiewende ernst nimmt, dann ist die Erhöhung der Attraktivität der öffentlichen Verkehrsmittel ein wesentliches Moment. Es gibt unterschiedliche Standpunkte, wie man die Attraktivität erhöhen kann. Man kann sagen: Wir müssen erst das Angebot erhöhen und werden dadurch attraktiv für die Kunden. Das andere ist – und das hat die Stadt Nürnberg gemacht: Wir führen ein 365-Euro-Ticket ein und erhöhen die Attraktivität über den Preis. Dann ist es aber zwingend notwendig, dass das Angebot mitzieht, weil es keinen Sinn macht, in Hochzeiten zwischen 7 Uhr und 8 Uhr oder am Nachmittag mit Schulschluss Fahrgäste stehen zu lassen.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie eigentlich ein Vertreter der Fraktion sind, die erst einmal das Angebot ausbauen will, anstatt gleich an der Preisschraube zu drehen.

Hasler: Ich glaube, dass wir die Wahlversprechen der OB-Kandidaten sukzessive umsetzen können: den ÖPNV-Ausbau, eine menschengerechtere und weniger autogerechte Stadt und sauberere Luft. Wenn das 365-Euro-Ticket zum 1. Januar 2023 kommt, haben wir zweieinhalb Jahre Zeit, um zu überlegen, was wir tun müssen, um mehr Menschen transportieren zu können. Mit dem U-Bahn-Ausbau wird es aufgrund der Kürze der Zeit nicht funktionieren. Bei der Straßenbahn wird das auch schwierig, aber bei den Bussen kann man über Taktverdichtungen nachdenken. Man kann auch über mehr eigene Busspuren nachdenken. Wir brauchen einen Vorrang des ÖPNV gegenüber dem Individualverkehr.

Ich höre schon den Aufschrei von Autofahrern und konservativen Stadträten.

Hasler: Ich glaube, dass sich die Zeiten ändern. In den 70er, 80er und 90er Jahren stand das Auto über allem. Auch in meiner Generation war das Auto mit 18 Jahren zwingend. Das stelle ich bei meinen eigenen Kindern nicht mehr fest. Das eigene Auto ist kein Statussymbol mehr.

Schon ab dem kommenden Jahr gibt es ein Monatsticket für 15 Euro für Menschen, die den Nürnberg-Pass haben: Rund 80.000 Nürnberger haben Anspruch darauf. Schafft die VAG das von ihrer Kapazität her?

Hasler: Diese Fahrgäste kriegen wir unter. Sie sind ja teils schon bisher mit uns unterwegs, nur dass es ab 2021 vielleicht mehr werden und auch zwischen 6 und 8 Uhr. Hier gilt künftig keine Ausschlusszeit mehr. Wir können Takte verdichten und Kurz-Züge durch Lang-Züge ersetzen.

Wie viele neue Fahrgäste bringt das 365-Euro-Ticket?

Hasler: Für eine solche Einschätzung ist es noch zu früh. Wir glauben, dass wir mehr Kunden bekommen. Aber es wäre unseriös, jetzt schon eine Zahl zu nennen.

Sie müssen sich auf zwei Varianten vorbereiten: einmal ein 365-Euro-Ticket als Nürnberger Alleingang und einmal mit dem Verkehrsverbund Großraum Nürnberg.

Hasler: Ich gehe davon aus, dass es innerhalb des VGN eine einvernehmliche Lösung gibt.

Das Ticket könnte teuer werden für die VAG. Das Worst-Case-Szenario für Stadt und Verkehrsbetrieb ist, dass Bund und Land nichts dazuzahlen.

Hasler: Das 365-Euro-Ticket kostet uns im Worst-Case-Szenario etwa 20 bis 25 Millionen Euro jährlich. Wenn nichts von Bund und Land kommt, dann werden diese 20 bis 25 Millionen 1:1 in das Ergebnis der VAG eingehen und dann innerhalb der Städtischen Werke mit den Ergebnissen der N-Ergie verrechnet werden. Das Minus muss finanziert werden. Entweder gleicht die Stadt das aus oder die Städtischen Werke über Fremdkapitalaufnahme. Nichtsdestotrotz gehen wir fest davon aus, dass wir von Bundes- und Landesebene Gelder erhalten, weil dort seit Jahren proklamiert wird, dass der ÖPNV gestärkt werden muss.

Sie rechnen im wahrsten Sinn des Wortes damit?

Hasler: Wir rechnen fest damit – und auch damit, dass diese Finanzierung nachhaltig ist. Dass also in Zukunft nicht nur Investitionen gefördert werden, sondern dass auch in den laufenden Betrieb Gelder von Bund und Land fließen. Der ÖPNV ist klassische Daseinsvorsorge: Er ermöglicht die Teilhabe von allen Leuten am sozialen Leben.

Der Stadtrat hat auch beschlossen, dass die Fahrpreise bis 2022 nicht erhöht werden. Sie dürften nicht begeistert sein.

Hasler: Aus rein wirtschaftlicher Sicht kostet uns das unterm Strich fünf Millionen Euro. Aber gut, das ist jetzt so beschlossen. Das nehmen wir zur Kenntnis.

Wien ist das Vorbild für das 365-Euro-Ticket – wobei die Einführung dort anfangs gar nicht zum großen Run auf den ÖPNV geführt hat. Die Leute, die ohnehin schon gefahren sind, haben sich einfach das neue, günstigere 365-Euro-Ticket gekauft.

Hasler: Erstmal nicht, das ist richtig. Der Ansatz in Wien war aber auch: Wir führen das Ticket ein und drängeln den PKW sukzessive aus den Innenstädten raus. Wien hat auch in der Peripherie für sehr viel Parkraum gesorgt. So macht man den ÖPNV attraktiv und verursacht keinen Konflikt zwischen Autoverkehr und ÖPNV, wenn Autofahrer sehr komfortable Möglichkeiten haben, auf den ÖPNV umzusteigen.

Höre ich da einen deutlichen Appell an die Stadt heraus, es Wien gleichzutun und die Zigtausend Pendler am Stadtrand abzufangen?

Hasler: Selbstverständlich. Wenn man das ernsthaft vorantreiben will, muss man am Stadtrand Möglichkeiten schaffen, die die Leute von dort in die Stadt bringen.

Lassen Sie uns noch mal kurz übers Geld reden. Der Verlust der VAG könnte sich schon in diesem Jahr auf 120 bis 130 Millionen Euro summieren.

Hasler: Das liegt aber nicht am 365-Euro-Ticket.

Sondern an Corona?

Hasler: Ja, Corona ist für uns als Städtische Werke Nürnberg und insbesondere für die VAG ein Desaster. Wir hatten, als der Lockdown kam, Einbrüche bei den Fahrgastzahlen um 80 Prozent bei einer Bereitstellung unserer Leistungen von über 80 Prozent. Wenn du keine Einnahmen hast und die Kosten permanent weiterlaufen, dann entwickelt sich das Ergebnis so.

Wie viele Fahrgäste sind zwischenzeitlich wieder an Bord?

Hasler: 50 bis 60 Prozent der Fahrgäste sind wieder da. Das ist in vergleichbaren Städten sehr ähnlich. Vor ein paar Wochen sind wir noch davon ausgegangen, dass sich die Fahrgastzahlen relativ schnell wieder erholen. Das müssen wir revidieren. Wir brauchen eine gewisse Zeit, bis wir wieder auf dem Vor-Corona-Niveau sind. Vielleicht erst in zwei Jahren. Es sind doch viele wieder aufs Auto umgestiegen.

Sollte im Herbst oder Winter eine zweite Corona-Welle kommen, sähe es also düster aus?

Hasler: Das kann ich bestätigen. Wenn es noch einmal so käme, sind die 120 Millionen Euro wahrscheinlich sogar positiv zu bewerten, also zu wenig.

Und zu guter Letzt noch: Wann wird das Tarifsystem endlich so einfach sein, dass man sich ohne Probleme schnell ein Ticket ziehen kann?

Hasler: Ich teile, dass es nicht ganz einfach ist, sich bei der Tarifstruktur auszukennen. Wenn wir das Thema Digitalisierung beim Ticketkauf realisieren, müssen wir es den Kunden zwingend einfacher machen. Mit dem 365-Euro-Ticket wird es das vielleicht.

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