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Wo sogar alte Tänze auf großes Interesse stoßen

Der Strukturwandel sorgt dafür, dass Muggenhof immer jünger, bunter und attraktiver wird — Netzwerken heißt das Zauberwort - 12.10.2018 17:27 Uhr

Das Muggeley-Fest bringt Jung und Alt zusammen. © Günter Distler


Vor einigen Jahren entstand eine Muggenhof-Hymne. Menschen aus dem Stadtteil wurden zu ihrer Sicht auf ihr Viertel befragt; die Quintessenz davon haben die Künstlerinnen Sophia Lierenfeld und Cordula Jung in ein Lied gepackt. Die erste Strophe beginnt so: „Bist keine Schönheit, wirkst so kalt. Hast wenig Bäume, viel Asphalt, vom Klang der Fürther Straße beschallt.“
Das ist das, was wohl auch Nichtbewohnern von Muggenhof als Erstes ins Auge sticht: tristes Großstadtgrau, kümmerliches Straßengrün und die Autoschlangen auf der mehrspurigen Hauptverkehrsader. Im Lied geht es allerdings mit diesen Zeilen weiter: „Doch in deinem Herzen ist es warm: Hier kennt man sich, das ist dein Charme!“ Es muss also auch liebens- und sehenswerte Seiten von Muggenhof geben. Solche, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen.
Wo findet man sie? In Einrichtungen, Vereinen und Institutionen, die mit viel Engagement daran arbeiten, Begegnungsorte im Viertel zu schaffen und Menschen jeden Alters zusammenbringen. „Es gab hier schon immer eine hohe Aktivität in einzelnen Bereichen, zum Beispiel in der Schule oder in den Kitas“, sagt Birgit Vietzke, die Anfang des Jahres die Stadtteil-koordination für Muggen- und Eberhardshof übernommen hat. Diese, im Einzelnen kleinen, aber wertvollen Potenziale aufzuspüren und zu vernetzen, ist die Aufgabe der Stadtteilkoordination. 2008 ging sie an den Start.

Regelmäßiger Austausch

„In den letzten zehn Jahren hat sich sehr viel getan, es sind super Entwicklungen da“, berichtet Vietzke. Sie ist zwar erst seit kurzem Ansprechpartnerin für beide Stadtteile, kennt sie aber gut, da sie schon länger auch für das benachbarte Gostenhof zuständig ist. Mit dem Stadtteilarbeitskreis STARK ist ein großes Netzwerk entstanden, in dem sich Akteure aus sozialen, kulturellen, schulischen und anderen Bereichen regelmäßig austauschen und Kooperationen anstoßen. Wohl die wichtigste ist das jährliche Stadtteilfest „Muggeley“, das heuer bereits zum zehnten Mal über die Bühne ging.

Stefanie Dunker leitet das Kulturbüro und ist eine eifrige Netzwerkerin. © Günter Distler


Veranstaltet wird es vom Kulturbüro Muggenhof, organisiert von einem eigenen Arbeitskreis. Die Zahl derer, die sich aktiv am Programm beteiligen, ist stetig gestiegen. Und auch für die Besucher ist das Fest längst ein fixer, liebgewordener Termin im jährlichen Veranstaltungskalender. „Da wird das ganze Potenzial des Stadtteils sichtbar“, beschreibt es Vietzke. Das Wir-Gefühl, das im Lied besungen wird, lässt sich hier aufspüren.
Möglichkeiten der Begegnung gibt es aber auch das ganze Jahr über für alle Generationen. Das Quartiersbüro der Stadtteilkoordination in der Fürther Straße 194 wird inzwischen auch rege als Veranstaltungsort genutzt. Etwa von der interkulturellen Kunstwerkstatt für kreative Senioren, die hier montags stattfindet. Oder einer Erzählwerkstatt, die unter dem Motto steht: „Hallo Nachbar, erzähl doch mal“. Beides sind Angebote im Rahmen des Projektes „Wir im Quartier“ des Beruflichen Fortbildungszentrums der Bayerischen Wirtschaft (bfz) Nürnberg mit Sitz in Eberhardshof. Angelegt auf drei Jahre, hat das Projekt mit interkulturellem Schwer-punkt das Ziel, Menschen jeglicher Herkunft zusammenzubringen, den Dialog und Toleranz zu fördern. Das sei nicht immer einfach, räumt Lena Pechar ein, die „Wir im Quartier“ gemeinsam mit Kollegin Bettina Walther koordiniert.
„Es ist eine unglaubliche Fußarbeit“, sagt sie. Viel Überzeugungsarbeit sei nötig. Trotzdem stoße man immer wieder auf taube Ohren oder es werden Angebote nicht angenommen, „obwohl man denkt, Mensch, das müsste doch genau euer Thema sein“, berichtet Pechar. Aber es passiere auch das Gegenteil, Begegnungen finden statt und Mauern im Kopf werden niedriger. „Schön ist es, wenn Dinge sich verselbstständigen und zum Beispiel Freundschaften entstehen.“

Kochen, Tee und Disco

Auch die Organisatoren von „Wir im Quartier“ sind Netzwerker. Viele ihrer Angebote finden in Kooperation mit der Kulturwerkstatt Auf AEG und dem Kulturbüro Muggenhof statt. Die „Disco Haflas“ mit Tee und Tanz für Frauen aller Altersstufen. Im November und Dezember ein Comic-Workshop für Jugendliche und junge Erwachsene. Gekocht wird ebenfalls: Beim Seniorenmittagstisch bereiten ältere Semester aus dem Viertel miteinander internationale Gerichte zu. „Lecker meets günstig“ richtet sich an Frauen und Kinder aus der Nürnberger Weststadt.
Durch eine weitere Kooperation mit dem Aktivspielplatz Fuchsbau haben Lena Pechar und ihre Kollegin ein LARP-Projekt für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen. LARP steht für den englischen Begriff „Live Action Role Play“ und bedeutet so viel wie „lebendiges Rollenspiel“. Dafür werden Kostüme gebastelt, die draußen bei einer Rätsel- und Schnitzeljagd zum Einsatz kommen. Das eigene Viertel wird so zum Abenteuerschauplatz und im Team ganz neu entdeckt.

Neugierige quer durch die Generationen sind im großen Saal der Kulturwerkstatt Auf AEG beim Kurs „Fränkisch Tanzen“ dabei, den Steffi Bachmeier leitet. Hier werden einheimische Dreher und Schieber gelehrt. © Anestis Aslanidis


Man traut es Muggenhof auf den ersten Blick nicht zu, doch schaut man näher hin, entdeckt man überraschend viele Anlaufstellen für Jung und Alt. Es gibt die Fahrradwerkstatt „Beckwheel“ des Jugendwerks Don Bosco, 2015 eröffnete das städtische Kinder- und Jugendhaus Tetrix. Wichtig für Eltern: die Familienbildungsstätte Treffpunkt e.V. und das Familienzentrum Globus in der Hillerstraße.

Typische Kooperation

Ansprechpartnerin für Ältere im Nürnberger Westen ist Anna Weiß vom Seniorennetzwerk, die ebenfalls im Quartiersbüro sitzt. Und weil Querverbindungen und Kooperationen für Muggenhof typisch sind, findet der monatliche Seniorenstammtisch des Seniorennetzwerks in der Kulturwerkstatt Auf AEG statt. Stefanie Dunker leitet das Kulturbüro Muggenhof und kennt den Stadtteil gut. „Es ist ein Viertel in dem mehr Jüngere leben“, sagt sie. In den meisten Stadtteilen ist es genau andersherum und Überalterung ein Thema. Zudem wohnen in Muggenhof und Umgebung überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund, auch die Quote der Alleinerziehenden ist hoch. Die Mieten sind günstig – noch.
„Das Viertel erlebt gerade einen unheimlichen Strukturwandel“, so Dunkers Eindruck. Einige Wohneigentumsbauprojekte fallen ihr ein, die ringsum gerade im Entstehen sind und eine andere Einwohner-Schicht ins Viertel bringen werden. „Das wird auch für unser Haus eine interessante Aufgabe“, sagt sie. Denn schon immer war es das Ziel des Kulturbüros, ein Ort der Begegnung für alle zu sein.

Die Angebotspalette ist schon jetzt breitgefächert und möglichst niederschwellig aufgestellt. Das Stadtteilkulturzentrum beherbergt neben dem Kulturbüro auch den KinderKunstRaum, die Musikschule Nürnberg, das Centro Español und die Akademie für Schultheater und Theaterpädagogik.

Ratlos bei eigenen Traditionen

„Statt Industrie können wir Kunst sehen, man kann hier sogar tanzen gehen“, besingt es die Muggenhof-Hymne. Stimmt. Zum „Fränkisch Tanzen“ zum Beispiel. Ein Angebot, das überraschenderweise auch viele junge Leute im Studentenalter für sich entdeckt haben. Wenn man die Idee dahinter weiß, versteht man auch, warum. Sie habe, erzählt die Kulturbüroleiterin, oft beobachtet, dass sich Deutsche viel für Tänze aus anderen Ländern und Kulturen begeistern – ob Bauchtanz, Tango oder Square Dance. Aber wenn es darum gehe, anderen von eigenen Heimat-Traditionen zu berichten, herrsche oft Ratlosigkeit — oder man geniere sich fast ein bisschen.
„Wir wollten das Ganze aus dem altmodischen Mief und der Hansi-Hinterseer-Ecke rausholen“, lacht Dunker. Und das kommt gut an: Wenn „Fränkisch Tanzen“-Leiterin Steffi Zachmeier im großen Saal ihr Akkordeon anwirft und laut die Schritte für einen Schieber oder Dreher ansagt, dann hat das überhaupt nichts mit Musikantenstadel-Kitsch zu tun — die Musik bringt alle in Schwung. Übrigens auch die grauen Zellen, denn selbst wenn es einfach aussieht: Die Schrittfolgen nicht durcheinanderzuwirbeln, ist durchaus anspruchsvoll! 

Manuela Prill

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