Sonntag, 16.05.2021

|

zum Thema

"Wollen einfach nur wieder arbeiten": Bayerische Tätowierer appellieren mit Video

Gemeinschaftsaktion 40 bayerischer Studios – auch Nürnberger vertreten - 23.04.2021 11:28 Uhr

Für Tattoo-Studios in Bayern gibt es noch keinerlei Öffnungsperspektive. 40 bayerische Studios haben sich deshalb zusammengetan und einen Video-Appell veröffentlicht.

29.01.2020 © Ben Stansall


"Wir wollen einfach nur wieder arbeiten", bringt es Olli Niehoff auf den Punkt. Der Inhaber des Nürnberger Tattoo- und Piercingstudios Farbulös an der Inneren Laufer Gasse darf, wie auch alle anderen bayerischen Tätowiererinnen und Tätowierer, seiner Arbeit bereits seit sechs Monaten nicht mehr nachgehen.

Keine Öffnungsperspektive in Bayern

Körpernahe Dienstleister haben es zu Corona-Zeiten besonders schwer: Die Betriebe durften lange Zeit nicht öffnen, als zu hoch wurde das Infektionsrisiko bewertet. Am 8. März 2021 schließlich haben Bund und Länder beschlossen, dass ebenjene Dienstleistungen mit einem entsprechenden Hygienekonzept wieder möglich sind - Friseursalons, Kosmetik- oder Nagelstudios dürfen wieder Kunden empfangen. Und in 15 Bundesländern können seitdem auch Tätowierer wieder ihrer Arbeit nachgehen und ihre Studios öffnen. Nicht so allerdings in Bayern: Hier wird einmal mehr ein Sonderweg beschritten und es fehlt zudem überhaupt eine Öffnungsperspektive für die bayerischen Tätowierer.

Bilderstrecke zum Thema

Bunte Körperkunst: Das sind die faszinierendsten Tattoos unserer User

Ob Filmhelden, abstrakte Abbildungen oder persönliche Erinnerungen: Viele Menschen tragen Tag für Tag echte Kunstwerke auf ihrer Haut. Auf Facebook haben uns unsere User ihre Tattoos gezeigt. Wir haben die beeindruckendsten und schönsten Fotos ausgewählt.


Hilferuf per Video

Diese haben sich nun zusammengetan und ein emotionales Video produziert, mit welchem sie auf ihre Lage und die Ungleichbehandlung aufmerksam machen wollen. 40 Tätowiererinnen und Tätowierer aus ganz Bayern kommen in dem sechs Minuten langen Clip zu Wort und appellieren, bei den nächsten Lockerungsschritten endlich mit berücksichtigt zu werden.

"Wir wollen nicht mehr ignoriert werden"

Olli Niehoff erzählt, dass die Idee ausgehend vom Piercing- und Tattoostudio Tempel in München in einer Facebook-Gruppe entstand, in welcher sich bayerische Tätowierer untereinander vernetzen und dann relativ spontan umgesetzt worden sei. "Wir haben es einfach satt, ignoriert zu werden und hoffen, mit dem Video Aufmerksamkeit zu gewinnen", so Niehoff zu den Gründen für seine Teilnahme an der Gemeinschaftsaktion. "Wir fühlen uns einfach wahnsinnig übergangen, obwohl wir seit dem ersten Lockdown natürlich aufgerüstet haben und unsere Hygienestandards sowieso schon zu den Besten im gesamten Berufsleben gehören."

Der Tätowierer ist seit über 20 Jahren in der Branche, seit rund 14 Jahren mit einem eigenen Studio in Nürnberg. Und er hat besonders in der Corona-Krise das Gefühl, dass die Tattoo-Branche noch immer nicht ernst genommen wird: "Unser Beruf als solcher ist immer noch nicht anerkannt, über uns hängt das Damoklesschwert der Halbseidenen und man erwartet ja schon fast, dass wir Drogen nehmen oder mit Waffen handeln. Dabei sind wir eigentlich spießiger, als man annehmen würde und möchten einfach nur wieder unserem Tagwerk nachgehen. So wie in allen anderen Bundesländern auch."

"Noch keinerlei Perspektive"

Dem kann sich Nadine Witzke, die gemeinsam mit einem Kollegen seit 2006 das Visavajara Tattoo- und Piercingstudio an der Johannesgasse führt, nur anschließen: "Wir sind nirgendwo gelistet – nicht einmal mit einer Perspektive. Und wenn man dann hört, dass die Leute in andere Bundesländer fahren und sich dort tätowieren lassen, tut das wirklich weh." Was bei ihr und ihren Kollegen so aneckt, erzählt Witzke, sei genau diese Tatsache: dass nur in Bayern die Öffnung der Tattoo-Studios nicht erlaubt ist und zudem jegliche Perspektive fehle: "Wir sehen natürlich die Wichtigkeit, gerade bezüglich der aktuellen hohen Inzidenzwerte und wir sehen uns auch nicht als systemrelevant, aber wir wollen gleichgestellt werden. Wir tappen vollkommen im Dunkeln, ein Ende des Ganzen ist nicht absehbar und so gar nichts zu wissen – das geht irgendwann auch wirklich an die Psyche."

Bilderstrecke zum Thema

Ständig im Lockdown: Fürther Einzelhändler schildern ihre Nöte

Seit Dezember befinden sich weite Teile des Einzelhandels im Lockdown. Aktuell dürfen viele Händler bestellte Ware nur an der Tür aushändigen oder liefern. Frust, Zukunftssorgen und Empörung sitzen tief. Fürther Betroffene berichten, wie es ihnen geht.


Mit dem Video hoffen die Mitwirkenden nun, endlich Gehör zu finden: Online wird das Video bereits fleißig geteilt: Auf der Facebook-Seite des Piercing- und Tattoo-Studios Tempel Piercing- und Tattoo-Studios in München wurde der Clip bereits über 2.523 Mal geteilt (Stand: 20.04.2021, 14 Uhr).

Katja Kiesel Volontärin Lokalredaktion E-Mail

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Nürnberg