Krankenschwester Hanni Löhr

Zeitdokument: 45 Briefe von der Ostfront nach Franken

Günther Wilhelm
Günther Wilhelm

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20.8.2021, 11:03 Uhr
Hanni Löhr (Mitte) im Lazarettlabor mit einem Arzt und einer Schwestern-Kollegin. 

© Archiv: BarbaraZachraj, NN Hanni Löhr (Mitte) im Lazarettlabor mit einem Arzt und einer Schwestern-Kollegin. 

Herausgegeben hat die Feldpostbriefe nun Hanni Löhrs Tochter, die Schwabacherin Barbara Zachraj, zusammen mit dem ebenfalls aus Schwabach stammenden Fernsehjournalisten und Historiker Georg Wolfgang Schramm. Der Titel des Buches ist ein Zitat aus einem der Briefe: "Die vergangene Nacht hatte ich vier Tote und soeben drückte ich einem die Augen zu."

Den ersten Brief schreibt Hanni Löhr am 16. Mai 1943 aus Lemberg in der Ukraine. "Meine liebe Marie! Nach dreitägiger Fahrt endlich in Lemberg gelandet, ich kann Dir sagen: alles wunderbar. Es werden noch fünf Tage vergehen, bis wir in Cherson sind. Eine Verpflegung aber: da ist alles dran."

Barbara Zachraj und Georg Wolfgang Schramm stellen das Buch "Die vergangene Nacht hatte ich vier Tote und soeben drückte ich einem die Augen zu" vor. Es ist die Geschichte von Zachrajs Mutter Johanna "Hanni" Löhr (1921-1945).

Barbara Zachraj und Georg Wolfgang Schramm stellen das Buch "Die vergangene Nacht hatte ich vier Tote und soeben drückte ich einem die Augen zu" vor. Es ist die Geschichte von Zachrajs Mutter Johanna "Hanni" Löhr (1921-1945). © Günther Wilhelm, NN

Es sind Zeilen, die aus heutiger Sicht irritieren. Mai 43, es die Zeit kurz nach Stalingrad. Die Wende im Zweiten Weltkrieg. Und die 22-jährige Hanni Löhr ist auf dem Weg an die Ostfront. Doch keine Spur von Angst oder auch nur Sorge. Eher Plauderton wie von einer Klassenfahrt. Trotzdem war ihr von Angang an klar, wohin die Reise ging. Fast zwei Jahre lang hatte sie bereits im Amberger Lazarett die schlimmsten Verwundungen und Schicksale von Soldaten kennengelernt, die oft ihre Jahrgangsgenossen und vereinzelt sogar ihre Schulkameraden waren.

Der letzte Brief, wieder aus Schwabach

Eineinhalb Jahre später der letzte Brief vom 8. Oktober 1944 nach ihrer Rückkehr nach Schwabach, diesmal an die Schwester eines Freundes: "Seit einer Woche bin ich vom Osteinsatz zurück und bin vorläufig zu Hause, denn in einigen Wochen erwarte ich ein Kind. Zuerst wurden mir schwere Vorwürfe gemacht, weil ich nicht schon früher davon geschrieben habe, aber ich freue mich umso mehr darauf. Obwohl ich in letzter Zeit sehr viel durchmachen musste, dauernd in Ungarn diese Fliegerangriffe und überhaupt der ganze Rückzug. Meine Oberin sagte auch, ich hätte mich tapfer gehalten, trotz der schweren Zeit."

Es sind die Zeilen einer inzwischen 23 Jahre jungen Frau voller Erleichterung und Zuversicht. Hanni Löhr hat den Krieg an der Ostfront überlebt und freut sich auf ihr Baby. Im Dezember wird sie Mutter einer Tochter. Für Hanni Löhr scheint der Krieg ein glückliches Ende zu nehmen. Doch der Brief aus Schwabach wird ihr letzter bleiben.

Tragischer Tod in Hilpoltstein

Hanni Löhr im Sommer 1943. Zu diesem Zeitpunkt war sie in Odessa am Schwarzen Meer eingesetzt.

Hanni Löhr im Sommer 1943. Zu diesem Zeitpunkt war sie in Odessa am Schwarzen Meer eingesetzt. © Archiv: BarbaraZachraj, NN

Weil Nürnberg schwer bombardiert und auch Schwabach wieder getroffen wird, will sie weiter weg. Mit der kleinen Barbara zieht sie nach Hilpoltstein. "Dort glaubte sie uns sicherer", sagt Barbara Zachraj. Aber es kommt anders. SS-Männer schießen auf die heranrückenden Amerikaner, die antworten mit Artillerie. Eine Granate tötet die junge Mutter. Hanni Löhr ist das einzige Opfer in der Stadt. Sie stirbt, als in Hilpoltstein der Krieg zu Ende geht.

Dieses Buch ist deshalb zweierlei. "Für mich ist es ein Zeitdokument", sagt Georg Wolfgang Schramm. Für Barbara Zachraj aber ist es noch mehr: eine Erinnerung an ihre Mutter, an die sie eigene Erinnerung nicht haben kann.

Pralinenschachtel als Schatzkästlein

Vor wenigen Tagen in der Gartenlaube des Ehepaars Zachraj. Barbara Zachraj und Georg Wolfgang Schramm stellen das Buch vor. Daneben liegt eine alte Pralinenschachtel. "Die hat mich ein Leben lang begleitet", sagt Barbara Zachraj. Wie in einem Schatzkästlein hatte ihre Großmutter die Feldpostbriefe gesammelt und aufbewahrt. Aus dieser Zeit stammen auch die Familienfotos, die Hanni Löhr als Krankenschwester zeigen und den Briefen ein Gesicht geben. Eine junge Frau mit streng zurückgekämmtem Haar und entspanntem Lächeln.

Zachraj und Schramm sind entfernt verwandt. "Die Idee zum Buch entstand bei einer Plauderei", erzählt Barbara Zachraj. Als sie die Briefe mit der akkuraten Handschrift zeigt, ist Schramms Interesse sofort geweckt. Der ehemalige Fernsehjournalist des Bayerischen Rundfunks hat bereits in den 1980-er Jahren ein Buch über die "Bomben auf Nürnberg 1940 - 1945" geschrieben, sich also intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg befasst.

Historische Einordnung

"Mir war besonders wichtig, dass die Briefe eingeordnet werden", betont Barbara Zachraj. Das Buch ist deshalb ein gemeinsames Projekt. Schramm widmete ein Kapitel dem Schwesterneinsatz des deutschen Roten Kreuzes. Professor Dr. Nikolaus de Gregorio vertieft Hanni Löhrs Berichte über die Versorgung der Verletzten in seinen Anmerkungen zur "Kriegsmedizin 1939-45". Historische Fotos eines Nürnberger Soldaten über den Russlandfeldzug zeigen den erbarmungslosen Krieg der "verbrannten Erde".

Historisch Neues ist in den 45 Briefen nicht zu finden. Überraschen können sie dennoch. Denn das Zitat über das Sterben im Lazarett wirft eher ein kurzes Schlaglicht auf das Grauen des Krieges. Prägend für die Briefe sind die Gegensätze. Begeistert berichtet Hanni Löhr über die traumhafte Landschaft und das wunderbare Badewetter auf der Krim. "Hier ist es herrlich. Direkt am Schwarzen Meer", heißt es zum Beispiel. "Da klingt der Stolz auf die weite Reise durch. Das war damals ja etwas völlig Neues", sagt Schramm.

"Macht Euch keine Sorgen"

Man muss aber wissen: Die Feldpost wurde stichprobenartig kontrolliert. Beschreibungen von Niederlagen und Leid konnten gefährlich werden. Einmal schreibt sie sogar, dass sie Näheres nicht schreiben könne, sondern erst daheim erzählen werde. Hinzu kommt das immer spürbare Bemühen, die Angehörigen nicht zu beunruhigen. "Macht Euch keine Sorgen", betont sie häufig.

Und sie kümmert sich sogar aus der Ferne. Immer wieder schickt sie Pakete nach Schwabach. Bohnenkaffee, Sardinen, Zigaretten. "Das sagt uns auch etwas über die Versorgungslage daheim", sagt Schramm.

Doch Hanni Löhr verharmlost nichts: die großen Stationen mit über 200 Schwerstverletzten, den furchtbaren Anblick offener Gehirne, den Tod so vieler. "Die psychische Belastung muss an der Grenze des Belastbarkeit gewesen sein", ist Schramm überzeugt.

Keine NS-Parolen

Die Briefe sind frei von Politik, doch auffallend ist, was Hanni Löhr nicht schreibt: "Keine NS-Parolen, kein Hoffen auf den Führer oder abfällige Bemerkungen über die Zivilbevölkerung", so Schramm weiter. Stattdessen an einer Stelle sogar beißende Ironie: "Da schreibt sie vom ,siegreichen Rückzug'. Daraus kann man schon die Einstellung ablesen", findet Barbara Zachraj.

Dieser Rückzug führt ihre Lazaretteinheit im Mai 44 nach Großwardein in Ungarn. Dort werden die Krankenschwestern in einem zuvor von Juden bewohnten Haus untergebracht. Sie staunt über Bad und Polstersessel, Steh- und Wandlampen. "Ich meine gerade, ich bin im Paradies", schreibt Hanni Löhr. Wo die jüdischen Bewohner geblieben sind, ist dagegen keine Frage. "Das klingt für uns heute unreflektiert", sagt Schramm. "Nicht triumphierend, eher erstaunt. Ob sie wusste, was mit den Juden passiert ist, weiß man nicht." Doch selbst wenn: In der Feldpost hätte sie darüber nicht schreiben können, ohne sich selbst zu gefährden.

"Man könnte verrückt werden"

Im August 44 spitzt sich die Lage für die Lazarettschwestern immer mehr zu. Jeden Tag ist Fliegeralarm. "Wir sitzen täglich einige Stunden im Keller, man könnte verrückt werden", schreibt Hanni Löhr. "Die Flieger werfen keine Bomben, sondern schießen mit Bordwaffen alles zusammen." Doch sie hat diesmal noch Glück. Am nächsten Tag wird ihre Einheit nach Wien verlegt, von dort geht es für sie am 1. Oktober 1944 heim nach Schwabach. Hier schreibt sie den letzten erhaltenen Brief.

"Das alles ist kein Roman, das ist mir wichtig. Die Briefe zeigen den Alltag des Krieges", betont Barbara Zachraj. Nach dem jähen Tod ihrer Mutter ist sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen. "Wir hatten ein wirklich gutes Verhältnis." Was ihr die Briefe über ihre Mutter sagen? "Das war eine Frau, die sich nicht umhauen ließ und trotz allem lustig war." Und darin erkennt sie sich sehr gut wieder.

Das Buch ist zum Preis von 34,90 Euro erhältlich entweder online beim Röll-Verlag unter www.roell-verlag.de oder im Buchhandel mit der ISBN 978-3-89754-596-0.

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