Dienstag, 20.04.2021

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"Zu 90 Prozent traumhaft": Vesperkirche startet Ersatz-Betrieb

Bernd Reuther, Pfarrer der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche, verabschiedet sich - 01.03.2021 07:56 Uhr

Südstadt im Herzen: Bernd Reuther gründete in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche das Sozialprojekt Vesperkirche.
 

26.02.2021 © Stefan Hippel


Ausgerechnet in der letzten Saison ihres Gründers erlebt die Vesperkirche wegen der Corona-Pandemie eine Hängepartie. Nach etlichen Umplanungen veranstaltet die Gemeinde jetzt vom 1. bis zum 21. März nur noch eine Essensausgabe aus einer Holzbude auf dem Vorplatz an der Allersberger Straße mit strikten Abstandsregeln. Als "merkwürdig und anstrengend" erlebt das Pfarrer Bernd Reuther. "Wir möchten den Gästen etwas anbieten, weil gerade die Pandemie-Zeiten das notwendiger denn je machen. Auf der anderen Seite haben wir die totale Verantwortung für unsere Ehrenamtlichen. Die Schlagzeile 'Vesperkirche: Superspreading-Event' wäre ganz furchtbar. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen."


Start verschoben: Nürnberger Vesperkirche beginnt nun am 1. März


Der 57-Jährige ist in Nürnberg geboren und studierte in Erlangen evangelische Theologie. Nach Stationen in Roth, im Chiemgau und im Allgäu leitete er das Evangelische Bildungszentrum Hesselberg, bevor er 2012 nach Nürnberg an die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche kam. Die Gemeinde suchte damals nach neuen Nutzungen für ihr riesiges Gotteshaus.

Die Kirche als Wohnzimmer

Unter Reuther, der die Vesperkirchen-Idee aus Baden-Württemberg kannte, bewarb sie sich 2013 als erste bayerische Vesperkirche, als die Evangelische Landeskirche Gelder dafür ausschrieb. Den Zuschlag bekam damals Schweinfurt, Nürnberg stellte das Projekt 2016 dann selbst auf die Beine. Das spendenfinanzierte Begegnungsprojekt, bei dem es sechs Wochen lang warmes Mittagessen, Kaffee, Kuchen, Seelsorge und Beratungsangebote gibt, fand bereits fünfmal statt.

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Einsatz in der Großküche: So läuft das Catering für die Vesperkirche

Riesige Töpfe brodeln, Köche schöpfen aus Wannen, in denen man baden könnte, es wird hektisch und laut in der Großküche. Und das nicht ohne Grund: Schließlich haben die Mitarbeiter des SF Franken Caterings und der Vesperkirche nur wenige Stunden Zeit, um hunderte Besucher zu bewirten. Wir haben das Groß-Catering einen Tag lang begleitet – vom Startschuss bis zum Abwasch.


Reuther betonte immer, dass Vesperkirche keine Armenspeisung sei, sondern gesellschaftliches Zusammenrücken, indem ein Kirchenraum zum Wohnzimmer auf Zeit werde. Das hätten die Reaktionen der Gäste und der Mitarbeitenden bewiesen. "Diese sechs Wochen durchbrechen bei vielen den Alltag. Ich habe sehr viele Rückmeldungen von Mitarbeitenden bekommen, wie wichtig die Vesperkirche für ihr Denken und ihre Entwicklung ist. Für viele Gäste ist es ein Raum für Begegnung geworden, wo sie Kontakte geknüpft haben. Gerade die vielen Älteren, finanziell Schwächeren", sagte er im Interview mit der Nürnberger Zeitung, dem Medienpartner des Projekts. Wer in die Vesperkirche komme, sei "etwas ganz Besonderes, egal wie du aussiehst und wie dick dein Geldbeutel ist – diese Botschaft halte ich für einen enorm wichtigen Gegenpunkt in dieser neoliberalen Marktwelt, in der Leistung und Geld zählen". Er selbst werde das Projekt als "zu 90 Prozent traumhaft" in Erinnerung behalten.

"Das ist kein Wettbewerb der Kirchen"

In der Vesperkirche - vor Corona-Zeiten - bekam man seit 2016 in jedem Winter für einen symbolischen Euro oder gegen eine Spende ein warmes Mittagessen.

12.01.2020 © Roland Fengler


Selbst wenn auch kirchenfernere Menschen allein wegen der Vesperkirche zu Gottesdiensten und Festen der Gemeinde Lichtenhof erschienen sind: Die Rolle der Vesperkirche in der momentanen Umbruchsituation der christlichen Kirchen will der Theologe nicht überbewerten. Er sieht das Format, das auf uralte Traditionen zurückgreife – zusammensein und das Brot brechen –, schlicht als eine von vielen lebendigen Gottesbeziehungen. "Ich glaube, wir denken Kirche oft noch zu traditionalistisch, nach den Vereinsstrukturen des 20. Jahrhunderts. Es geht um neue Formen für das gemeinsame Zusammenleben unter den Bedingungen der Spätmoderne. Die Pluralität unserer Gesellschaft ist etwas Wunderbares. Wir können doch auch als Kirche ganz verschiedene Angebote machen. Das ist kein Wettbewerb, wir profilieren uns für Menschen."


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Die Erfahrung, durch so ein Projekt den gemeinsamen Lebensraum Südstadt zu gestalten, habe auch eine politische Tragweite in Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen von der Politik entfremden. "Bei öffentlichen Räumen ist Gestaltungsmöglichkeit da, sie müssen der Ansatz für Quartiersentwicklung sein. Da geht es auch um die Frage, wie wir miteinander leben wollen. Wenn diese Erfahrung wegfällt, fällt eine wichtige Dimension des Politischen weg."

Die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in der Südstadt ist so groß, dass dort während der Vesperkirche täglich mehrere Hundert Menschen bei Essen, Kaffee und Kuchen Platz fanden.

19.10.2020 © Michael Matejka


Der Pfarrer weiß, dass es bis zuletzt kritische Stimmen gab, die sich etwa an einer "Entweihung" des Kirchenraums stören oder befürchten, dass andere Gemeinden durch "Events" ins Hintertreffen geraten. Alle Meinungen hätten ihre Berechtigung, findet Reuther – jedoch verlange er von Kritikern, sich vor einem Urteil erst einmal die Vesperkirche anzusehen.

Wechsel nach Oberbayern

Bernd Reuther wechselt im April auf die evangelische Pfarrstelle in Ruhpolding. "Das war keine Entscheidung gegen Nürnberg. Ich liebe meine Geburtsstadt." Er war sein Wunsch, sich beruflich noch einmal neu zu orientieren und aus gesundheitlichen Gründen auf eine bessere Balance von Arbeit und Ausgleich zu achten. In der Tourismusregion wird Reuther klassische Gemeindearbeit, Erwachsenenbildung und Gästeseelsorge übernehmen – "und erst einmal gar kein Großprojekt". Über seine Nachfolge in Nürnberg wird im Frühjahr entschieden; Bedingung für die Bewerber war die Fortführung der Vesperkirche.

Die diesjährige Vesperkirche läuft wegen der Corona-Pandemie ersatzweise auf dem Vorplatz der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche, Allersberger Straße 116: 1. März bis 21. März, Montag bis Samstag jeweils 11.45 bis 13.30 Uhr. Ein warmes Mittagessen wird kostenlos oder gegen eine Spende zum Mitnehmen ausgegeben. Mehrwegbehälter sind gegen 2 Euro Pfand erhältlich. Es gibt keine Gottesdienste oder Kulturveranstaltungen. Seelsorger sind im Freien vor Ort. Kontakt: vesperkirche-nuernberg.de

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