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Zu wenig Pflegeeltern für vernachlässigte Babys in Nürnberg

"Lächerliche" Bezahlung erschwert die Bedingungen - Lage spitzt sich weiter zu - 28.02.2018 05:57 Uhr

Alles ist bereit: Irmgard Claußen zeigt das Kinderzimmer, in dem vermutlich bald wieder ein Baby schlafen wird. © Stefan Hippel


Seit 16 Jahren nehmen Irmgard Claußen und ihr Mann, die gemeinsam vier eigene Kinder großgezogen haben, fremde, schwer traumatisierte Kinder bei sich auf. Kinder, die unterernährt oder vernachlässigt sind; manchmal für wenige Tage, manchmal für zwei Jahre. Sie integrieren die Kinder in ihren Alltag, nehmen sie mit in den Urlaub oder auf Familienfeiern. 

Weshalb sie das tun? "Familie ist für mich ein ganz großer Wert", sagt die Sozialpädagogin. Sie hat früher selbst ein Kinderheim geleitet, doch sie wollte lieber zu Hause bleiben und zu Hause arbeiten. Seitdem macht sie Kindern, die in ihrem jungen Leben bereits durch die Hölle gegangen sind, "ein Bindungsangebot" und bietet ihnen "einen sicheren Ort".

Unterbringung bei Fachkräften

Die Stadt Nürnberg geht bei der Betreuung von Babys und Kleinkindern, die aus ihrer Familie genommen wurden, einen anderen Weg als viele Kommunen. Null- bis Dreijährige werden nicht bei Laien-Familien untergebracht, sondern in Familien von Fachkräften, also bei Erzieherinnen oder Sozialpädagogen. "Das ist die beste Wahl", sagt Bernd Kamm vom Kinder- und Jugendnotdienst. "Es braucht eine professionelle Sicht auf das Kind."

Familiäre Bereitschaftsbetreuung nennt sich das Konzept. Es ist dann auch nicht wie Vollzeitpflege auf Dauer angelegt. Es ist eine Form der Krisenintervention, wenn Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen werden müssen, weil sie in Gefahr sind. Im Schnitt bleiben die Kinder laut Jugendamt drei Monate bei der Bereitschaftspflege. Etwa die Hälfte wird danach dauerhaft in eine andere Pflegefamilie vermittelt, die übrigen können zu ihren Eltern zurück.

Zu wenig Geld für den Lebensunterhalt

18 Familien wie die Claußens arbeiten aktuell mit dem Jugendamt zusammen, auf freiberuflicher Basis. Es sind zu wenige. "25 bräuchten wir, um den Bedarf zu decken", sagt Kamm. Die Konsequenz: Sogar Kinder, die noch nicht einmal drei sind, landen in der Kindernotwohnung des Jugendamts, also im Kinderheim, wo sie keine feste Bezugsperson haben, sondern je nach Dienstplan wechselnde Betreuer. Der Mangel an Fach-Pflegefamilien wird sich sogar weiter zuspitzen, weil viele von ihnen langsam ins Rentenalter kommen und ans Aufhören denken.

Neue Familien zu gewinnen, ist schwer. Es gibt keinen Feierabend - und: die Bezahlung ist für viele nicht besonders attraktiv. 76 Euro erhalten Familien wie die Claußens am Tag, inklusive 18,50 Euro für den Lebensunterhalt des Kindes. Wenn es nach Kamm ginge, bekämen sie mehr Geld. Irmgard Claußen hält die Bezahlung dann auch für „lächerlich“. Wegen des Geldes brauche man das nicht zu machen, sagt sie. Momentan nimmt sie nur Kinder im Alter von maximal einem Jahr auf, weil die leichter in den Alltag zu integrieren sind als Zweijährige. Wobei einem auch Babys, die sich wochenlang die Lunge aus dem Leib schreien, weil sie auf Drogen- oder Alkoholentzug sind, ordentlich zusetzen können. 

Sabine Stoll

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