Freitag, 26.02.2021

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Zwei Jugendliche starben an Nürnberger S-Bahn-Halt: Vater spricht über Stiftung

Erste Bilanz zeigt gute Spendenbereitschaft und prominente Fürsprecher - 19.01.2021 06:00 Uhr

Luca Ballmann (im Bild links) wurde am 26. Januar 2019 Opfer eines Verbrechens. Auch sein Freund Frederik Wilke starb in jener Nacht im S-Bahnhof Frankenstadion. Heute treten die Eltern der toten Jugendlichen der Gewalt mit Hilfe von Präventionsprojekten entgegen. Georg Ballmann (Mitte) und seine Tochter Lea engagieren sich in einer Stiftung.

18.01.2021 © Privat


Georg Ballmann hat seinen Sohn Luca nach einer Gewalttat verloren. Mit der Frederik und Luca-Stiftung GmbH wollen die Eltern von Luca und Frederik Wilke der Sinnlosigkeit des Verbrechens etwas Sinnhaftes entgegensetzen. Georg Ballmann engagiert sich als Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftung.

Herr Ballmann, im Oktober 2019 wurde die Frederik und Luca – Stiftung GmbH gegründet und schon haben Sie prominente Unterstützung: das Grußwort auf Ihrer Homepage stammt von Innenminister Joachim Herrmann. Wie fällt die Bilanz im ersten Jahr der Stiftung aus?
Georg Ballmann: Wir treffen auf breite Unterstützung: Winfried Bausback, Bayerns Justizminister a. D., der Landtagsabgeordnete Berthold Rüth, der Bürgermeister von Heroldsberg, Jan König, und der Bürgermeister von Elsenfeld, Kai Hohmann, traten in unseren Förderverein ein – als Politiker bekennen sie sich öffentlich zu der Stiftung. Der 1. FC Nürnberg wird strategischer Partner im Raum Nürnberg für gemeinsame Projekte. Und wir sind sehr dankbar, dass der Stiftung über 80 000 Euro an Zuwendungen zugeflossen sind, damit hätten wir im ersten Jahr nicht gerechnet. Nicht so positiv für die Stiftung war natürlich Corona. Wie so viele andere Menschen hat auch uns die Situation stark getroffen.

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Die Stiftung will Schulungen anbieten, um Streit zu schlichten – doch persönliche Treffen sind derzeit schwierig.
Ballmann: Wir sind mit vielen Initiativen und Projekten im Gespräch, etwa mit den sieben Kindertagesstätten in Elsenfeld im unterfränkischen Landkreis Miltenberg. Unsere Stiftung hat die Schulung von 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ein langfristig angelegtes Gewaltpräventionsprogramm zugesagt. Die Schulung sollte im November sein, doch musste dieses Projekt, wie ungefähr zehn andere Projekte auch, verschoben werden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, aber natürlich ist es schade! Vereinzelt finden aber Schulungen statt: So finanziert die Stiftung ein Streitschlichter und ein Antimobbing Programm an der Mittelschule Eckental.

Luca und Freddy - sie wurden nur 16 Jahre alt. Mit einem Graffiti wird den beiden Jugendlichen gedacht. Die Tat vor zwei Jahre hatte ihre Angehörigen, aber auch die ganze Region, fassungslos gemacht.

18.01.2021 © Foto: privat


Werden Projekte zur Streitschlichtung zum Schwerpunkt der Stiftung?
Ballmann: Wir sind als junge Organisation recht offen. Wir wollen vor allem Initiativen für Kinder und Jugendliche unterstützen – um ihnen Möglichkeiten an die Hand zu geben, mit den Veränderungen in der Gesellschaft klar zu kommen.

Kriminalprävention, speziell im Bereich Gewalt, und das gewaltfreie Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen, sind erklärte Ziele der Stiftung. In unserer Gesellschaft sind die Einkommensverhältnisse höchst unterschiedlich, und diese Schere geht immer weiter auseinander. Dies beeinflusst auch die Chancengleichheit der Jugendlichen. Mit unserer schnelllebigen, digitalen Welt gehen Suchtphänomene und Mobbing einher. Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund stehen noch immer vor Sprachbarrieren – um nur einige Probleme zu nennen. Viele Kinder und Jugendliche, die sich in diesen Bereichen abgehängt fühlen, reagieren mit Aggressionen und Gewalt.

Und die Stiftung will via Schulungen dazu beitragen, Alternativen aufzuzeigen.
Ballmann: Gewalt in Schulen und bereits in Kindergärten ist eines der Probleme, mit denen Eltern konfrontiert werden. "Faustlos" ist ein Lehrprogramm, das impulsives und aggressives Verhalten von Kindern vermindern und ihre soziale Kompetenz erhöhen soll. Es ist speziell für den Kindergarten und für die Grundschule entwickelt worden. Mit einer längeren Schulung erreichen wir eine, für uns sehr wichtige, Nachhaltigkeit. Das Statistische Bundesamt hat im Jahr 2019 in Deutschland 181 054 Fälle von Gewaltkriminalität polizeilich erfasst. Darunter waren 18 434 Jugendliche. Ihnen wurde gefährliche und schwere Körperverletzung zur Last gelegt. Zahlen, die belegen, wie viele Gewalttaten von Jugendlichen verübt werden. Auch dies zeigt, wie wichtig das Thema Gewaltprävention ist.


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Um als Stiftung Schulungen zu fördern, braucht es Geld. Sie haben neben der Stiftung einen Förderverein gegründet.
Ballmann: Um die Frederik und Luca Stiftung zu unterstützen, kann der Förderverein Spenden entgegennehmen, Mitglieder werben und in den Verein aufnehmen. Der Vorsitzende bin nicht ich, sondern André Feldmann. Der Verein versucht, über einen Mitgliedsbeitrag von 50 Euro im Jahr, möglichst viele Menschen zu werben und mit deren Beiträgen auch kalkulieren zu können. Die Beiträge können, ebenso wie Spenden, steuerlich geltend gemacht werden.

Wie viele Mitglieder hat der Förderverein bereits?
Ballmann: Bislang haben wir 200 Mitglieder, unser Ziel ist es, Mitglieder im fünfstelligen Bereich zu gewinnen. Wir sind überzeugt, dass dies auch den Einschränkungen aufgrund des Corona-Virus geschuldet ist. Wenn wir uns, etwa bei Veranstaltungen, öffentlich vorstellen können, werden wir uns auch breiter präsentieren und werden mehr Projekte unterstützen können. Aber auch im Förderverein können wir mit 20 000 Euro an Spenden und Mitgliederbeiträgen recht zufrieden sein. Daher schauen wir positiv in die Zukunft.

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