Kunstfenster Sparkasse

Im löchrigen Boot durch die Flut

Ute Scharrer

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30.7.2022, 11:00 Uhr
Den kecken, roten Kussmund gespitzt hat ein Frauenkopf, der hier noch „in trockenen Tüchern“ im Transportfahrzeug lagert.

© Ute Scharrer Den kecken, roten Kussmund gespitzt hat ein Frauenkopf, der hier noch „in trockenen Tüchern“ im Transportfahrzeug lagert.

In zarten Naturfarben präsentiert sich das aktuelle Kunstfenster am Oberen Markt, in dem bis 18. August Arbeiten der in Erkelsdorf ansässigen Bildhauerin Walburga Herrmann zu sehen sind. Vor allem sanft ockerfarbener Sandstein, präsentiert auf alten, gemaserten Holzbalken und haarigem Flachs sind zu sehen, aber auch eine an die afrikanische Baobab-Frucht erinnernde Skulptur aus Kalkstein balanciert auf einem Sockel.

Nur zwei leuchtende Farbtupfer durchbrechen die vorherrschenden Naturfarben: die zart hingestrichelte Buntstift-Zeichnung in frühlingshaften Grüntönen ist die eine Farbe, das Ultramarinblau, das die Füße einer kleinen Frauenfigur hoch zu schwappen scheint, die andere. „Flut“ heißt die weibliche Resilienz ausstrahlende Figur.

Unter ihr liegt kieloben ein löchriges Boot, und über ihr schwebt ein filigranes zweites, wie Spielbälle der Wellen, die, nach Herrmanns Wünschen von Brigitte Jablonski aus Weidenzweigen geflochten, keinerlei Schutz und Sicherheit vor den Wogen bieten können. Das Boot ist seit Noahs Arche Sinnbild für Schutz, Rettung, gemeinsames Unterwegs- und aufeinander Angewiesen-Sein „alle in einem Boot“ und auch Symbol für die Überfahrt ins Totenreich. Walburga Herrmann überlässt die Deutung dieser nutzlos gewordenen Boote den Betrachtern. Der Fall durch die Löcher des sozialen Netzes und das bedrohliche Ansteigen einer Furcht einflößenden Situation gehört ebenso zu den vorstellbaren Lesarten der poetischen Anordnung von Stein und Flechtwerk.

Roter Faden im Fenster

Ihre Arbeiten in ein erzählerisches Arrangement zu bringen, ist der in Berg in der Oberpfalz geborenen Steinbildhauerin und Steinmetzin ein Anliegen. In früheren Ausstellungen in den Sparkassenfenstern zog sich der rote Faden ihrer Arbeiten quer durch das ganze Fenster. Die Dreiteilung des jetzigen Fensters unterbricht den „Erzählfluß“, schafft aber auch einen Rhythmus.

Es sind Menschendarstellungen oder Pflanzen, die Herrmann ausstellt, so auch kraftvoll mit Bleistift und Zeichenkohle aufs Papier geworfenes, knorriges Wurzelwerk. Den Einfluss des Menschen auf die Natur und die umgekehrte Beziehung zwischen Natur und Mensch lotet Herrmann sensibel aus.

Obwohl ihr die Schwerstarbeit des Bildhauerns inzwischen Mühe macht, lässt der Stein sie nicht los, wie sie selbst formuliert. Der vergleichsweise „weiche“ Sandstein kommt ihr da entgegen und die leicht körnige, fast verschwommen wirkende Oberfläche entfaltet einen ganz eigenen Reiz.

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