Ermittler blickt auf fränkischen Cold Case zurück

Mord vor 25 Jahren: Warum fuhr dieser Mann seine Opfer hunderte Kilometer nach Feucht?

10.1.2022, 14:50 Uhr
So soll der Mann ausgesehen haben, der in der Oelser Straße in Altenfurt in ein Taxi stieg. Vom Nürnberger Bahnhof aus ließ sich der Unbekannte dann zurück an den Tatort im Chiemgau fahren.

So soll der Mann ausgesehen haben, der in der Oelser Straße in Altenfurt in ein Taxi stieg. Vom Nürnberger Bahnhof aus ließ sich der Unbekannte dann zurück an den Tatort im Chiemgau fahren. © Polizei

Der Fall Langendonk gilt als eines der rätselhaftesten Gewaltverbrechen, die die Kripo in den vergangenen Jahrzehnten in der Region beschäftigten. Vor 25 Jahren wurde ein niederländisches Ehepaar ermordet in seinem Wohnmobil an der Moserbrücke bei Feucht von Feuerwehrleuten aufgefunden. Bis heute konnte nicht geklärt werden, wer die beiden Niederländer umgebracht hat.

Für die zuständigen Ermittler ist das Verbrechen mit seinen vielen offenen Fragen und seiner Grausamkeit bis heute ein besonderer Fall. Dabei kamen die Ermittlungen am Anfang gut voran. Es gab heiße Spuren, die aber samt und sonders ins Leere liefen. Eine Reihe von Zeugenaussagen machte es möglich, die Mordtat zu rekonstruieren. Unabhängig voneinander konnten zwei Taxifahrer den mutmaßlichen Täter recht genau beschreiben. Es gibt ein Phantombild, mit dem die Ermittler der Polizei damals an die Öffentlichkeit gingen und wegen der Genauigkeit des Bilds zunächst recht optimistisch waren. Die Hoffnung auf einen Fortschritt bei den Ermittlungen trog aber, zu dem veröffentlichten Bild, das einen Mann mit knapp schulterlangen blonden Haaren im Alter von Anfang 30 bis Mitte 40 zeigt, gibt es keine Hinweise.

Die Chronologie des Falls Langendonk beginnt in der ersten Juni-Woche des Jahres 1997. Im niederländischen Delden sitzt das Ehepaar mit Kindern und Enkeln am 5. Juni zusammen und feiert den 63. Geburtstag von Harry Langendonk. Der Niederländer hat viele Jahre lang mit Lkw-Bremsen gehandelt, jetzt hat er sich zur Ruhe gesetzt und kann seinem Hobby nachgehen, dem Ausbau von Wohnmobilen. Seine Frau Truus (61) freut sich bereits auf die anstehende Reise mit dem von Harry Langendonk für die Bedürfnisse des Ehepaars zurechtgemachten Mercedes-Camper. Am nächsten Tag soll es losgehen, die Chiemsee-Region ist eins der ersten Ziele des Ehepaars.

Wenige Stunden zuvor war noch alles in Ordnung

Am Samstag, 7. Juni 1997, meldet sich das Ehepaar telefonisch bei seiner Tochter, Vater Harry erzählt vom Chiemsee und dass alles in Ordnung sei. Was sich in den folgenden Stunden abspielt, kann die Kripo später zeitlich genau rekonstruieren. Auch vom Tathergang können sich die Ermittler dank mehrerer Zeugenaussagen ein Bild machen.

Mord verjährt nicht: Bert Rauenbusch hat sich die umfangreichen Ermittlungsakten zum Fall Langendonk noch einmal auf den Schreibtisch geholt. Zeugenaussagen im Jahr 1997 machten zunächst Hoffnung, dass man den Täter rasch dingfest machen könnte. Der Mörder ist aber bis heute auf freiem Fuß.

Mord verjährt nicht: Bert Rauenbusch hat sich die umfangreichen Ermittlungsakten zum Fall Langendonk noch einmal auf den Schreibtisch geholt. Zeugenaussagen im Jahr 1997 machten zunächst Hoffnung, dass man den Täter rasch dingfest machen könnte. Der Mörder ist aber bis heute auf freiem Fuß. © Alex Blinten

Bert Rauenbusch war damals von Beginn an in die Ermittlungen eingebunden. Der Nürnberger Kriminalbeamte war seinerzeit Mitglied eines Dokumentations-Teams der Polizei, das den Auffindeort des ermordeten Ehepaars an der Moserbrücke sowie den Weg des Mörders an der Straße entlang Richtung Altenfurt filmte und dokumentierte, welche Gegenstände aus dem Wohnmobil der Langendonks am Straßenrand lagen. Der Mörder hat Verschiedenes mitgenommen und dann auf seinem Weg nach Altenfurt entsorgt. Zuvor hat er das Wohnmobil der Langendonks in Brand gesteckt.

Meterhoch schlagen die Flammen in der Nacht vom 7. auf den 8. Juni auf dem Stellplatz an der Moserbrücke. Es ist etwa 1 Uhr am Sonntagmorgen, 8. Juni, als mehrere Autofahrer das Feuer sehen und Polizei und Feuerwehr verständigen. Die Feuchter Feuerwehr rückt mit einer Mannschaft unter Kommandant Bernd Nöth an und beginnt mit den Löscharbeiten, ein Team von Altgedienten ist dabei, neben anderen auch Georg Schmidt und Alfred Hausmann. Zwischenzeitlich trifft auch die Altenfurter Wehr ein. Gemeinsam gelingt es, das Wohnmobil abzulöschen. Als die Feuerwehrleute dann die Türe des Mercedes-Camper öffnen, entdecken sie die übereinander liegenden Leichen eines Mannes und einer Frau.

Schüsse in Brust und Kopf

Die Kripo wird verständigt und ermittelt über das Kennzeichen den Halter des Wohnmobils: Harry Langendonk. Schon am Auffindeort deutet vieles auf ein Gewaltverbrechen hin, Gewissheit ergibt dann die Obduktion, die im Sektionsraum des Nürnberger Westfriedhofs durchgeführt wird. Truus Langendonk wurde mit einem Schuss in die Brust getötet, ihr Mann Harry mit zwei Kopfschüssen. Der Täter schnitt dann seinen beiden Opfern die Kehlen durch. Warum? Dazu hat die Kripo Traunstein seinerzeit Profiler des Polizeipräsidiums München hinzugezogen.

Wenige Stunden vor seiner Ermordung war das Ehepaar mit dem Wohnmobil in der Nähe von Traunstein unterwegs. Am frühen Abend des 7. Juni suchen sich die Langendonks einen Stellplatz am Rand eines kleinen Wäldchens zwischen den beiden Dörfern Matzing und Nußdorf. Zeugen beobachten, wie das Wohnmobil abgestellt wird und das Ehepaar es sich dann auf Campingstühlen vor dem Fahrzeug bequem macht. In etwa 500 Metern Entfernung befindet sich ein Flugplatz für Modellflieger. Einer der Hobby-Piloten schildert der Polizei später, wie er drei Personen gesehen hat, die um das Wohnmobil herum gegangen sind, dann seien Schüsse gefallen und nur eine Person sei wieder an der für ihn sichtbaren Seite des Campers aufgetaucht. Die Schüsse haben mehrere andere Zeugen ebenfalls gehört, dem Ganzen aber keine weitere Bedeutung zugemessen, weil in der Gegend immer wieder Jäger unterwegs sind.

Zwei Stunden hat sich der Mörder dann am Tatort aufgehalten und hat seine Opfer unbeobachtet ins Wohnmobil gelegt. Gegen 20 Uhr bricht er dann auf und verursacht beim Ausfahren aus dem zum Waldrand führenden Weg beinahe einen Unfall. Ein vorfahrtberechtigter Pkw-Fahrer kann dem aus dem landwirtschaftlichen Weg in die Bundesstraße einbiegenden Wohnmobil im letzten Moment ausweichen. Der Mann wendet sich nach einem Fahndungsaufruf der Kripo Traunstein später an die Polizei und schildert das Ereignis, so dass die Ermittler jetzt einen genauen zeitlichen Ablauf rekonstruieren können.

Warum fuhr der Mörder ausgerechnet nach Feucht?

Vom Chiemgau aus macht sich der Täter auf den Weg zur Moserbrücke bei Feucht. Warum fährt er hierher? Hat er den Standort gezielt angesteuert? Oder war es Zufall, dass er hier stoppte? Der Stellplatz an der Moserbrücke war damals Standplatz von Prostituierten, die hier auf Freier warteten. Ob der Täter eine Frau aus der Prostituiertenszene gekannt hat und sie möglicherweise an der Moserbrücke treffen wollte, konnte nie geklärt werden.

Bert Rauenbusch war seinerzeit mit seinem Dokumentationsteam im Chiemgau am Tatort und hat mit seinen Kollegen die Tat rekonstruiert. Zwischenzeitlich hat die Spurensicherung auch Patronenhülsen an der Stelle am Waldrand gefunden, an der das Wohnmobil abgestellt war. Die Hülsen stimmen mit den Projektilen überein, die bei der Obduktion des Ehepaars Langendonk gefunden wurden.

Während die Traunsteiner Kripo mit Zeugenbefragungen Tatort und Tatzeit bestimmen kann, meldet sich bei der Polizei in Nürnberg ein Taxifahrer und berichtet von einer Fahrt von der Oelser Straße in Altenfurt zum Hauptbahnhof. Der Taxi-Chauffeur hatte zuvor in der Zeitung von dem ausgebrannten Wohnmobil und dem Leichenfund an der Moserbrücke gelesen und sich deshalb an die Kripo gewandt. Seinen Fahrgast beschreibt der Zeuge als gut gekleidet, die Kleidung sei aber verschmutzt gewesen und außerdem habe der Mann penetrant nach Schweiß gerochen. Dieselbe Beschreibung liefert später ein weiterer Taxifahrer, der den Unbekannten am Bahnhof einstiegen ließ und ihn dann in den Chiemgau fuhr. Hier ließ sich der Mörder ganz in der Nähe des Tatorts absetzen.

Auch Aktenzeichen XY kann nicht helfen

Bezahlt hat er seine lange Taxifahrt mit österreichischen Schillingen. In welche Richtung der Mann dann gegangen ist, konnte der Taxifahrer später nicht mehr sagen. 50.000 DM Belohnung wurden damals für Hinweise ausgesetzt, die zur Ermittlung des Täters führen und Jahre später griff die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY ungelöst den Fall auf.

Trotzdem ist er bis heute ungeklärt, der Mörder ist weiter auf freiem Fuß und viele Fragen bleiben offen: Welche Verbindung hat der Täter in den Raum Nürnberg? Kommt er möglicherweise aus Österreich? Und dann die Frage nach dem Motiv: War es Raubmord? Oder ist der Täter möglicherweise psychisch krank?

Bert Rauenbusch ist seit 1978 bei der Polizei, in drei Monaten geht er in den Ruhestand. Der Fall Langendonk hat ihn lange beschäftigt und lässt ihn bis heute nicht los. Er kennt sämtliche Details, die zeitliche Abfolge der Tat, die Taxifahrer-Spur, die aufgefundenen Gegenstände an der Oelser Straße. 2019 hat Rauenbusch ein Buch geschrieben: "100 Jahre Kriminalgeschichte in Mittelfranken". Darin beschreibt er 80 aufsehenerregende Fälle. Ein Kapitel widmet der Kripo-Beamte dem Fall des ermordeten niederländischen Ehepaars.