Feuchts Bürgermeister kämpferisch

"Wir müssen viel lauter werden": Gegner des ICE-Werks demonstrieren

26.10.2021, 13:54 Uhr
„Wir sind hier, wir sind laut, weil die Bahn den Wald uns klaut“ skandieren die Demonstranten ein ums andere Mal.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil die Bahn den Wald uns klaut“ skandieren die Demonstranten ein ums andere Mal.

Samstag, halb zehn auf dem Pfinzingplatz. Bund Naturschutz, Bürgerinitiative und einige mehr haben Stände und Plakatwände aufgebaut, um zu informieren, warum sie die potenziellen Standorte für das ICE-Werk ablehnen. In der Schlange vor dem Backhaus stehen zwei Seniorinnen. Mit Blick auf die Aktivisten in Warnwesten fragt die eine, was denn hier los sei. "Die demonstrieren gegen das ICE-Werk", antwortet die andere. Kommt zurück: "Na wenn sie sonst nichts zu tun haben." Das bekommt eine andere Passantin mit, verwickelt die beiden Damen in ein Gespräch, zeigt auf einer Karte, wo das Werk gebaut werden soll und was das für den Wald am Jägersee bedeutet. Zwar hören die Beiden aufmerksam zu und nicken zustimmend, am Ende aber ziehen sie die warme Bäckerei doch dem zugigen Parkplatz an der Reichswaldhalle vor.

Dort spricht wenig später Bürgermeister Jörg Kotzur über genau diese Haltung. "Ich erwarte mir von Feucht mehr Widerstand. Wir haben 14.000 Einwohner, wir müssen viel lauter werden", fordert er vor 250, vielleicht 300 Demonstranten. Laut Kotzur ist vielen Feuchtern immer noch nicht bewusst, dass es um ihren Jägersee geht, in dem sie im Sommer so gerne Baden gehen. Für die Info-Veranstaltung mit der Bahn am Mittwoch, 10. November, erwarte er deshalb Unterstützer, die die Bahn "mit unseren Fragen befeuern". Außerdem kündigt er an, jene Abgeordnete einzuladen, die Feucht das ICE-Werk haben zuschieben wollen. "Mal schauen, ob sie sich hertrauen", meint Kotzur ungewohnt kämpferisch.

"Wenn man das Werk verkleinert, eröffnen sich neue Standorte"

Hauptredner am Samstagvormittag ist Richard Mergner, Vorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern. Er kritisiert die Deutsche Bahn scharf für ihr Flächenmanagement und die laufende Standortsuche. "Über Jahre hinweg hat die Bahn eigene Flächen teuer verkauft und will jetzt billig Wälder und Äcker kaufen, dagegen müssen wir uns wehren", sagt Mergner. Wer so plane und mit Bürgern umgehe, der habe es nicht verdient, "unsere Bahn zu repräsentieren", meint Mergner, der nicht nur den BN vertritt, sondern als stellvertretender Vorsitzender auch die Allianz Pro Schiene.

Die Menschenkette zieht sich um die gesamte Häuserzeile zwischen Pfinzingstraße und Brauhausgasse. Bayerns BN-Vorsitzender Richard Mergner fordert die Bahn auf, die Standortsuche komplett neu aufzurollen. Fotos: Herbert Bauer, Christian Geist

Von Bahnchef Richard Lutz fordert er deshalb, die Pläne zu kassieren, das Raumordnungsverfahren nicht einzuleiten und die Standortsuche neu aufzurollen. "Wenn man das Werk verkleinert - und das kann man - dann eröffnen sich neue Standorte", meint Mergner. Über solche hatten vor ihm schon Landtagsabgeordnete Sabine Weigand und der Kreissprecher des BN, Dr. Herbert Barthel, gesprochen. Sie forderten von der Bahn, den Bannwald nicht anzutasten und stattdessen auf Industriebrachen und versiegelte Flächen weiter südlich von Nürnberg auszuweichen.

"Wir werden gewinnen, davon bin ich überzeugt"

Mergner wendet sich dann noch an Ministerpräsident Markus Söder, der vor Kameras ja so gerne Bäume umarme. "Hier und heute geht ein klares Signal aus: Belasse es nicht beim Umarmen, setze dich auch tatsächlich für den Wald ein!" Der oberste bayerische Naturschützer geht auch hart mit weiteren Politikern der CSU ins Gericht, beispielsweise den Verkehrsministern von Ramsauer bis Scheuer, die "die Bahn kaputtgespart haben". Doch er appelliert an alle, die Politik nicht zu verdammen, sondern sich weiter einzubringen. "Auf die da oben zu schimpfen und selbst nichts zu unternehmen, das geht gar nicht", sagt Mergner und beendet seine Rede mit einer Kampfansage und Optimismus: "Wir stellen uns ihnen in den Weg. Und wir werden gewinnen. Davon bin ich überzeugt!"

Weniger differenziert tritt da Hubert Galozy für das Aktionsbündnis der Trassengegner an der Reichswaldhalle auf. Freilich spricht er zunächst einmal über die Juraleitung und deren Gefahr für den Reichs- und Bannwald. Doch immer wieder schimpft Galozy auf "die Politiker", auf "die Politik". Mit Blick auf Bundestagswahl und Koalitionsgespräche fallen Sätze wie: "Denen allen geht der Profit der Konzerne vor der Gesundheit der Menschen und das ist schändlich." Die Politik sei ferner tatenlos, Korruption gang und gäbe, et cetera. Dass Galozy selbst politisch aktiv ist, in Leinburg Bürgermeister werden wollte und nun die Freien Wähler im Gemeinderat vertritt, dazu sagt er an diesem Morgen nichts.

Nach Ende der Reden bilden die Teilnehmer der Kundgebung eine Menschenkette, die sich über Pfinzingstraße und Brauhausgasse zurück zur Halle zieht. "Wir sind hier, wir sind laut, weil die Bahn den Wald uns klaut", hallt es minutenlang durch den Feuchter Ortskern.

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