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Mittwoch, 16.10.2019

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ÖPNV der Zukunft: Landbus in Franken lässt sich per App rufen

Hofer Pilotprojekt steuert 170 Stationen flexibel nach individuellen Wünschen an - 17.09.2019 15:00 Uhr

Drei Euro kostet ein Ticket für den Hofer Landbus, das Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach hier in die Höhe reckt. © Landkreis Hof


Wer in Hinterprex, Henriettenlust, Raitschin oder Klötzlamühle lebt, allesamt kleine Ortsteile der 2300-Seelen-Gemeinde Regnitzlosau im Landkreis Hof, der ist bislang ohne eigenes Auto völlig verloren und ohne Anschluss zur Außenwelt. Neben der Schulbuslinie fährt hier nur noch wenige Male am Tag ein Bus auf der Hauptstrecke zwischen Hof, Regnitzlosau und Rehau, die kleinen Dörflein ringsum werden, wie fast überall im ländlichen Raum, überhaupt nicht von öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht.

Ab sofort anders. Ab sofort steuert der „Hofer Landbus“ 170 Haltestellen in den beiden Nachbargemeinden Regnitzlosau und Rehau an, auch im kleinsten Ortsteil ist es nicht weit zum nächsten Haltepunkt, der mit einem Schild oder Aufklebern gekennzeichnet ist.

Kein fester Fahrplan, keine feste Linie

Wer sich dort einfach hinstellt und auf einen Bus wartet, wird allerdings viel Geduld brauchen und womöglich tagelang vergeblich warten. „Es gibt keinen festen Fahrplan und keine feste Linie. Dadurch unterscheidet sich der Landbus auch von einem Anrufsammeltaxi. Man kann individuell von jeder beliebigen der 170 Haltestellen bis zu einer beliebigen anderen seine individuelle Fahrt buchen“, erklärt Michael Stumpf, Nahverkehrsbeauftrager im Landkreis Hof.

Eine Fahrt reservieren kann man über eine App oder per Anruf. Der Vorteil der App: Sobald man gebucht hat, sieht man auf dem Handy, wo sich das Fahrzeug gerade befindet, welches Nummernschild es hat und wie der Fahrer heißt. Höchstens 30 Minuten soll man auf das Fahrzeug warten müssen.

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Wenn mehrere Buchungen vorliegen, wird durch eine eigens dafür programmierte Software dem Fahrer die beste Route ausgespuckt. Unterwegs kann er weitere Mitfahrer aufsammeln, das Hintergrundsystem legt bei jeder Anfrage weitere Fahrten in Echtzeit zusammen. 

„Dadurch kann es natürlich kleine Umwege von fünf bis zehn Minuten geben. Insgesamt hat das aber fast Taxi-Qualität, und das bei einem Preis von drei Euro pro Fahrt“, meint Stumpf. Bezahlt werden muss trotz aller Digitalisierung noch in bar.

Einsprüche oder Beschwerden habe man von lokalen Taxi-Unternehmern ob der neuen Konkurrenz nicht bekommen, sagt Stumpf. Eines der Taxi-Unternehmen betreibt sogar den Hofer Landbus. Neun Sitzplätze hat das Fahrzeug, bei Bedarf können bis zu sechs Wagen im Einsatz sein, auch ein barrierefreies Fahrzeug steht zur Verfügung.

"Deutschlandweit einzigartiges Pilotprojekt"

Wer den Hofer Landbus nutzen möchte, kann dies an sieben Tagen die Woche zu jedem Zeitpunkt zwischen 6 und 23 Uhr tun. „Das ist ein deutschlandweit einzigartiges Pilotprojekt. Im ländlichen Raum hat es das bislang noch nicht gegeben“, betont Landkreis-Sprecherin Stefanie Schulze.

In Ballungszentren hat das Unternehmen door2door, das auch in Oberfranken hinter der Software steckt, schon erste Versuche mit einem solchen System gewagt. Mit dem momentan pausierenden Angebot „Allygator Shuttle“ in Berlin hat man erste Erfahrungen gesammelt, in München soll bald der „IsarTiger“ an den Start gehen.

Während diese Angebote aber vor allem zur nächtlichen Feierstunde in Szene-Vierteln verkehren, hat der Hofer Landbus neben Kneipen- und Party-Besuchern auch noch andere Zielgruppen. „Das Angebot ist auch attraktiv für ältere Menschen, die nicht mehr Auto fahren wollen oder können, oder auch für Schüler. Und natürlich für alle, die ohne eigenes Auto zum Einkaufen oder zum Arzt fahren möchten“, sagt Korbinian Göths, der im Hofer Landratsamt im Bereich Kreisentwicklung tätig ist. 
Der Pilotversuch soll zunächst ein Jahr lang laufen, kann aber auf bis zu fünf Jahre erweitert werden. Wenn der Versuch erfolgreich ist, will man das Angebot auch auf den ganzen Landkreis ausweiten. 

Dann wird auch der Rest der gesamten Fördersumme von 600.000 Euro durch den Freistaat fällig. Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach (CSU) überbrachte zur gestrigen Jungfernfahrt schon mal den Förderbescheid über 55.000 Euro, mit dem der Hofer Landbus bis Ende des Jahres durch den östlichen Hofer Landkreis fahren kann.

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