Parlamentarier für einen Tag

2.12.2014, 18:52 Uhr
Zwei Tage schlüpfen die Studenten der Evangelischen Hochschule Nürnberg in die Rollen der EU-Minister.

Zwei Tage schlüpfen die Studenten der Evangelischen Hochschule Nürnberg in die Rollen der EU-Minister. © Foto: Andreas Schmitt

Tortoli referiert über Cadmium-Anteile in Batterien, die europäische Wirtschaft und Arbeitsplätze. „Kehren Sie vor Ihrer eigenen Haustür“, sagt der Abgesandte aus Rom zur Französin. Dann setzt er sich, wirkt zufrieden und lässt den Blick schweifen. Aus dem Fenster, auf die mittelalterliche Nürnberger Stadtmauer.

Diese Tagung des EU-Ministerrats findet nicht in Brüssel statt, sondern in der fränkischen Metropole. Am Plärrer, in den Räumen der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Das Geschehen verfolgen Uwe Krahnenpohl – Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaften – und Robert Lohmann, Mitarbeiter der Akademie für Politische Bildung Tutzing. „Die Studenten sollen die politischen Prozesse der Europäischen Union kennenlernen“, sagt Krahnenpohl. Der Dozent hat das Planspiel „EuropaPolitik erleben“ in seine Einführungsvorlesung in Politikwissenschaft für die Studiengänge Soziale Arbeit und Sozialwirtschaft eingebaut. Er flüstert, denn er will die Vertreterin aus Österreich nicht stören. Sie springt gerade Frankreich zur Seite und kontert auf die Worte des angriffslustigen Italieners. „Das klappt ja super“, meint Lohmann, der das Planspiel konzipiert hat. „Sie fühlen sich schon wie Minister – das ,Du‘ ist weg.“

Die Studenten diskutieren mit- und gegeneinander über giftige Batteriebestandteile. In ihrer Geschäftskleidung, mit Anzügen, Krawatten und weißen Blusen, wirken sie währenddessen wie gestandene Politiker, nicht wie Erstsemester. Rund 60 von ihnen haben am Freitag und Samstag die Abläufe der Europäischen Politik simuliert, 120 weitere werden genau dasselbe an den kommenden zwei Wochenenden tun. Dabei geht es um den Gesetzgebungsprozess der sogenannten „Akku-Richtlinie“. Sie wurde 2006 beschlossen und verbietet die Vermarktung bestimmter Batterien und Akkumulatoren, deren Quecksilber- oder Cadmiumgehalt den festgelegten Grenzwert überschreitet.

Wütender Italiener trifft auf griesgrämigen Briten

Marco König aus Hummelsberg mimt während des Planspiels professionell den strengen Italiener. Privat vertritt er aber eine ganz andere Position als sein Zwei-Tages-Charakter: „Ich habe einige Semester Chemie studiert und weiß wie schädlich Cadmium ist“, sagt er. Deshalb wundert er sich eigentlich, dass es doch einige Länder gibt, die die Senkung des Cadmium-Anteils zum Schutz der eigenen Wirtschaft stoppen oder zumindest hinauszögern wollen. Christoph Schlecht aus Feuchtwangen vertritt als Mr. Morley Großbritannien im Ministerrat: „Ich spiele auf die Kostenfrage an und versuche – wie für mein Land typisch – Zeit zu gewinnen“, sagt er. Er verkörpert damit die eher pessimistische Haltung, die viele seiner Landsleute aus Großbritannien der EU gegenüber in einigen Punkten haben.

Doch es ist nicht vordergründig der Inhalt der Gespräche, der diese Simulation so interessant macht, sondern das Hineinversetzen in die gespielten Figuren, das Vertreten eigener Interessen und das Kennenlernen politischer Macht mitsamt ihrer Grenzen. So bringen die Dozenten junge Menschen dazu, sich eineinhalb Tage lang aktiv mit politischen Prozessen zu befassen. „Ich dachte, es wird schrecklich langweilig“, gibt Elena Rainer zu, als sie mit ihren Studienkolleginnen aus dem Fach Soziale Arbeit in einer Pause zusammensitzt. Nach drei Stunden Planspiel hat sie ihre Meinung geändert: „Jetzt kann ich mich der Diskussion gar nicht mehr entziehen.“

Die Altdorferin ist an diesem Tag als luxemburgische Abgeordnete eine der eifrigsten Rednerinnen im EU-Parlament. Das in der Realität in Straßburg angesiedelte Gremium tagt im Nürnberger Planspiel im Nebenzimmer des Ministerrats. Es bietet damit anders als sonst kurze Wege für die EU-Kommission und die akkreditierten Journalisten. Die gehören auch dazu, um neben den Ministern und Parlamentariern die Rollenaufteilung während des Planspiels zu vervollständigen. Hier kann keiner der Abgeordneten den Nachfragen der Medienvertreter entgehen. „Kommt ihr dann mal zum Interview“, ruft Laura Weigand ihren Kommilitoninnen zu – und beginnt gleich, kritische Fragen zu stellen. Genau so, wie man es von einer Reporterin der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ eben erwarten würde.

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