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100 km am Tag: Creußener verbringt seine Urlaube im Fahrradsattel

Ein 28-jähriger Creußener ist derzeit mit dem Rad auf dem Balkan unterwegs. - 22.05.2020 07:55 Uhr

Kapija Podrinja in Serbien: Lukas Ohlraun mit dem Fahrrad auf dem Balkan. Über 1000 Kilometer hat er zuletzt zurückgelegt und dabei unter anderem fünf Nationalparks durchquert. © Foto: privat


Seine Urlaube verbringt Lukas Ohlraun im Fahrradsattel – und erfährt dabei eher unbekannte Regionen in Osteuropa und auf dem Balkan. Der 28-Jährige aus Creußen macht das schon seit einigen Jahren. Was mit einer kleinen Tour, gemeinsam mit einem Freund, nach Wien begonnen hat, ist zu einer veritablen Radreise gewachsen: 2016 von Prag nach Bratislava, 2017 von Bratislava nach Budapest und im Jahr darauf die bisherige Königsetappe – von Budapest über Belgrad und Sarajevo nach Split. "Ich fange immer da an, wo ich aufgehört habe", erklärt Lukas Ohlraun seine Reiseplanung; 2019 war er in der Hohen Tatra unterwegs: "Aber nur für elf Tage."

Das klingt, als sei das für ihn eher eine Runde zum Aufwärmen gewesen. Und verglichen mit seinem Radurlaub von Ungarn über Serbien und Bosnien nach Kroatien mutet das fast so an: Von 15. August bis 6. September war Lukas Ohlraun insgesamt 1139 Kilometer unterwegs, hat fünf Nationalparks durchquert und in 14 Hotels Station gemacht.

Zweimal ist der 28-Jährige auf den Bus umgestiegen: So war der Weg vom bosnischen Visegrad nach Sarajevo in Serbien nicht nur anspruchsvoll – 120 Kilometer, 1400 Höhenmeter und 30 Tunnels –, sondern auch ziemlich gefährlich, sagt Ohlraun: "Radfahrer sind dort nicht unbedingt alltäglich, die Straßen sind eng. Da wird man von Autos manchmal abgedrängt." Hinterher hat er diesen Entschluss etwas bedauert: "Ich hätte fahren sollen, weil der Ausblick auf dem Plateau wirklich beeindruckend war."

"Ich mag Osteuropa"

Für Lukas Ohlraun war es eine eindrückliche Reise. Die er, wie seine anderen auch, immer im Winter akribisch plant. Er informiert sich in Radforen im Internet und Google Maps über den Streckenverlauf und bucht die Hotels im Voraus: "Da muss ich mein Tagesziel natürlich erreichen." Wieviel er täglich schafft, das weiß der Creußener mittlerweile aus Erfahrung. Je nach Streckenprofil sind es 90 bis 100 Kilometer.

"Ich mag Osteuropa", sagt Lukas Ohlraun. Schon als Kind hat er mit seinen Eltern dort Urlaub gemacht. Ein bisschen ärgern ihn die Vorurteile, die "pass auf, dass du wieder heimkommst"-Wünsche. Angst hat er keine, allenfalls davor, dass ihm sein Fahrrad geklaut wird. "Aber Respekt vor Wachhunden. Überfallen werden kann ich überall, auch zu Hause." Von negativen Erfahrungen mit den Menschen dort, kann der 28-Jährige nicht berichten: "Die sind dermaßen gastfreundlich und interessiert." Oft hat man ihm den Kaffee oder das Bier bei seinen Pausen bezahlt, gefragt, wo er herkomme und hinwolle. "Viele sprechen etwas Deutsch, weil sie früher in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gearbeitet haben." Einmal haben ihn Rentner, während seiner Rast auf dem Parkplatz eines Nationalparks, zum Essen eingeladen. Und ein Lunchpaket sowie eine Flasche Schnaps mitgegeben: "Falls es nachts kalt wird."

Seine Radreisen sind für Lukas Ohlraun keine Wettkampf-Veranstaltung: "Ich will nicht jeden Tag 130 Kilometer fahren. Ich suche mir im Vorfeld Sachen aus, die ich besuchen will – geschichtliche und kulturelle." Belgrad sei eine wunderschöne Stadt mit vielen Kirchen, in Sarajevo stürzt man wieder in eine ganz andere Kultur: Moscheen dominieren das Stadtbild. "Dort wird in Restaurants auch kein Alkohol ausgeschenkt". Und in Kroatien wiederum sehe man Kreuze auf den Bergen stehen.

Alter Bahnhof in Vukovar in Ostkroatien: Der Krieg in den 1990ern, ist dort nach wie vor präsent. © Foto: privat


Auch die wechselvolle Geschichte Bosniens und Kroatiens, der Krieg in den 1990ern, ist dort nach wie vor präsent. In Ostkroatien sind noch viele Minen im Boden, vor denen auf Schildern gewarnt wird. "Und in dem Hotel in Osijek, in dem ich übernachtet habe, sind noch Einschusslöcher in den Mauern zu sehen", erzählt Lukas Ohlraun. Die kroatische Stadt war im Krieg fast komplett zerstört worden. "Es ist traurig, dass das nach 30 Jahren noch so da steht", sagt Ohlraun. "Das hat mich echt berührt." Er vermutet, dass das gewollt ist. "Damit man sieht, wie es war." Was geschehen ist.

Geschehnisse die vor seiner Zeit stattgefunden haben. Wie auch die Olympischen Winterspiele 1984 in Sarajevo. Die Spielstätten, die sich schon lange selbst überlassen sind, sind ein beliebtes Ausflugsziel. "Die alten Sporthotels sind noch da, aber alles verfällt, und aus der Bobbahn wachsen Bäume." Jene Bahn ist der 28-Jährige auch mit seinem Mountainbike heruntergefahren. "No risk, no fun", sagt er. Allerdings ist und war er nicht der Einzige, der das macht. Auch den Schanzentisch der alten Skisprung-Anlage ist er hinaufgestiegen: "Der ist so steil, am Ende musste ich mich festhalten", sagt Lukas Ohlraun.

Das Aufwendigste an den Reisen ist die Planung. Die Fahrten zum Startpunkt und die Abfahrten vom Zielort mit dem Zug oder Bus. Die Heimreise kann dann manchmal auch etwas länger dauern: "Von Split nach Creußen war es ein ganzer Tag." Akribisch geplant und gewogen ist auch das Gepäck: 7.95 Kilogramm, davon fünf Kilogramm Kleidung – die abends im Hotel gewaschen wird – sowie Flickwerkzeug, eine Kamera und Reiseführer. "Ich fahre ohne Navi, nur mit Kompass und Karte", sagt Ohlraun. Für dieses Jahr hatte er keine Radreise geplant, sondern einen Wanderurlaub in Georgien. Aber die Corona-Pandemie hat auch Lukas Ohlraun einen Strich durch die Rechnung gemacht. Für seine sportlichen Touren in diesem Sommer bleiben dem 28-Jährigen nur die Fränkische Schweiz und das Nürnberger Land.

BARBARA STRULLER

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