Dienstag, 13.04.2021

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197 Millionen Jahre alten Pfeilschwanzkrebs nahe Bayreuth entdeckt

Zufallsfund in einer Sandgrube bei Neudrossenfeld - Neue Art nach dem Baggerfahrer benannt - 16.02.2021 19:20 Uhr

Der etwa fünf Zentimeter große unscheinbare Abdruck eines Pfeilschwanzkrebses entpuppte sich als neue Art Franconiolimulus pochankei.

16.02.2021 © Andreas Hecker JME/SNSB


In der Sandgrube Pechgraben bei Neudrossenfeld in Oberfranken werden seit langem jurazeitliche Sande der Bayreuth-Formation (Hettangium, etwa 197 Millionen Jahre alt) abgebaut. Für Paläontologen interessant sind allerdings die zwischen den Sandablagerungen liegenden Tonschichten, die zahlreiche wertvolle Pflanzenfossilien der Jurazeit enthalten.

Bei einer Notgrabung durch das Paläontologische Museum Nierstein im Jahr 1999 fanden sich neben solch versteinerten Pflanzenresten auch ein etwa fünf Zentimeter großer unscheinbarer Abdruck eines Pfeilschwanzkrebses, der keiner bisher bekannten Art zugeordnet werden konnte.


Sensation! Fossil einer bislang unbekannten Gattung in Oberfranken entdeckt


Die Paläontologen Russell Bicknell von der Universität Armidale, Australien, Andreas Hecker vom Jura-Museum Eichstätt (SNSB Regionalmuseum) und Alexander Heyng, Geowissenschaftlicher Dienst amh-Geo, gelang es nun, den Pfeilschwanzkrebs zu rekonstruieren und wissenschaftlich zu beschreiben.

Pflanzen-Fossilien aus der Bayreuth-Formation.

16.02.2021 © Andreas Hecker JME SNSB


Familie galt als seit 201 Millionen Jahren ausgestorben

Die Untersuchungen zeigten, dass das Fossil einer bisher unbekannten Gattung aus der Familie der Austrolimulidae angehört. Dies hat die drei Forscher überrascht, denn diese Pfeilschwanzkrebs-Familie galt bislang als ausgestorben – und zwar bereits seit dem großen Massenaussterben an der Trias-Jura-Grenze vor 201 Millionen Jahren.

Die Wissenschaftler gaben der neuen Art den Namen Franconiolimulus pochankei - benannt nach Hartmut Pochanke, dem Baggerfahrer der Sandgrube, der die Tonschichten für die Notgrabung freigebaggert und so für die Paläontologen erst zugänglich gemacht hat. Dass als ausgestorben geltende Tier- und Pflanzen-Gruppen in geologisch späterer Zeit wieder nachgewiesen werden, wird als Lazarus-Effekt bezeichnet.

Pfeilschwanzkrebse sind sehr eigentümliche Tiere. Anders als der Name vermuten lässt, sind sie keine Krebse, sondern mit den Spinnentieren verwandt. Pfeilschwanzkrebse sind heute noch mit vier Arten vertreten. Die bekannteste ist der bis 85 Zentimeter große Amerikanische Pfeilschwanzkrebs Limulus polyphemus, der an der westlichen Atlantikküste von Mexiko bis Maine (USA) lebt.

"Lebende Fossilien"

Ihre äußere Form, bestehend aus einem zweiteiligen Körper und langem spitz zulaufenden Schwanz hat sich über mehrere hundert Millionen Jahre nicht wesentlich verändert. Deshalb werden heutige Pfeilschwanzkrebse oft als „lebende Fossilien“ bezeichnet. Sämtliche heutigen Pfeilschwanzkrebs-Arten gehören zur Familie der Limulidae, die erstmals in der Mittleren Trias-Zeit, vor rund 240 Millionen Jahren auftrat.

Für die Rekonstruktion der Lebewelt von Franconiolimulus pochankei erwies sich die enge Vernetzung der SNSB Regionalmuseen, zu denen das Jura-Museum Eichstätt gehört, als besonders wertvoll: Durch weitere Funde, die unter anderem am Urweltmuseum Oberfranken in Bayreuth, ebenfalls ein SNSB Regionalmuseum, bearbeitet werden, konnte der Lebensraum von Franconiolimulus pochankei rekonstruiert werden.

Vor rund 197 Millionen Jahren lebte der Pfeilschwanzkrebs in einem tropischen Flussarm, umgeben von einem dichten Urwald mit Farnbäumen, Riesenschachtelhalmen und Nadelbäumen. Funde von Tier-Fossilien aus diesem Ökosystem sind außerordentlich selten. Neben dem Pfeilschwanzkrebs sind lediglich wenige Süßwassermuscheln, einige Eier von Haien und Insekten gefunden worden. Das bedeutet aber nicht, dass die Tierwelt individuen- und artenarm gewesen wäre. Ähnlich wie heute in den tropischen Flüssen Südamerikas wurden sämtliche tierischen Überreste von Aasfressern und Bakterien vermutlich sofort zersetzt. Lediglich die schwerer abbaubaren Pflanzen erhielten sich außerordentlich gut.

Im Jura-Museum Eichstätt sind neben den jüngeren, hervorragend erhaltenen fossilen Pfeilschwanzkrebsen der Solnhofener Plattenkalke auch lebende Amerikanische Pfeilschwanzkrebse im Aquarium zu sehen. Das Urweltmuseum Bayreuth zeigt die Pflanzen der Bayreuth-Formation sowie einige Tierfossilien in seiner Dauerausstellung. Franconiolimulus pochankei selbst ist zusammen mit Pflanzenfossilien aus derselben Fundstelle im Paläontologischen Museum Nierstein ausgestellt. 

DR. EVA-MARIA NATZER

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