Freitag, 14.05.2021

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78-Jähriger Pegnitzer lebte als Kriegsflüchtling in der Zaußenmühle

Werner Pierdzig hat große Teile seiner Kindheit in der Zaußenmühle gewohnt - 15.04.2021 16:42 Uhr

Werner und Ruth Pierdzig an der Pegnitzer Zaußenmühle. Das Mühlrad kam erst später dazu. Am Wassertrog aus Stein fleiten Pegnitzer Hausfrauen die Wäsche. Die Zaußenmühle war schon vor Jahren als Museumsgebäude im Gespräch.

15.04.2021 © Foto: Frank Heidler


Die Spurensuche an die Stätte seiner Kindheit ist für Werner Pierdzig denkbar einfach: Wie er bei späteren Restaurantbesuchen in der "Zaußenmühle" mit eigenen Augen feststellen konnte, "ist die Treppe noch genau die gleiche wie früher".

"Zwei Zimmer mit Küche": Das war die komplette gemietete Wohnung der Familie Pierdzig im Obergeschoss der Zaußenmühle. Für allzu menschliche Bedürfnisse gab es das Plumpsklo im hölzernen Anbau der Zaußenmühle. Ein "schlimmer" hygienischer Standard wie damals in fast allen Pegnitzer Wohnhäusern. Die unausweichliche Folge dieser halben Freiluft-Klos: "Es gab ganz viele Ratten rund um die Zaußenmühle."

Vor diesen sieben Jahren Mietzeit in der Zaußenmühle waren die aus Schlesien vertriebenen Flüchtlinge in Bronn bei einem Bauern einquartiert gewesen. "Das war 1945", erinnert sich Pierdzig.


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Schließlich kam 1946 der Umzug in die Pegnitzer Innenstadt, an die Bayreuther Straße. "Mit einem Bulldog vom alten Herrn Huttarsch sind wir nach Pegnitz übergesiedelt", weiß der damalige Dreikäsehoch Werner Pierdzig noch ganz genau.

Die Zaußenmühle gehörte damals einem Hans Wagner, der das Jahrhunderte alte Pegnitzer Gemäuer mangels eigener Nachkommen schließlich der Stadt Pegnitz vermacht hat.

Die Familie Pierdzig dürfte als Mieter nur einen Teil des Obergeschosses für sich nutzen. "Unter dem Dach arbeitete ein Gerber. Der hängte die Tierfelle immer zum Trocknen auf, das hat fürchterlich im ganzen Haus gestunken."

Nasse Wonnen im Erdgeschoss

Da in Pegnitz so unmittelbar nach dem Krieg praktisch kein Haus ein eigenes Wasserbad hatte, wurde im Erdgeschoss das "erste Pegnitzer Wannenbad" eröffnet. "Da bin ich immer mit meiner Oma hingegangen", steuert jetzt Pierdzigs Ehefrau Ruth Pierdzig zum Zeitzeugen-Gespräch bei. Dieses etwa einstündige Badevergnügen in der Wanne kostete für die beiden weiblichen Benutzerinnen zusammen 50 Pfennige. Das Wannenbad wurde von Zensi Preisinger betrieben.

Nebenan, ebenfalls im Erdgeschoss, logierte die Wäscherei Edelhäuser. Diese zog später in die Rosengasse um. Genau in das Gebäude, in dem Jahre danach das Kaufhaus Minkowski seine Waren verkaufte.

Nach dem Auszug der Wäscherei wurde der Friseursalon Smicek im Erdgeschoss der Zaußenmühle eröffnet. Die Friseurin war eine Verwandte des Hausbesitzers und hieß mit Mädchennamen Wagner.

Die Pegnitzquelle sprudelte hinter der Zaußenmühle schon damals. "Sie führte viel mehr Wasser als heute", schildert Werner Pierdzig. Es gab kein in Stein gefasstes Becken, der Teich war ein "Sumpfteich", so Pierdzig. "Ich bin einmal als kleiner Junge ins Wasser gefallen, meine Schwester musste mich retten." Vergessen wird Pierdzig die Aufregung nie. Im Jahr 1948 wurde Pierdzig als Sechsjähriger eingeschult. "Das war die erste Schulklasse meiner Klasslehrerin Frau Seitz."

Die damals 20-Jährige lebt heute als weit über 90-jährige Seniorin im Brigittenheim. Männliche Lehrer gab es kaum. Sie waren im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft.

Genussvoll erinnert sich das Ehepaar Pierdzig ("wir sind seit 58 Jahren verheiratet") an die Schulspeisungen der Nachkriegszeit. Das Essen wurde in der späteren Hausmeisterwohnung der alten Volksschule zubereitet. Ruth Pierdzig: "Da gab es Kakao mit Semmeln." Oder noch besser, Griesbrei mit drei Rosinen. "Wir waren glücklich", schwärmt Ehefrau Ruth Pierdzig noch heute.

Einmal bekamen die Nachkriegs-Kinder Zahnpasta mit Pfefferminzgeschmack. "Die haben wir aufgegessen", erinnert sich die Seniorin.

Trotz aller Bemühungen der Eltern gab es praktisch kein Obst für die Kinder. Von der Zaußenmühle bis vor zur ehemaligen Shell-Tankstelle standen Apfelbäume. Die konnte man mieten. "Wir hatten den Apfelbaum direkt vor der Zaußenmühle gemietet." Ein Apfel, das war für die Kinder das Allerhöchste.

Zu den Tiefpunkten im Leben der Schulkinder gehörte die Pockenschutzimpfung durch ein "dänisches Ärzteteam", das von Klasse zu Klasse zog. "Das hat furchtbar weh getan", schaudert Ruth Pierdzig noch heute. "Wir haben uns zu fünft oder sechst auf die Stufen der Bartholomäuskirche gesetzt und haben geheult." 

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Als Zweitklässler wurde Werner Pierdzig zur Kindererholung per Zug in die Schweiz geschickt, zusammen mit Hunderten anderen Kindern. Abfahrt war in Nürnberg am Hauptbahnhof. "Wir waren in Schaffhausen, nicht weit vom Rheinfall, untergebracht." Pierdzig besuchte in dieser Zeit nochmal die erste Klasse. "Ich konnte natürlich schon schreiben und war deshalb der King."

Wieder zurück in Pegnitz nahm er sein altes Leben in der Zaußenmühle auf. Er beobachtete von der Wohnung aus die Ami-Lastwagen auf der Bayreuther Straße. "Ich kannte jeden Baum und Schuppen am Schloßberg." Mit Stecken trieb er ein Rad auf der heutigen Bundesstraße. "Wir wussten auch, dass es in der hinteren Raumersgasse das allererste Pegnitzer Puff gegeben hat." Dieses wurde vorrangig von US-Soldaten frequentiert, den deutschen Kriegsverlierern fehlte dafür schlicht das Geld.

Zu den Aufgaben des Schülers Werner Pierdzig gehörte am Nachmittag auch das Gänsehüten. "Wir hatten sechs oder sieben Gänse sowie mehrere Hühner." Die Gänse haben sie immer nachmittags "die Raumersgasse rauf getrieben".

Rennen in Seifenkisten

Ruth Pierdzig schildert voll Enthusiasmus, wie die Kinder Seifenkistenrennen von der Kettelerstraße in die Bahnhofstraße veranstaltet haben. "Einmal wurde für so ein Seifenkistenrennen sogar die Autobahn gesperrt, es gab ja kaum Verkehr", sagt sie. Nach den sieben Jahren in der Zaußenmühle bekam die Familie Pierdzig über die St. Josef-Stiftung in der Kettelerstraße eine Doppelhaushälfte. Werner Pierdzig besuchte die Handelsschule in Bayreuth, schloss die Lehre als Großhandelskaufmann ab und ging zur Stadt Pegnitz. Rückblickend sagt er im Brustton der Überzeugung trotz aller Entbehrungen in jungen Jahren: "Ich möchte von meiner Kindheit in Pegnitz keine Minute missen."

FRANK HEIDLER

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