11°

Samstag, 22.02.2020

|

94-jähriger Waischenfelder verweigerte SS-Dienst

Der 94-jährige Feuerwehrler Otto Löhr berichtet von den Wechselfällen des Lebens — aus der NS-Zeit und als alleinerziehender Vater. - 05.02.2020 05:55 Uhr

Otto Löhr spielt immer noch erstaunlich flink auf seiner Konzertina. „Die Musik ist mein Lebenselixier“, sagt der 94-Jährige. © Foto: Julian Seiferth


Löhrs Geschichte beginnt im Oktober 1925. Vor fast 95 Jahren wird Löhr in den familiären Schmiedebetrieb in Waischenfeld geboren. Dort besucht er die 
Volks-, später die Berufsschule. 1940, nach seinem Abschluss, trat er der Feuerwehr in seinem Heimatort bei.

"Das war damals ein freiwilliges Muss", sagt Löhr heute. Mit dem Kriegsbeginn 1939 seien die Männer in den Kriegsdienst eingezogen worden. Die Feuerwehr habe es natürlich trotzdem gebraucht und so seien vor allem junge Männer damals bei der Wehr untergekommen.

In den Krieg ging es für Löhr schließlich doch – als Soldat in der Wehrmacht. Anwerbungsversuchen der Schutzstaffel SS habe er immer widerstanden. Ebenso wie vorher – mit ausdrücklicher Unterstützung seines Vaters – denen der Hitlerjugend. Für beides habe es deutliche Repressalien gegeben, erinnert sich der 94-Jährige.

"Die SS hat sich die großen, blonden Männer ausgesucht. Weil wir uns geweigert haben, mussten wir auf den Exerzierplatz, Laufschritt, bis wir zusammengebrochen sind. Grausam war das." Die SS war Hitlers Elite-Truppe, die wegen ihrer Skrupellosigkeit in Teilen der Bevölkerung für Angst und Schrecken sorgte.

Auch die Hitlerjugend knöpfte sich die Abweichler wie Löhr vor. "Eines Tages sind die vor der Schule aufmarschiert, haben uns wie Gefangene in die Stadt geführt und uns dann auf offener Straße ausgelacht."

Er habe mit dem Gedanken gespielt, den Faschisten beizutreten, "einfach, damit ich meine Ruhe habe." Verhindert habe das damals sein Vater, sagt Otto Löhr. Heute ist er ihm dankbar.

Löhr geriet als Soldat in der Normandie in die Hände der Alliierten, verbrachte einige Zeit als Gefangener in Brest und Marseille, bevor es für ein Jahr in den US-Staat Virginia ging. Nach Kriegsende kam Löhr zurück nach Frankreich. "Da ging es uns richtig dreckig", erinnert er sich. "Ich kann es den Franzosen nicht verdenken: Ihr Land war zusammengeschossen und wir waren der Feind."

Späte Heimkehr nach dem Krieg

Im Oktober 1948 kam endlich die Entlassung, Löhr kehrte als erster von drei Brüdern nach Waischenfeld zurück.

Als stete Erinnerung an den Krieg hat er einen erheblichen Hörschaden im rechten Ohr. "Wir wurden bei einem Luftschlag von Bomben getroffen und meterweit durch die Luft geschleudert. Andere haben Arme und Beine verloren."

In Waischenfeld angekommen, stellte Löhr fest, dass sich die heimische Schmiede verändern müsste. "Der Markt hatte sich von Lastentieren auf Traktoren umgestellt", sagt Löhr. Ihn zog es deshalb weg vom Geschäft der Eltern in eine Schraubenfabrik, wo er bis zu seinem 64. Lebensjahr arbeitete.

1978: Löhr ist inzwischen über 50 Jahre alt und hat fünf Kinder. Seine Ehefrau Agnes stirbt unerwartet nach Komplikation bei einer Hüftoperation in Pegnitz. "Ich war plötzlich mit fünf Kindern alleine." Er habe "gearbeitet, gekocht, gewaschen, erzogen". Sieben Jahre lang habe er sich so "durchgezogen", bis er seine jetzige Frau Sieglinde kennenlernte.

"Mir blieb ja fast nichts anderes übrig, als wieder zu heiraten", sagt er im Scherz, bevor er hinterherschiebt: "Ich bin froh, dass ich Sieglinde kennengelernt habe."

Sie habe sich in der Familie von Anfang an wohlgefühlt, sagt die 79-Jährige: "Die Kinder hatten mich gerne und so bin ich gut reingekommen." Während des Gesprächs klingelt das Telefon. Der Mann springt sofort auf, tigert durch das Zimmer und knallt den Hörer nach wenigen Sekunden wieder in die Ladestation. "Ich soll 500 Euro gewonnen haben – die glauben wohl, sie können mich verarschen", schnaubt er.

Wie bleibt man so lange so fit? Löhr geht regelmäßig schwimmen, im Winter in Pottenstein, sobald es warm wird, will er wieder ins Waischenfelder Schwimmbad. Außerdem sei die Musik sein Lebenselixier – sagt‘s, steht auf, schleppt seine Konzertina an den Esszimmertisch und beginnt auswendig zu spielen. Mehrere Lieder am Stück und mit flinken Fingern.

Für ihn trotzdem nicht gut genug: "Wenn die Finger nicht so dick geworden wären, ginge da mehr." Und während Löhr gar nicht mehr aufhört zu spielen, beantwortet er die letzte Frage dieses Gesprächs: "Wie viele Lieder ich auswendig kenne? Es müssen viele sein – um Noten zu lesen, sind meine Augen inzwischen zu schlecht."

JULIAN SEIFERTH

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Waischenfeld