Abschied vom Bahnhof Ranna: "s’ is Feierabend"

6.6.2017, 17:34 Uhr
Der damalige Bürgermeister der Marktgemeinde Neuhaus an der Pegnitz, Hans Leißner (vorne 4. von links), blies auf der Trompete das Feierabendlied. Ihn erboste die Auflassung des Bahnhofs Ranna sehr: „Irgendwann sind wir gar kein Dorf mehr“, schimpfte er.

© Foto: Archiv/Roland Löb Der damalige Bürgermeister der Marktgemeinde Neuhaus an der Pegnitz, Hans Leißner (vorne 4. von links), blies auf der Trompete das Feierabendlied. Ihn erboste die Auflassung des Bahnhofs Ranna sehr: „Irgendwann sind wir gar kein Dorf mehr“, schimpfte er.

Viele klickende Fotoapparate und surrende Kameras blickten dem Zugende hinterher, die Passanten winkten ein letztes Mal den Fahrgästen zu. Das Ende des Bahnhofes, der in Mosenberg lag und kurioserweise den Namen der Nachbarortschaft Ranna trug, hatten die Bürger aus beiden Orten um Minuten hinausgezögert und würdig begangen. Viele Zuschauer verfolgten das Szenario.

Als der N 5684 zum letzten Mal auf dem Gleis in Richtung Nürnberg halt machte, bliesen Bürgermeister Hans Leißner und Rudi Fuchs auf der Trompete das Feierabendlied. Marktrat Franz Reihl eilte zu Lokführer und Schaffner, um ihnen eine Wegzehrung zu überreichen — frisch Geschlachtetes. Das Zugpersonal winkte beim Angebot eines Schluckes aus dem Maßkrug ab.

Kinder hielten das Plakat mit dem bedeutungsvollen Text: "Der letzte – s’ is Feierabend" hoch. Zwischen der Schrift zierte ein Dampfzug das Transparent. Die Bahnerer spielten mit. Schaffner und Lokführer verließen ihre Plätze, stellten sich an und sogar vor den Zug, ehe dann doch der Abfahrtspfiff das "Todesurteil aus Nürnberg" endgültig besiegelte. Noch einmal griffen Leißner und Fuchs zum Instrument, spielten eine weitere Strophe, als sich das Zugende immer weiter entfernte.

Noch während ein verbliebenes Restvölkchen in Erinnerungen schwelgte, raste die Ursache des Ganzen — der Pendolino — am Gegengleis durch den in knapp vier Stunden zum Fahrplanwechsel formell fallenden Bahnhof. Missmut wurde laut.

Freud’ und Leid vereint

"Viel Freud’ und Leid waren hier vereint", sagte ein älterer Bürger. "Freud’, wenn jemand wiederkam; Leid, wenn wieder viele an die Front mussten und hier, auch aus Auerbach, in den Zug einstiegen."

Zu Beginn des Bahnhofes Ranna vor 115 Jahren kostete eine Fahrt nach Nürnberg 1,60 D-Mark. Am letzten Tag waren es mehr als zwölf. "Männer mit Hüten haben die Bahn damals begrüßt", berichtete Leißner in einer kleinen Ansprache. Genauso wurde der letzte Zug verabschiedet. Der Bürgermeister rechnete laut zusammen: "Die eigene Gemeinde hat man uns genommen, die Post gibt es nicht mehr, die Schule ist weg — und jetzt noch der Bahnhof. Irgendwann sind wir gar kein Dorf mehr", wetterte er wütend.

Ihm als Bürgermeister und Einwohner von Mosenberg tat die Auflassung besonders weh. Ebenso aber dem Eisenbahnfreund am Rande des Geschehens: Franz Reihl, als einziger im dunklen Anzug, trauerte. Er streifte sich die schwarze Krawatte ab und band sie als Trauerflor an das Bahnhofsschild — "s’ is Feierabend".

Mehr Bilder unter www.nordbayern.de/pegnitz

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