Als halb Pegnitz vom Fliegen mit Skiern träumte

22.1.2021, 12:32 Uhr
Es war eine echte Massenbewegung: Als im Februar 1955 das ersten Skispringen an der Hainberg-Schanze stattfand, pilgerten 3500 Menschen an den Pegnitzer „Hausberg“, um die tollkühnen Sportler bei den ersten Sprüngen von der neuen Anlage zu bewundern.

Es war eine echte Massenbewegung: Als im Februar 1955 das ersten Skispringen an der Hainberg-Schanze stattfand, pilgerten 3500 Menschen an den Pegnitzer „Hausberg“, um die tollkühnen Sportler bei den ersten Sprüngen von der neuen Anlage zu bewundern. © Foto: Heinz Hertel

Lokalmatador Karl Kaiser gehörte zu den Männern der ersten Stunde, war am Bau beteiligt und ging als Sportler selbst wagemutig über den Bakken. Für ihn war der Aufschwung des alpinen Skisports der Grund für den Niedergang der nordischen Disziplinen. Heinz Hertel hat als 17-Jähriger die Einweihung der Skisprungschanze als Fotograf für die Nachwelt festgehalten.

Viel ist von der Sprungschanze in Hainbronn nicht mehr zu sehen. Fast alles ist zugewachsen. Dass es hier einmal Skispringen vor fast 3500 Zuschauern gab, kann sich heute kaum jemand mehr vorstellen. Dabei herrschte in den 1950er Jahren ein regelrechter Boom.

"Angefangen hatte alles 1953, als sich einige Leute im Gasthaus von Gustl Löhr trafen", erinnert sich der 82-jährige Karl Kaiser. Der damals 15-Jährige durfte aber noch nicht daran teilnehmen. Sein älterer Bruder Willi hat ihm dann alles erzählt.

Der Pegnitzer Lokalmatador Karl Kaiser mit seinen Schätzen: Fotos und Zeitungsartikel aus den goldenen Jahren Skisprungjahren in Hainbronn.

Der Pegnitzer Lokalmatador Karl Kaiser mit seinen Schätzen: Fotos und Zeitungsartikel aus den goldenen Jahren Skisprungjahren in Hainbronn. © Foto: Jürgen Masching

Unter der Führung von Rudolf Karasek, den es nach dem Krieg mit mehreren anderen Wintersportlern aus dem Sudetenland nach Pegnitz verschlagen hatte, kamen damals etwa 15 Personen zusammen, um den Skiclub Pegnitz zu gründen. "Dieser wurde eigentlich nur gegründet, um die Skisprungschanze zu bauen", weiß Kaiser.

"Großkoppn" war ideal

1954 haben die Mitglieder mit dem Schanzenbau begonnen. "Am Anfang musste erst einmal ein Grund gefunden werden, wo man die richtigen Voraussetzungen hatte", erzählt Kaiser. Doch mit Beziehungen in die damals noch eigenständige Gemeinde Hainbronn, die 1978 eingemeindet wurde, fand man schnell eine geeignete Stelle: Der 565 Meter hohe, im Volksmund "Großkoppn" genannte Berg, war dafür wie geschaffen.

"Und dann ging es los mit dem Schanzenbau. Plötzlich stand auch ein halbes Dutzend US-Soldaten am Berg, mit einer großen Planier-Raupe", berichtet Kaiser. Woher die Beziehungen nach Grafenwöhr kamen, weiß er heute nicht mehr. Da es nach dem Schanzentisch einen "Buckel" gebraucht hat, "haben uns die Amerikaner das von oben her hinabgeschoben, sonst wäre das gar nicht möglich gewesen", erklärt er das Vorgehen.

Reichlich Handarbeit

Immer wieder ging es an den Wochenenden hinaus nach Hainbronn, um in Handarbeit die Schanze fertigzustellen. Die Vorlage dafür lieferten Aufzeichnungen von Skisprungschanzen-Architekt Heini Klopfer aus Oberstdorf, der in einem NN-Bericht im Jubiläumsjahr 2015 aber zitiert wurde, dass man ihn "besser vor Baubeginn als danach" zu Rate gezogen hätte.

Etwas windschief wirkt der Sprungrichter-Turm – aber immerhin hatte die Jury aus luftiger Höhe den besten Blick auf die Schanze und den Aufsprunghügel.

Etwas windschief wirkt der Sprungrichter-Turm – aber immerhin hatte die Jury aus luftiger Höhe den besten Blick auf die Schanze und den Aufsprunghügel. © Foto: Stadtarchiv Pegnitz

Auch Kaiser arbeitete neben seiner Ausbildung zum Flaschner in Pegnitz immer wieder mit an der Schanze. "Zu Anfang als Bierholer. Aber wir waren alle voller Begeisterung dabei."

Zur 600-Jahr-Feier der Stadt Pegnitz 1955 war es dann so weit: Die Hainberg-Schanze wurde mit einem Wettkampf eingeweiht – am 20. Februar. Das Eröffnungsspringen sollte eigentlich am 23. Januar stattfinden, wurde aber wegen anderer Sprung-Wettbewerbe verschoben, so dass Stars wie Emil Sattler aus dem Chiemgau — er gewann dann auch in Pegnitz — teilnehmen konnten.

Mit gänzlich anderer Technik als dem heutigen V-Stil versuchten die damaligen Springer (hier Alexander Hochmuth) möglichst weit zu kommen.

Mit gänzlich anderer Technik als dem heutigen V-Stil versuchten die damaligen Springer (hier Alexander Hochmuth) möglichst weit zu kommen. © Foto: Stadtarchiv Pegnitz

Massen auf Trampelpfaden

3500 Zuschauer waren beim ersten Skispringen dabei. "Es gab keine Straßen dorthin, nur Trampelpfade", erinnert sich Kaiser. Mit weiteren etwa 30 Helfern wurde die Veranstaltung durchgezogen. Kaiser war beim Eröffnungsspringen Teil des Tretkommandos. "Wenn es einen "geschmissen" hat, mussten wir raus und die Löcher wieder schließen", erzählt er schmunzelnd. Es waren auch gute Springer aus der Region am Start: "Spätere Deutsche Meister waren beim Eröffnungsspringen dabei, das war schon schön anzuschauen."

Nur der mit Moos überwachsene Absprung-Bakken existiert heute noch. Der Pegnitzer Stadtheimatpfleger Helmut Strobel hat sich wegen des Größenvergleichs daneben gestellt.

Nur der mit Moos überwachsene Absprung-Bakken existiert heute noch. Der Pegnitzer Stadtheimatpfleger Helmut Strobel hat sich wegen des Größenvergleichs daneben gestellt. © Foto: Stadtarchiv Pegnitz

Rekordweite 43 Meter

Selbst ist Kaiser bei der Premiere in Hainbronn noch nicht mitgesprungen. Das holte er 1956 bei den Nordbayerischen Jugendmeisterschaften nach. Sein weitester Sprung endete für den 82-Jährigen in Warmensteinach nach 43 Metern. Er startete zudem in Bischofsgrün, Windischeschenbach und sogar in Auerbach, wo man eine kleine 30-Meter-Schanze gebaut hatte. Kaiser: "Wir mussten alles mit dem Zug fahren, teilweise dann noch eine Stunde zur Schanze laufen." Geld habe es damals auch nicht gegeben, "alles mussten wir selber zahlen". Nachdem er 1959 zur Bundeswehr eingerückt war, war es für ihn vorbei mit diesem Sport.

Zwischenzeitlich wurde sogar noch eine zweite Sprungschanze in Pegnitz gebaut. Sie befand sich gegenüber der jetzigen Justizschule, 20 Meter lang. Dank des Flutlichts veranstaltete man dort sogar Nachtspringen. Aber im Zuge des damaligen Baus des Landratsamts verschwand sie schnell wieder.

Zu wenig Schnee

Der Verein betrieb seine Schanze in Hainbronn weiterhin, auch wenn es immer schwerer wurde, Veranstaltungen zu organisieren. "Wir mussten teilweise den Schnee tagelang herankarren und auf die Hügel bringen, weil es zu wenig gab", so Kaiser. Nach seiner Erinnerung ging es aber ab 1962 ohnehin etwas zurück mit den Wettbewerben. "Der nordische Skisport ist dann in den 1960er Jahren eingeschlafen", sagt Kaiser heute. "Nun kam das Alpine auf."

Etwa 15 Springen fanden bis zum Schluss auf der Hainbergschanze statt. Der Schanzenrekord stand bis dahin bei 48 Metern. Heute zeugt nur noch der Schanzentisch von der Skisport-Vergangenheit in Hainbronn. "Was bleibt, ist die Erinnerung an eine tolle Zeit und vor allem die Kameradschaft", schwärmt Karl Kaiser.

Heinz Hertel ist ein Schulkamerad von Karl Kaiser – und hat ihn damals bewundert. Denn selbst hätte er sich nicht getraut, die Schanze hinunterzufahren und sich in die Lüfte zu schwingen. Stattdessen war er als 17-Jähriger mit der Kamera dabei, als die Hainberg-Schanze vor 3500 Zuschauern eingeweiht wurde.

"Das war schon ein absolutes Highlight", erinnert er sich. Gegenüber der Schanze habe es einen flachen Anger gegeben, wo sich die Gäste platziert hatten, um den besten Blick auf die tollkühnen Sportler zu haben. Vom heutigen V-Stil, der erst in den 1980er Jahren entwickelt wurde, war noch nichts zu sehen. Auch die Vorläufertechnik, der Parallelstil, kam gerade erst auf.

In den 1950er Jahren dominierte noch der "Vorlagenstil", bei dem die Springer die Arme nach vorne rissen. Andere "ruderten" mit ihnen, was Heinz Hertel immer Respekt abnötigte: "Ich habe Karl schon sehr bewundert, dass der sich das getraut hat. Er war ja eher ein kleiner Kerl, aber ein ziemlich guter Springer für unsere Region."

Dass das Skispringen in Hainbronn so schnell wieder in den Dornröschenschlaf verfiel, findet Hertel bedauerlich: "Das war ja schon ein Magnet für Pegnitz." Er vermutet, dass da einige Faktoren zusammenkamen: zum einen die nicht immer sichere Schneelage, zum anderen die Konkurrenz im Fichtelgebirge. "Gegen Ende der 60er Jahre waren dann doch mehr Leute motorisiert und haben die Fahrt auf sich genommen, die zuvor mit öffentlichen Verkehrsmitteln ganz schön anstrengend war."

In Pegnitz jedenfalls hielt die Euphorie nur ein gutes Jahrzehnt an, seit Ende der 1960er Jahre wird die Anlage nicht mehr genutzt. "Die Natur hat sich alles wieder zurückgeholt", berichtet Hertel, dem aber niemand die Erinnerungen an Zeiten nehmen kann, in denen man in Pegnitz von Höhenflügen im Wintersport träumte.

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