Vergessener Beruf

Altes Handwerk in moderner Optik: Zu Besuch bei einem Pegnitzer Schuhmacher

17.10.2021, 09:00 Uhr
Orthopädieschuhmachermeister Andreas Rupprecht im Leistenlager: Auf einem Dachboden sind rund 750 Paar „Füße“ von Kunden sorgfältig durchnummeriert aufbewahrt. Um diese Fußmodelle baut Rupprecht die orthopädischen Schuhe.

Orthopädieschuhmachermeister Andreas Rupprecht im Leistenlager: Auf einem Dachboden sind rund 750 Paar „Füße“ von Kunden sorgfältig durchnummeriert aufbewahrt. Um diese Fußmodelle baut Rupprecht die orthopädischen Schuhe. © Foto: Klaus Trenz

Aus Kunststoff oder Gips geformt wurden die Fußformen der Kunden sozusagen archiviert. Diese sind die Grundlage für einen orthopädischen Schuh aus Meisterhand. Wenn eine Bestellung eingeht, wird in vielen Arbeitsschritten rund um den Gips- oder Kunststofffuß ein Schuh daraus. Und zwar einer, der dann auf jeden Fall passt. Auch wenn man unterschiedlich geformte Füße hat oder ein Fußproblem.

Der 32-Jährige hat sich einen seltenen Beruf ausgesucht. Nur eine Berufsschule gibt es für den Orthopädieschuhmacher in Bayern. Die liegt ausgerechnet im teuren München. Vier Jahre hat die Lehrzeit für Andreas Rupprecht gedauert – ein Jahr länger als für einen normalen Schuhmacher, den man früher schlicht Schuster genannt hat. Immerhin muss der orthopädische Schuhmacher auch Krankheitsbilder kennen und zählt nach der Ausbildung zu den medizinisch-technischen Berufen.

Dann ging es auf die Meisterschule in Vollzeit. Rund 20 000 Euro, so Andreas Rupprecht, habe es ihn gekostet, bis er den Meisterbrief in der Hand hielt.

Die lange Ausbildungszeit hat Andreas Rupprecht gerne auf sich genommen. In die Fußstapfen seines Vaters zu treten, lag mehr oder weniger auf der Hand. Überreden musste ihn Vater Georg Rupprecht aber nicht: "Ich habe ihn nicht dazu gedrängt", betont er. Orthopädieschuhmachermeister Georg Rupprecht aus Obertrubach hat sich 1994 in Pegnitz selbstständig gemacht und in einem ehemaligen Hutladen in der Rosengasse "klein angefangen". Später konnte der heute 62-Jährige dann eine Wohnung direkt neben dem Laden als Werkstatt hinzunehmen und den Handwerksbetrieb erweitern.

Abgesehen von orthopädischen Schuheinlagen entstehen rund 70 absolut passgenaue Schuhe pro Jahr in der Werkstatt. Dort sitzen drei Schumacher, umnebelt vom typischen Geruch einer Schusterwerkstatt nach Leim und Leder. Mit Sohn und Vater Rupprecht arbeitet Simon Lippert an den Schuhen mit. Der 30-Jährige ist durch ein Praktikum auf diesen Beruf aufmerksam geworden. Nach einer Praktikumswoche war für ihn klar, dass er Handwerker werden will. Auch er sieht seine Produkte nach und nach entstehen, durch eigene Handarbeit. Und er teilt die Begeisterung für seinen Beruf genauso, wie Vater und Sohn Rupprecht.


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Bis ein Schuh fertig wird, dauert es rund ein Woche – vom Abmessen des Fußes über die Planung, Bau der Leiste, Anbringen von Fußbett und Schaft bis hin zum Besohlen. Die meisten Handgriffe sind Handarbeit. Abgesehen von der orthopädischen Komponente unterscheiden sich die Arbeitsschritte kaum von der traditionellen Schuhmacherkunst. Bei den Rupprechts hat sie überlebt.

Flink sind die Hände von Andreas Rupprecht, wenn er demonstriert, wie er einzelne Komponenten des Schuhs an die Fußleiste anpasst. Mit einem so genannten Kneip bearbeitet er die Ränder des Leders, die Sohlen und die Absätze. Das ist eine Art Messer und ist laut Rupprecht seit mindestens 2500 Jahren das meistbenutzte Werkzeug des Schuhmachers. Generell hat sich das Werkzeug des Schuhmachers in den letzten Jahrhunderten kaum verändert. Zangen, Raspeln, Ahlen oder Hammer und noch viele weitere Werkzeuge können nicht durch Maschinen ersetzt werden. Und man hat das Gefühl, die Schuhmacher wollen das auch nicht.

Vor dem Schuhbau hat Andreas Rupprecht das aufwändig gegerbte Leder aus dem Lederlager geholt. Der Kunde hat sich die Art des Leders und die Farbe für seinen Schuh aus unzähligen Sorten, die im Lederlager aufbewahrt sind, herausgesucht. Vorbei sind die Zeiten, als ein orthopädischer Schuh etwas schlichtes und altmodisches an sich hatte und immer eher einem Arbeitsschuh glich.

Das Kneif ist laut Rupprecht das wichtigste und meist benutzte Werkzeug des Schuhmachers. Mit dem Schustermesser schneidet man Leder, Sohlen und Absätze zurecht.

Das Kneif ist laut Rupprecht das wichtigste und meist benutzte Werkzeug des Schuhmachers. Mit dem Schustermesser schneidet man Leder, Sohlen und Absätze zurecht. © Foto: Klaus Trenz

In der Werkstatt der Rupprechts entstehen Halbschuhe, Sneaker oder Stiefel, die modischen Schuhen in nichts mehr nachstehen. "Ein orthopädischer Schuh ist von einem Schuh von der Stange kaum mehr zu unterscheiden", sagt Andreas Rupprecht – optisch gesehen natürlich. Viele Arbeitsstunden und handwerkliche Erfahrung stecken in fertigen Schuhen.

So um die 1200 Euro, erklärt Georg Rupprecht, kostet solch ein Paar Schuhe, auch wenn sie aussehen, als wären sie vom Schuhgeschäft um die Ecke. Den Unterschied merken Menschen mit Fußproblemen oder Diabetiker erst, wenn sie darin laufen. Dann können sich Beschwerden, die mit dem Fuß und dem Laufen in Verbindung stehen, plötzlich in Luft auflösen. Er weiß: Oft unterschätzt man die Fußgesundheit: "Der Fuß ist weit weg vom Kopf", sagt Andreas Rupprecht.

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