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Am Aufseßer Bierwanderweg "Zustände wie am Ballermann"

Gemeinderat diskutiert über die Exzesse und über Namensänderung - Sorgen um Weltrekord-Eintrag - 24.01.2021 15:18 Uhr

Auch Alternativrouten sind im Gespräch

17.09.2010 © Tourismusverband Franken


Der Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 sorgte für einen Ausfall der halben Bierwandersaison. Zwischen Ostern und Herbst ist auf dem Brauereienweg zwischen Sachsendorf, Hochstahl, Heckenhof und Aufseß Hochbetrieb.

Auf dem 14-Kilometer-Rundweg kann man sich eine Urkunde erwandern und "ertrinken": Sie verlieh bisher den Titel "Fränkischer Ehrenbiertrinker der vier Weltrekordbrauereien". Im Jahr 2001 hatte Aufseß es ins Guinessbuch der Rekorde geschafft: Höchste Brauereidichte der Welt. Ein PR-Coup, der dem damaligen Bürgermeister Ludwig Bäuerlein zu verdanken war.

Die Einnahmen sprudelten

Wie das Bier sprudelten die Einnahmen über die Jahre. Aber auch der Pegel der Verärgerung bei den Anwohnern stieg. Betrunkene Bierwanderer übergeben sich grölend am Weg, urinieren in Vorgärten, hinterlassen Scherben. Horden vorwiegend junger Männer vergessen die gute Kinderstube. Die Exzesse spitzten sich im Herbst 2020 zu, als das Zeitfenster zwischen dem Ende des ersten Lockdowns und dem Beginn der zweiten Corona-Welle eng war und die Bierwanderer in Karawanen über den Aufseßer Brauereinweg zogen.

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Die Situation eskalierte in einem unrühmlichen Höhepunkt, als der dritte Bürgermeister von Aufseß, Florian Stenglein, und sein Vater von Betrunkenen angegriffen und verprügelt wurden. Noch heute trägt Stenglein eine Schiene, er hatte eine schwere Knieverletzung erlitten.

Gegen "Sauftourismus" am Bierwanderweg

Es seien fünf Prozent der Gäste, die den Brauereienweg in Misskredit brächten, eröffnete Bürgermeister Alexander Schrüfer am Dienstag die Diskussion im Gemeinderat zum Thema. Schrüfer hatte im Vorfeld im Interview das politische Ziel formuliert: "Wir müssen weg vom Sauftourismus." Dies Diskussion im Gemeinderat soll ein Meinungsbild schaffen und mögliche Maßnahmen, wie den Trinkexzessen zu begegnen ist.

"Ich weiß selbst nicht, wie wir den Wandel hinkriegen", sagte Schrüfer, "klar ist, das wird schwer." Schrüfer konstatierte, dass der Bierweg-Klassiker bei vielen Gästen so bewertet werde: "Heut’ gehen wir nach Aufseß, da können wir die Sau raus lassen."

Bier aus Franken gesucht: Quizrunde Nr. 1

© Montage: Sabine Schmid

Sie sind ein Freund der fränkischen Bierkultur? Und schätzen die regionalen Privatbrauereien? Wunderbar. Aber erkennen Sie die Brauerei auch am Kronkorken? Testen Sie Ihr Wissen bei unserem Quiz!

© Achim Bergmann

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Frage 1/10:

Silberner Brauerstern auf Hellblau. Wer ist's?

Die Brauerei Wagner aus Merkendorf, erstmals erwähnt 1797. Rund um Bamberg wird das Wagner sehr geschätzt, besonders das ungespundete Lager und das naturtrübe Kellerbier.

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Frage 2/10:

Diese Kirchtürme deckeln welches Bier?

Brauerei Trunk aus Vierzehnheiligen/Bad Staffelstein, der gute Stoff wird auch Nothelfer genannt. Nothelfer? Die Erklärung ist einleuchtend: Seit 1803 wird das Bier oberhalb der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen gebraut. Und wenn die erschöpften Pilger seit jeher oberhalb des Gotteshauses aus dem nahen Wald kommen, stärken sich nicht wenige erst mal mit einem kühlen Bier, bevor sie dann die Kirche betreten.

© Achim Bergmann

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Frage 3/10:

Nicht verkehrt, mit Schild und Schwert.

Seit über 300 Jahren in Familienbesitz zählt Held aus Oberailsfeld schon zu den bekannteren Privatbrauereien in der Region. Besonders das Helle ist beliebt. Seit 1680 wird hier schon gebraut.

© Achim Bergmann

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Frage 4/10:

Hier springt der Hirsch - auf welche Brauerei?

1845 übernahm der Müllerssohn Johannes Kraus das damalige "Wirtschaftsguth" in Hirschaid - und seither ist die Brauereigaststätte ohne Unterbrechung im Besitz der Familie.

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Frage 5/10:

Ein grüner Baum, wo steht der?

"Zum Grünen Baum" heißt der Brauereigasthof der Familie Bayer aus Theinheim im Steigerwald. Gefeiert wird hier oft, unlängst erst ein runder Geburtstag: Seit 1718 wird hier schon gebraut.

© Achim Bergmann

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Frage 6/10:

Ein bunter Vogel - auf welchem Bier sitzt er?

"Zum Pfau!", heißt es öfter, wenn es nach Frauendorf geht. Seit 1867 ist die Familie Hetzel Herr über die dort ansässige Brauerei.

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Frage 7/10:

Der Zwerg vom Berg, wo braut er sein Bier?

Der markante Zwerg stammt von der Staffelberg-Bräu aus Loffeld. In der sechsten Generation, seit 1856, führt die Familie Geldner-Wehrfritz dort die Brauerei. Zehn Jahre später, 1866, ließ Jakob Geldner ein eigenes Brauhaus folgen, nochmals zehn Jahre später dann eine eigene Faßhalle.

© Achim Bergmann

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Frage 8/10:

Raubtier mit Schild und Krone. Wer ist's?

In Untersiemau/Birkach wird seit 1822 das "Eller" gebraut. Als beliebtestes gilt das Rotbier, Christian Eller braut aber auch ein süffiges Pils.

© Achim Bergmann

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Frage 9/10:

Schwarzer Adler, wer hat sich den gekrallt?

Adler-Bräu aus Stettfeld ist inmitten der unterfränkischen Haßberge daheim - und das schon seit 1730. Bräustübla, Biergarten, Sudhaus und sogar einen "Bärentrunk" gibt's hier.

© Achim Bergmann

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Frage 10/10:

Weißer Löwe - wo kommt der her?

Hier sind Wirths-Leute am Werk! Die nun schon 9. und 10. Generation der Familie Wirth führt das Löwenbräu. Natürlich nicht zu verwechseln mit dem Münchner! "Unser" Löwenbräu stammt aus Neuhaus im Aischgrund und das schon seit 1747. Im Sortiment gibt es hier mehrere Löwen und sogar eine "Karpfen Weisse".

© Montage: Sabine Schmid

Lust auf ein weiteres Bier-Quiz?

Dann hier entlang!

Was also tun? Neue Bierwanderurkunden, die ab der kommenden Saison nicht mehr den "Ehrenbiertrinker" sondern den Genuss in den Vordergrund stellen? "Allein damit schaffen wir es nicht", meinte Schrüfer. Hinweisschilder aufstellen, die den trinkenden Wanderern die Bierwegsatzung in Erinnerung rufen?

Schon 2014 erließ die Gemeinde zur Eindämmung Regeln

Schon im Jahr 2014 hatte die Gemeinde Regeln erlassen, die all jene Verhaltensweisen unter Strafandrohung stellen, die in der Kritik stehen. Illusionen darüber, dass die Verbote durchgesetzt werden können, macht sich kein Gemeinderat.

Und Schilder mit dem Satzungstext drauf, die wirken nach Ansicht von Gemeinderat Holger Nützel "wie ein drohender Zeigefinger". Johannes Krug ergänzte: Gerade die fünf Prozent der ausfälligen Gäste "kriegt man so nicht zur Vernunft."

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Der dritte Bürgermeister Ernst Rothenbach, er ist auch Inhaber einer der vier Brauereigaststätten am Weg, nannte eine Methode, die Gästezusammensetzung zu regulieren: Bestimmte Übernachtungsanfragen weise er ab – Busladungen voller junger Männer zum Beispiel.

Keine Junggesellenabschiede mehr

Bürgermeister Schrüfer ergänzte: Zwei der Brauereigaststätten veranstalteten etwa keine Junggesellenabschiede mehr. Er nahm aber zum Beispiel die Pächter der Brauereigaststätte Stadter in Sachsendorf in Schutz. Diese Pächter der einzigen nicht Inhaber geführten Gaststätte könnten ohne die Bierwanderer nicht überleben.

Gemeinderat Rainer Niegel meinte, zusätzliche Wanderwege abseits der klassischen Route könnten helfen. Im Gespräch ist in Aufseß ein "Kleeblattweg", der in vier Schleifen von den vier Orten und vom Bier-Rundwanderweg wegführt. Der Ideegeber, der Aufseßer Hobbyhistoriker Dietmar Stadter, ist laut Bürgermeister Schrüfer aber noch unschlüssig, ob er seine Idee freigeben will.

Verbot des Flaschenverkaufs?

Holger Nützel brachte ein Verbot des Flaschenverkaufs ins Gespräch. Das würde das Scherbenproblem lösen, zu viele Landwirte fänden kaputte Bierflaschen in ihrer Silage. "Nicht durchsetzbar", meine der Bürgermeister dazu.

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Gemeinderat Matthias Landmann schlug schließlich eine radikale Maßnahme vor: Eine Umbenennung des Brauereienwegs: "Das würde zeigen, dass wir es ernst meinen. Das Pferd haben wir jetzt 20 Jahre totgeritten." Landmann sagte weiter, von Ostern bis Oktober sei es in Aufseß "wie am Ballermann". Florian Stenglein sprang Landmann bei: "Endlich ein Signal, dass wir es ernst meinen."

Brauereienweg oder Bierweg?

Eine Namensänderung sehen andere Räte skeptisch. Ernst Rothenbach etwa erinnerte daran, dass man seinerzeit den Brauereienweg extra nicht Bierweg genannt habe. Alexander Schrüfer meinte: "Eigentlich bin ich ja schon stolz drauf, es ist ein Name, der jedem was sagt." Und Adalbert Söhnlein wandte warnend ein, man müsse prüfen, ob Aufseß mit einer Namensänderung nicht den Guiness-Rekord-Status gefährde.

Florian Stenglein plädierte für ein Alkoholverbot auf dem Weg: "Wir waren die ersten, die so einen Weg hatten. Wir sollten die ersten sein, die das Problem angehen."Fazit der etwa einstündigen Diskussion: Sie soll nur der Anfang einer Ideensammlung gewesen sein.

MANFRED SCHERER

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