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Architektonisches Juwel erblüht neu

Dr. Winfried Stöcker kauft in Görlitz das berühmte Jugendstil-Kaufhaus — Es soll wie das „KaDeWe“ werden - 15.07.2013 23:51 Uhr

Das Jugendstilkaufhaus diente vor drei Jahren als Kulisse für die Hollywood-Produktion „The Grand Budapest Hotel“. Damals las Dr. Winfried Stöcker vom Schicksal des Hauses, in das er als Kind oft zum Einkaufen mitgenommen worden war.

12.07.2013 © Matthias Hiekel/dpa


Den Hinweis auf das „KaDeO“ entdeckte Ida Langer, die Pegnitzer Modezarin, im Heft Textil/Wirtschaft. Dr. Stöcker schmunzelt darüber. Er verrät noch mehr. Denn er kaufte gleichzeitig am Görlitzer See einen Berg und „ein paar Hundert Hektar“. Dort will er eine Niederlassung seiner Firma gründen.

Freut sich über den Erfolg seiner Firma: Dr. Winfried Stöcker.

12.07.2013 © oh


Am Hauptsitz von „Euroimmun“ in Lübeck besitzt Dr. Winfried Stöcker einen See. Und er wollte 2010 in Pegnitz das Posthotel retten. Als das nicht klappte, kaufte er in Bernstadt bei Görlitz ein anderes marodes historisches Hotel.

Dr. Winfried Stöcker wuchs in Pegnitz in jenem Haus auf, in dem seinen Eltern nach der Flucht aus Sachsen eine neue Existenz gelang. Ihre „Reinigung Stöcker“ ist noch heute ein Begriff, auch der Vater. Er war ein Original. Schwester Ulrike Ziegler lebt bis heute in Pegnitz.

Dr. Stöcker machte hier 1967 Abitur. Er war in einer Klasse mit Sportlehrer Karl Ross und dem Mediziner Dr. Gottfried Ebenhöh. Anschließend studierte er in Würzburg. Dabei spezialisierte er sich auf Labormedizin. Ab 1979 wirkt er dann in Lübeck, und zwar zuerst als Oberarzt an der Universitätsklinik, später als Leiter des Uni-Speziallabors. Er forschte in der Laboratoriums- und Transfusionsmedizin und gründete 1987 die „Euroimmun“. Sie gilt inzwischen als Perle der Lübecker Wirtschaft.

Schon 1989 bekam diese Firma den Schmidt-Römhild-Technologiepreis des Wirtschaftsministeriums. Damals hatte die „Euroimmun“ 17 Mitarbeiter und einen Umsatz von zwei Millionen Mark. Heute liegt der Umsatz bei 150 Millionen Euro und 1500 Mitarbeiter sind dabei. Die genauen Zahlen wurden gestern in der Hauptversammlung der AG genannt.

„Euroimmun“ ist ein Spezialist für Reagenzien in der medizinischen Labordiagnostik. Die AG bietet Testsysteme an, um im Serum von Patienten die verschiedensten Antikörper zu bestimmen. So können Autoimmun- und Infektionskrankheiten sowie Allergien schnell festgestellt werden. „Euroimmun“ hat Niederlassungen in Peking und Hangzhou, in Vancouver, New Jersey (New York), Toronto, Beirut, Singapur, Istanbul, Padua, Luzern, Wroclaw, Wales, Dubai und Kapstadt.

Dr. Winfried Stöcker (66) blieb trotz der Erfolge immer bescheiden. Deshalb lobte schon PPP-Hotelier Andreas Pflaum: „Er ist ein Mann mit Ethik und er lebt sie.“

Auch jetzt am Telefon lässt der Firmenchef keine Distanz spüren, keine Eile. Er lächelt auf die Frage, ob das Kaufhaus aus dem Jahr 1913 nicht zum Risiko wird an der Grenze zu Polen. „Ich hab schon viele Altbauten renoviert. Es ist ein kleiner Brocken im Vergleich zu dem, was wir schon angefasst haben.“ Die Hochbaufirma Biedermann aus Bernstadt stehe ihm bei allen Projekten zur Seite. „Und ich kann mir Unterstützung holen, wenn ich sie brauche.“

Dr. Stöcker war als Kind mit seinen Eltern, mit den zwei Brüdern und seiner Schwester öfter in diesem Kaufhaus. Die edlen Marmortreppen, die hohen Säulen, die alten Leuchter und die wunderbare Decke sowie die Spielzeugabteilung vergaß er nicht. 60 Jahres später las er dann in der FAZ, dass in diesem Haus die Dreharbeiten für einen Hollywoodfilm laufen, weil es leer steht. Hertie schloss vor vier Jahren wegen der Gesamtinsolvenz. Dr. Stöcker sah bei einem Geschäftstermin in der Nähe kurz vorbei und schmiedete sofort Pläne: Er müsste 20 Millionen Euro hineinstecken für neue Aufzüge und Rolltreppen. Das ist mehr als der Kaufpreis. Dann will er Luxusmarken heranziehen: Hermès, Brioni, Gucci und Cerruti. „Ich würde dafür sogar bei der Miete deutliche Zugeständnisse machen.“

Ihn stört nicht, dass Görlitz mit seinen 54000 Einwohnern kein reiches Klientel hat. Das soll von Dresden, Polen und Tschechien herfahren, auch aus dem Touristenstrom. Die Fremden kommen ja, weil Görlitz im Krieg kaum zerstört wurde und eng beieinander 4000 Baudenkmäler hat. „Also“, so Dr. Stöcker, „warum nicht zum Shopping in die Oberlausitz?“

Das Kaufhaus soll keinen Discounter bieten, „keinen Ramsch haben“, dafür aber ein gutes Restaurant. Und es könnte einen Konfitüre-Stand bekommen, den Dr. Stöcker selbst betreibt. Weil der sechsfache Vater gern „ganz erlesene Marmelade“ herstellt, per Gefriertrocknung und Rotationsverdampfung. (Seine anderen Hobbys sind übrigens Skifahren und Chorgesang.)

Das Kaufhaus feiert im September das 100-jährige Bestehen. Dr. Stöcker hofft, dann schon etwas Leben entfacht zu haben: „Wir bemühen uns.“

THOMAS KNAUBER

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