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Auerbacher Bauern leiden unter Milchpreisen

Wieder leiden Landwirte unter dem Preisverfall — Schuld ist auch das Russlandembargo - 18.08.2015 08:55 Uhr

Der faire Milch – mit dem fairen Preis – soll dazu beitragen, dass die Milchwirtschaft gerechter wird und die Milchbauern auch in Zukunft von ihrer Arbeit leben können. © Foto: Ralf Münch


Wie viel bezahlt man in Deutschland bei Aldi für eine Packung Milch? Oder für ein Stück Goudakäse? Für die Milchbauern aus Auerbach ist klar: zu wenig, als dass ihre Betrieb auf lange Sicht überleben könnten.

51 Cent kostet die fettarme haltbare Milch. 1,29 Euro zahlt man für 250 Gramm Käse. Dabei ist die Bundesrepublik eine der reichsten Nationen der Welt. Mit einem Durchschnittseinkommen im Jahr 2013 von etwa 43 942 Dollar laut Internationalem Währungsfond liegen wir auf Platz 18 von 186 Ländern. Aber für Milch geben wir trotzdem kein Geld aus. Zurzeit bekommen die Oberpfälzer Bauern zwischen 28 und 30 Cent für ihren Liter Milch.

Biobauer Manfred Albersdörfer aus Welluck hat 60 Kühe unter seinen Fittichen. „45 Cent pro Liter Milch müssten wir Bauern mindestens bekommen, um kostendeckend zu arbeiten. Jetzt bekommen wir 15 Cent weniger, das ist bei 1500 Litern Milch pro Tag ein Ausfall von 225 Euro.“ Für die Unternehmen gibt es dann zwei Möglichkeiten. Zum einen werden keine neuen Investitionen mehr getätigt. Albersdörfer sagt: „Wenn eine Maschine kaputt geht, dann wird die eben noch einmal repariert, statt eine neue zu kaufen.“ Eine Maßnahme, die als provisorische Lösung dienen kann, aber nicht auf Dauer.

Die zweite Möglichkeit, um Geld zu sparen, ist sich selbst weniger Gehalt auszuzahlen. „Eigentlich müssen wir uns schon fast selbst anzeigen, weil wir den Mindestlohn für uns nicht immer auszahlen können“, sagt der 48-Jährige.

Markt fließt über vor Milch

Schuld an den Existenznöten der Bauern ist der Handel, der den Preis drückt. Angebot und Nachfrage regeln den Markt. Derzeit fließt dieser jedoch über vor Milch und die Händler können den Preis stark senken, weil die Konkurrenz unter den Bauern so groß ist.

Grund für den Überfluss sind drei Dinge. Erstens wurde die Milchquote, die regelte wie viel Milch jeder Betrieb liefern darf, zum ersten April aufgehoben. Jeder darf nun so viel Milch abgeben wie er möchte.

Der faire Milch – mit dem fairen Preis – soll dazu beitragen, dass die Milchwirtschaft gerechter wird und die Milchbauern auch in Zukunft von ihrer Arbeit leben können. © Foto: Ralf Münch


Jedoch liegt das Problem nicht nur darin, sondern auch im zweiten Punkt: Der wichtige Markt in Russland ist weggefallen. Wegen der Ukraine-Krise wird Russland mit einem wirtschaftlichen Embargo gestraft. Drittens bricht auch der chinesische Markt derzeit weg. Die Konjunktur sei dort derart ins Stocken geraten, dass die Kaufkraft stark nachgelassen habe, weiß Johann Mayer, Sprecher des Deutschen Bauernverbands im Kreis Regensburg (DBV). Die Bauern seien wieder auf den europäischen Markt angewiesen. Hier jedoch regierten die Billig-Supermärkte. Zum Beispiel Aldi.

Mayer hört täglich die Probleme der Bauern: „Billig–Ketten wie Aldi diktieren den Milchpreis, gleichzeitig macht den Bauern die Dürre der vergangenen Wochen sehr zu schaffen, denn dadurch steigen wiederum die Futtermittelpreise.“

Und Aldi? Aldi sieht sich nur seinen Kunden gegenüber verantwortlich. „Bekanntermaßen gibt es derzeit ein Überangebot auf dem Milchmarkt, wodurch wir einen günstigeren Einkaufspreis erzielen konnten. Es gehört zu den Grundsätzen unserer fairen Preispolitik, dass wir die erzielten Ersparnisse an unsere Kunden weitergegeben“, schreibt Aldi-Sprecherin Kirsten Geß.

Vor wenigen Tagen hatte der DBV den Schaden für die deutschen Milchbauern auf 600 bis 800 Millionen Euro binnen eines Jahres beziffert. So seien die deutschen Milchexporte nach Russland seit August 2014 von 125 auf acht Millionen Euro gesunken.

Dem Ortlesbrunner Milchbauer Alfred Gmelch hat Landwirtschaft immer viel Spaß gemacht. Doch nun mischt sich in die Freude am Beruf großes Unbehagen: „Die Hochpreisphasen, in denen ich viel für meine Milch bekomme, werden immer kürzer, die Niedrigpreisphasen dagegen immer länger“, erklärt er.

Auch Manfred Albersdöfer hat Angst um die Zukunft: „Das Sterben der Höfe geht langsam vonstatten, doch mein 18-jähriger Sohn lernt gerade Landwirt. Wir werden uns weiter durchwurschteln, aber für ihn ist die Zukunft völlig ungewiss.“ Am 1. September wollen einige Bauern in einem Konvoi nach München fahren, um zu demonstrieren. Am 7. September will auch eine Gruppe nach Brüssel ziehen. Mehr bleibt ihnen nicht zu tun. Auch untereinander sind sich die Bauern nicht einig, wie es weitergehen kann.

Ein Teufelskreis

Manche Mitglieder im Bund deutscher Milchviehhalter und im Deutschen Bauernverband fordern, dass immer dann, wenn viel Milch benötigt wird, auch viel produziert werden soll. Eine Beobachtung des Bedarfs auf den Märkten wird in Europa bereits durchgeführt. Auch Gmelch glaubt an dieses System: „Wenn das Marktkrisenmanagement angewendet werden würde und wir jetzt in Europa drei Prozent weniger produzierten, hätten wir derzeit keine Probleme.“ Doch die Beschränkung auf den europäischen Markt wollen manche andere Bauern nicht.

Sie verlangen Offenheit für alle Märkte. Je größer der Markt, desto mehr Absatz erhoffen sie sich. Gleichzeitig bedeutet das, dass man auch den deutschen Markt für alle anderen öffnet und die starke Konkurrenz anderer Länder den Preis wieder drückt. Der Milchmarkt – ein Labyrinth aus verschiedenen Abhängigkeiten. Fast einem Teufelskreis gleich. 

MARIA TIMTSCHENKO

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