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Auerbacher Handballer halten WM für "unverantwortlich"

Stattdessen bezeugen die Befragten "Respekt vor den Spielern, die abgesagt haben" - 14.01.2021 17:39 Uhr

Wie in der Handball-Bundesliga seit Monaten üblich, treffen sich die Nationalmannschaften bei der WM in Ägypten nun doch auch vor leeren Kulissen.

14.01.2021


Die deutschen Handballmänner starten am Freitag um 18 Uhr in die Weltmeisterschaft in Ägypten. Auftaktgegner ist Außenseiter Uruguay. Nach Corona-Infektionen und Absagen einiger Leistungsträger sind die Aussichten für das Team von Bundestrainer Alfred Gislason schwer einzuschätzen. Zudem zogen schon vor Beginn des Turniers die Verbände aus Tschechien und den USA ihre Mannschaften wegen vieler positiver Fälle zurück, Nordmazedonien und die Schweiz rücken nach. Dass auch die Auswahl aus Brasilien auf der Kippe steht und der deutsche Vorrundengegner Kap Verde mit Corona-Sorgen angereist ist, trägt kaum zur Sicherheit bei.

Über die Aussichten des deutschen Teams und die Sinnhaftigkeit der Austragung eines derartigen Groß-Events in Zeiten einer Pandemie sprachen wir mit aktuellen und ehemaligen Vertretern der SG Auerbach/Pegnitz: den Spartenleitern Norbert Herold und Günther Atzenbeck, den Trainern Matthias Schnödt und Nico Neupert sowie mit Michael Werner, ehemaliger Zweit- und Drittligaspieler beim HSC 2000 Coburg und SV 08 Auerbach, zuletzt Meistertrainer beim Bayernligisten HaSpo Bayreuth und langjähriger Landes-Schulobmann beim BHV.

Dabei zeichnete sich trotz unterschiedlich nuancierter Formulierungen schnell ein einheitliches Bild ab. Norbert Herold hat nur wenige Worte für die WM übrig: "Zu den Aussichten und Favoriten möchte ich mich nicht äußern, da ich die Durchführung des Turniers für unverantwortlich halte. Ich habe den größten Respekt vor den Spielern, die ihre Teilnahme abgesagt haben."

"Es werden nicht die einzigen Fälle bleiben"

Kaum ausführlicher antwortet sein Pegnitzer Kollege Günther Atzenbeck. "Nachdem die ersten Mannschaften bereits zurückgezogen haben und zu befürchten steht, dass dies nicht die einzigen sein werden, weil mit weiteren Coronafällen zu rechnen ist, wage ich keine Prognosen über den weiteren Verlauf oder Ausgang der WM. Grundsätzlich halte ich sie in Anbetracht der weltweiten Situation für verantwortungslos und offensichtlich nur profitorientiert ohne Rücksicht auf die Spieler."

Die Antworten der beiden Trainer ergänzen sich in gewisser Weise. So äußerte sich Co-Trainer Nico Neupert nur allgemein über die Aussichten des DHB-Teams. "Das Team kann überraschen und zeigen, was auch ohne nominelle Topstars möglich ist. Sicher werden schwierigere Gegner als Uruguay kommen, ich denke allerdings auch, dass das Team an seinen Aufgaben wachsen und ohne zu viel Erwartungsdruck gut spielen kann. Leider weiß ich zu wenig um die Situation oder Verfassung der anderen Teams."

Zur Ansetzung des Turniers sagt er: "Eine eindeutige Antwort darauf gibt es aus meiner Perspektive nicht. Betrachtet man die aktuelle Lockdown-Situation, die für viele existenzbedrohend ist, ist es schwer, für den Profisport zu argumentieren. Auf der anderen Seite geht es auch im Handball um die Existenzen von Spielern, Clubs und deren Angestellten. Daneben sind diese Turniere auch ein Aushängeschild für den Sport und motivieren Jahr für Jahr Kinder mit dem Handball anzufangen. Man hätte aber im Vorfeld über eine WM mit nur 16 Teams und einer schnelleren K.o.-Runde nachdenken können."

Schnödt: "Aus im Viertelfinale"

Sein "Chef" Matthias Schnödt wollte sich zum Thema "Kontaktsport Handball in Zeiten einer Pandemie" nicht wiederholen, hatte dafür aber als Einziger eine Prognose für den Ausgang des Turniers. "Müßig über die WM zu diskutieren. Tendenziell sehe ich die Argumente dagegen als stärker an als die dafür. Die Vorrunde übersteht Deutschland sicher, entscheidend wird das Spiel gegen Ungarn sein. Da geht es darum, mit 4:0 Punkten in die Hauptrunde zu gehen. Sollte das gelingen, ist die K.o.-Runde möglich, wahrscheinlich als Zweiter hinter Spanien. Dort, denke ich, ist aber Endstation gegen Dänemark oder Kroatien, also Aus im Viertelfinale. Für mich stehen Dänemark und Norwegen ein Stück weit vor Nationen wie Spanien und Frankreich. Wenn ich wetten müsste, dann Dänemark wegen Torwart Niklas Landin, Spielmacher Mikkel Hansen und dem unglaublich breiten Kader."

Michael Werner sieht in der WM zwar "eine gute Möglichkeit für Spieler, die bislang nicht so im Fokus standen, Erfahrungen zu sammeln und sich zu zeigen. In so einem Turnier muss die Chemie und der Spirit passen, dann ist auch etwas möglich. Aufgrund der allgemeinen Situation ist ein Favorit schwer auszumachen, ich würde sagen, die üblichen Verdächtigen. Ich verstehe die wirtschaftlichen Gründe und finde es wichtig, dass die beste Ballsportart der Welt im Fokus steht, aber eine Verlegung wäre aufgrund der Umstände aus meiner Sicht sinnvoller gewesen. Gesundheit und Rücksicht sollten Priorität haben. Die aktuellen Schlagzeilen vom Handball sind leider keine sportlichen. Ich fände es wichtiger, wenn die Pandemie überstanden ist, alles zu tun, um möglichst viele Kinder in die Vereine zu holen, denn gerade die Gemeinschaft, die Bewegung und die Freude wurden ja in den letzten Wochen sehr vermisst."

Keiner glaubt an Saison-Fortsetzung

Zuletzt sei noch angemerkt, dass unisono keiner der Befragten an eine Fortsetzung der aktuellen Saison im bayerischen Handball glaubt. Exemplarisch hierzu die Aussage von Günther Atzenbeck. "In Anbetracht des Lockdowns bis Ende Januar und der Aussicht auf eine Verlängerung halte ich einen regulären Spielbetrieb für diese Saison nicht für realistisch, da ja vor einem eventuellen Spielbeginn auch noch vier Wochen Training möglich sein sollen. Auch nach dem Ende des Lockdowns müssten die Hallen vor einem Trainingsbeginn von den jeweiligen Trägern möglichst für alle beteiligten Mannschaften freigegeben werden, was ebenfalls nicht vorausgesetzt werden kann. Für die Jugend hat der BHV die Saison sowieso schon für beendet erklärt." "Ich denke, dass alles zur Vorbereitung und ordnungsgemäßen Durchführung einer Saison 2021/22 getan werden sollte" lautete der Wunsch von Michael Werner.

HARALD WEIDMANN

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