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Berufsreform in der Pflege: "Zur falschen Zeit"

Kritik aus Pegnitz an Regierungsplänen, die pflegende Ausbildung zu vereinheitlichen - 24.03.2016 07:55 Uhr

Mit geübtem, umsorgenden Griff unterstützt die Pflegerin und stellvertretende Stationsleiterin Karin Hindelang eine 83-jährige Bewohnerin des Brigittenheims beim Aufstehen. © Foto: Frank Heidler


Die leuchtend roten Dienstmobile mit der hellblauen Aufschrift "Diakonie" sind ständig auf den Straßen im Raum Pegnitz und Creußen unterwegs. Am Steuer Pflegerinnen wie Anne (Name geändert), die jeden Tag (und oft nachts) Kranke und Alte aufsuchen. "Grüß Gott, ich komme von der Diakoniestation", ruft die diensterfahrene Anne bei ihrem Erstbesuch aufmunternd in die Sprechanlage. Dem Bewohner und Patienten hilft sie im Minutentakt beim An- und Ausziehen, beim Duschen und Waschen, verabreicht – nur auf ärztliche Verordnung – Spritzen, putzt Brillen, kocht Mahlzeiten und wechselt regelmäßig Windeln.

Sie weiß: "Ich dringe hier in die Intimsphäre eines Menschen ein." Völlig selbstverständlich verrichtet sie pflegerische Handgriffe, die der Patient manchmal nicht einmal von engsten Angehörigen zulassen würde. Oder die diese körperlich nicht mehr schaffen.

Lange Kontakt

Als Kinderkrankenschwester hatte sie lange Krankenhaus-Praxis im Bereich Chirurgie, Innere und Onkologie, also der Krebsstation. Sie fühlte sich gut gerüstet für den Umgang mit alten Menschen, auch wenn sie bis dahin nie mit Herzinfarkt oder Schlaganfall zu tun hatte. Dafür wusste, wie man Säuglinge und "Frühchen" im Krankenhaus korrekt an die Sauerstoffversorgung anschließt. "Bei der Behandlung von Kindern spürt man – wenn es nicht gerade auf der Onkologie ist – die Freude auf die Zukunft, auf das Leben."

Bei alten Menschen, für die sie und ihre Kolleginnen oft fast die einzigen regelmäßige Kontaktpersonen seien, gehe es fast immer um das "Abschied nehmen". Immer wieder das Bedauern: "Ich kann nicht mehr richtig laufen" oder "Ich kann nicht mehr in meinen Garten." Stets wollten die Senioren "wissen, was draußen passiert".

Roswitha Schecklmann kennt als Pflegedienstleiterin im Brigittenheim die Innen- und Außensichten von Kranken- und von Altenpflege. "Ich habe selbst 25 Jahre im Krankenhaus gearbeitet." Für sie ist es kaum vorstellbar, "aus drei Berufen einen zu machen". Schließlich mache es einen ganz erheblichen Unterschied, ob man einen 90-Jährigen versorge oder ein Frühchen. Krankenhaus-Patienten würden "maximal zehn Tage" versorgt. Altenheimbewohner dagegen oft mehrere Jahre bis zu ihrem Tod begleitet. Der Kontakt ist viel familiärer.

Nach der neuen Berufsordnung für Pflegefachkräfte wurden Schüler – im Gegensatz zum bisherigen Altenpfleger – nur noch ein Viertel ihrer dreijährigen Ausbildungszeit im Brigittenheim verbringen. "Da geht Bindung verloren." Bisher seien die Schüler eingebunden im Team. Schecklmann befürchtet, dass letztlich die Pflegebedürftigen Opfer der neuen Berufsregelung seien. Das Ziel, durch eine generalisierte Ausbildung mehr Pflegepersonal zu bekommen, werde nicht erreicht. "Das wird nicht funktionieren." Der Beruf müsse auf andere Weise in der Öffentlichkeit aufgewertet werden.

Für Dekan Gerhard Schoenauer ist der Pflegenotstand bereits da. Als Student hatte er selbst vor Jahrzehnten auf einer Pflegestation gearbeitet und dort sogar seine Ehefrau Ulrike kennengelernt. Seit 1998 ist  er in Pegnitz tätig und führte als Pfarramts-Chef im Lauf seines langen Berufslebens schon zahlreiche Bewerbungs- und Einstellungsgespräche für Kindergärten und Seniorenheime. Nicht immer sei die rein formale Qualifikation eines Bewerbers oder Bewerberin für die später erfolgte Anstellung ausschlaggebend. Er kann sich nicht vorstellen, wie künftige Pflegefachkräfte in drei Ausbildungsjahren mehr Kompetenzen erwerben sollen.

Im Brigittenheim werde nach dem kirchlichen AVR-Tarif bezahlt. Dieser sei laut Pflegedienstleiterin Schecklmann nicht schlechter als die Entlohnung im Krankenhaus. Reichtümer kann man da wie dort nicht scheffeln, die Karriereaussichten sind überschaubar. Im ersten Lehrjahr erhalten die meisten Schüler in Altenpflege und Krankenpflege so um die 950 bis 1000 Euro. Abgehende Altenpfleger müssen Prüfungsgebühren oder Kursunterlagen oft selbst bezahlen. Krankenpfleger nicht.

Über die Vorlieben junger Menschen macht sich der Dekan keine großen Illusionen. Im Brigittenheim arbeiten von 120 Beschäftigten knapp 90 im Pflegebereich. Von den Krankenkassen als Kostenträger werde peinlich genau darauf geachtet, dass die vorgeschriebene Fachkraftquote von PflegerInnen mit dreijähriger Ausbildung genau eingehalten werde.

Im Brigittenheim liege diese bei 56 Prozent. Bei Grippewellen mit sechs bis sieben erkrankten Schwestern könne man kaum Ersatz schicken. Schoenauer: "Wenn es die Pflegekräfte nicht mehr stemmen, muss man Zimmer schließen." Das habe es auch schon gegeben, "aber nicht bei uns". Einziger Rettungsanker: die Unterstützung durch Ehrenamtliche.

Der Dekan: "Ich bin froh über soviel Ehrenamtliche." Also als Pflegehelfer mit verkürzter Ausbildung. Er hält den Vorstoß der Regierung nicht für grundsätzlich falsch, nur komme dieser "zur falschen Zeit".

FRANK HEIDLER

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