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Freitag, 27.11.2020

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Betzenstein: Gefallene Soldaten nach 75 Jahren noch nicht identifiziert

Zwei Soldaten, die im zweiten Weltkrieg in Betzenstein starben, sind immer noch nicht bekannt - 15.11.2020 15:55 Uhr

„Zur frommen Erinnerung im Gebete“, heißt es aus diesem Sterbebild. Ein Franz Josef Kraus war am 17. April „im Kampf um Betzenstein (Oberfranken)“ gefallen.

13.11.2020 © Repro: Karl Heinz Fietta


Auch ein dreiviertel Jahrhundert nach Kriegsende beschäftigt Menschen das Schicksal der unbekannten Soldaten. Nicht nur deren Angehörige, sondern auch viele Heimatforscher versuchen, die unbekannten Toten zu identifizieren, was meist eine sehr aufwendige Aufgabe und oft nicht von Erfolg gekrönt ist.

Ein Zufallsfund

Auch in Betzenstein gibt es drei unbekannte deutsche Soldaten. Aufgrund eines Zufallsfundes sind es aber nur noch zwei. Die Heimatforscher Rainer Seitz aus Plech und Karl Heinz Fietta aus Betzenstein haben einen Toten identifizieren können, der am 17. April 1945 bei einem Angriff einer deutschen Einheit auf das besetzte Betzenstein ums Leben gekommen ist. Die US-Armee hatte schon zwei Tage vorher die Stadt eingenommen und schätzt die Anzahl der amerikanischen Soldaten auf rund 350.

Fietta hat die Ereignisse von damals soweit es ging aus Augenzeugenberichten und verschiedenen Aufzeichnungen rekonstruiert. Als sich das erste von drei Sturmgeschützen von Mergners her dem unteren Tor näherte, wurde es von einem amerikanischen Panzer in Brand geschossen. Drei der Soldaten überlebten die Flucht aus dem brennenden Kettenfahrzeug nicht und wurden erschossen. Einer davon war Franz Josef Kraus aus Niederlauer bei Bad Neustadt an der Saale, Unteroffizier, geboren 1917 und gefallen am 17. April in Betzenstein. Rainer Seitz hat das entsprechende Sterbebild entdeckt, das er umgehend Fietta zukommen hat lassen.

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Nürnberg im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs

Seit 1943 flog die Royal Air Force regelmäßig Großangriffe auf Nürnberg, den verheerendsten am 2. Januar 1945, als 521 Flugzeuge ihre tödliche Fracht über der Altstadt abluden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Nürnberg zu 90 Prozent zerstört.


Der Großonkel von Fietta – der Totengräber Hans Fietta – hat die drei toten Soldaten damals zunächst in Betzenstein begraben, was er auch in seinem Beerdigungsbüchlein eingetragen hat. Allerdings eben ohne die Namen der Gefallenen. Innen an der Friedhofsmauer in Betzenstein steht heute noch das einfache Steinkreuz, das vorher am Grab der unbekannten Soldaten stand. Auch im Gedenkbuch für die Kriegsgefallenen in der Betzensteiner Kirche sind die drei Soldaten nicht aufgeführt. Ebenso wenig im Standesamt im Rathaus, was Fietta für ungewöhnlich hält und ihn bis zum Zufallsfund von Seitz deshalb nicht weitergebracht haben. 1951 wurden die Toten dann umgebettet auf die Kriegsgräberstätte nach St. Georgen in Bayreuth, wo sie heute noch liegen. Dort hat das Grab von Kraus zwar einen Namen, aber in Betzenstein war er bis dato der unbekannte Soldat.

Die Redakteurin der Rhön- und Saalepost, Kristina Kunzmann, zu der Fietta Kontakt aufgenommen hat, hat sich auf die Suche nach verwandten Nachfahren von Franz Josef Kraus gemacht, dessen Name auf dem Kriegerdenkmal in Niederlauer zwar vermerkt ist, aber als Sterbeort ist lediglich "Oberfranken" angegeben.

Kunzmann hat mit Franz Josef Greb aus Niederlauer den Neffen von Kraus gefunden. Dieser hatte seinen Onkel zwar nicht mehr gekannt, aber von Erzählungen seiner Mutter weiß er, dass der Taufpate den damals 28-Jährigen nach einem Heimaturlaub nicht mehr in den Krieg fortlassen wollte. "Die sperren mich ein, die erschießen mich", soll er damals gesagt haben. Fahnenflucht, die unweigerlich eine standesrechtliche Erschießung nach sich zog, kam für Kraus nicht in Frage. Er fand den Tod dann am 17. April 1945 in Betzenstein, bei einem sinnlosen Angriff auf die amerikanische Übermacht. 13 Tage später beging Hitler Selbstmord.

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Nürnbergs Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Zerstört wurde Alt-Nürnberg in nur 53 Minuten am 2. Januar 1945. Der Wiederaufbau dauerte natürlich viel länger, aber: Während manche Experten damals mindestens 30 und mehr Jahre veranschlagten, waren die öffentlichen Gebäude bereits Ende der 1950er wieder aufgebaut oder restauriert. In der Stadt drehten sich die Kräne und wuchsen die Gerüste immer weiter in die Höhe.


Kraus gehört zu den vielen deutschen Soldaten, die in den letzten Kriegsmonaten und -wochen noch ihr Leben lassen mussten. Für einen Krieg, der längst verloren war, für ein verbrecherisches Regime und für Vorgesetzte, die immer noch an Durchhalteparolen glaubten.

Erst spät erfahren

Die Verwandten von Kraus erfuhren erst viele Jahre später nach seinem Tod, wo er seine letzte Ruhe fand. Betzenstein als Todesort sei ihnen zwar bekannt gewesen, aber erst in den 1980er Jahren habe man herausgefunden, dass er auf dem Soldatenfriedhof in Bayreuth liegt. Dank der Heimatforscher aus Betzenstein und Plech wissen sie nun zumindest, wie er ums Leben gekommen ist – 75 Jahre später. Gerne nehmen die beiden Forscher Hinweise entgegen und hoffen damit, auch das Schicksal der beiden anderen unbekannten Soldaten noch zu enträtseln.

"Das ist für mich eine ganz wichtige, würdevolle Arbeit. Nicht nur für mich, sondern auch für den Toten. Weil die Würde des Menschen geht über den Tod hinaus, das ist meine persönliche Auffassung. Und zum anderen ist es auch wichtig für die Angehörigen", sagte Joachim Kozlowski von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Im deutschen Bundesarchiv liegen die Akten von knapp fünf Millionen Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs auf deutscher Seite gekämpft haben. Dort sollen Kriegstote nach Möglichkeit identifiziert werden.

KLAUS TRENZ

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