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Büro-Umzug mit rund 200.000 Urkunden

Kleine Notariats-Geschichte: Der frühere Pegnitzer Notar Helmut Heinrich erinnert sich an seine Erfahrungen. - 27.01.2021 15:37 Uhr

Die beiden Pegnitzer Notariatsmitarbeiter Martin Schleicher mit Renate Bauer. Die Aufnahme am Eingang des Gebäudes in der Bahnhofstraße 29 entstand um das Jahr 1955.

25.01.2021 © Foto: Stadtarchiv Pegnitz/Bayerlein


Heinrich hat sicherlich als fast einziger eine klare Vorstellung von den Urkundenmassen, die seine Pegnitzer Nachfolgerin Dr. Manuela Müller bei ihrem gerade erfolgten Umzug vom Sparkassen-Gebäude an der Bahnhofstraße in ein neues Geschäftshaus an die Nürnberger Straße bewegen (lassen) musste.

Der langjährige Pegnitzer Notar Helmut Heinrich mit seiner Mitarbeiterin Karin Reichel, durch deren Hände in vier Jahrzehnten rund 100.000 Urkunden gingen.

04.09.2012 © oh


Er weiß aus seiner Jahrzehnte langen Erfahrung, dass bei einem mittelgroßen Notariat wie Pegnitz pro Jahr rund 2300 Urkunden ausgestellt würden. Die ausgestellten Urkunden sind eigentlich Eigentum des Freistaates Bayern. Sie werden aber seit gut 60 Jahren, also seit 1960, "im hiesigen Notariat aufbewahrt". Es geht also um annähernd 140 000 Urkunden. Und um weitere 50 000 Urkunden aus Pottenstein. Heinrich zufolge füllen diese wichtigen Dokumente "zwei Kellerräume und einen Dachboden".

Alles, was an Urkunden noch älter ist, wurde aber keineswegs weggeworfen. Diese alten Pegnitzer Urkunden lagern in einer Spezialabteilung des Staatsarchivs in Würzburg auf der Veste Marienberg. Und das ist eine ganze Menge Papier. Denn die ältesten Urkunden reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Damals war in Bayern ein eigenes Notariatsgesetz eingeführt worden.

Im offiziellen Verzeichnis der Pegnitzer Gemeindebürger ist auch der allererste Notar in der Stadt, Georg Friedrich Pausch, aufgeführt. Das Bürgerrecht wurde ihm 1862 verliehen. Im gleichen Jahr nahm er seine Tätigkeit auf und arbeitete als Notar bis 1900.

25.01.2021 © Foto: Stadtarchiv Pegnitz/Bayerlein


Wie auch der Pegnitzer Stadtarchivar Andreas Bayerlein weiß, war 1862 Georg Friedrich Pausch der allererste Pegnitzer Notar. Der spätere Justizrat logierte aber nicht im Amtsgericht, sondern in der Hauptstraße 66. Das Gebäude wurde erst viele Jahre später von Metzger Georg Müller für sein Genuss-bringendes Handwerk genutzt.

Umzug nach dem Krieg

Das Haus der jetzigen Ratsstube, aber auch die Friedrich-Ebert-Straße 9, waren weitere Lebens- und Arbeitsstätten von heimischen Notaren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zog das Notariatsbüro in das spätere Sparkassenhaus an der Bahnhofstraße 29 um. Dort allerdings zuerst ins Erdgeschoss und später in die ehemalige Direktorenwohnung im Obergeschoss.

Notare waren — ähnlich wie Pfarrer oder Richter — Respektspersonen. So ist dem Stadtarchivar ausgerechnet aus dem Auftaktjahr des Ersten Weltkriegs 1914 die Aufnahmekarte von Notar Karl Josef Übelherr in den Gesangverein (mit Berufsbezeichnung!) und aus dem gleichen Jahr auch dessen Saisonkarte für das städtische Freibad erhalten.

In der Ortswahl ihrer Berufsausübung waren und sind die Notare keineswegs frei. "Das war nur in Städten mit einem eigenen Landgericht möglich." Pegnitz gehörte dazu, Pottenstein wurde später Notariatsfiliale.

Als Eingangsstufe der örtlichen Gerichtsbarkeit wurden erst Jahre später die Amtsgerichte eingeführt. Aber auch das ist ja in Pegnitz längst Geschichte. Der Notar, respektive die Notarin, aber blieb.

Die meisten beurkundeten Fälle seien Heinrich zufolge bereits "nach wenigen Jahren" abgeschlossen. Das gelte auch für die meisten Grundstücksangelegenheiten. Eine Ausnahme seien die "Dienstbarkeiten" bei Grundstücken. Da musste Heinrich in seiner Vollzeit-Tätigkeit auch schon Urkunden aus dem Jahr 1919 zur Klärung von Sachverhalten und Beurkundungen heranziehen, um die damals eingeräumten "Geh- und Fahrtrechte" zu klären. "Man muss wissen, läuft der Weg nun an der östlichen oder westlichen Grundstücksgrenze, oder in der Mitte?"

Das "Beraten und Beurkunden von Verträgen" gehört laut Helmut Heinrich zu den Hauptaufgaben eines Notars. Ganz egal, ob es sich um Grundstücks-, Familien-, Erb- oder Gesellschaftsrecht handelt. Bei der Eintragung in die entsprechenden gerichtlichen Register sollten tun-lichst keine Fehler gemacht werden. Weshalb sich üblicherweise nur die besten zwei Prozent eines Juristenjahrgangs bei der Notarkammer um eine Stelle bewerben können. Nach dem Studienabschluss folgen dann meist noch drei oder vier Lehr- und Wanderjahre auf Notariaten in ganz Bayern, um die Tätigkeit von der Pike auf zu lernen.

"Bier-Vertrag" bei Hofübergabe

Mit sogenannten "Leibgedingen", also dem vereinbarten Altenteil bei Hofübergaben, hatte Helmut Heinrich als Notar viel zu tun. Da wurde früher auch die Verköstigung geregelt. In einem Fall erreichte ihn die Anfrage: "Mein Vater bekommt jeden Tag einen Liter Bier. Die darf er aber laut Arzt nicht mehr trinken. Kann ich ihm jetzt Wasser geben?"

Manchmal gab es auch beurkundete Verköstigungsregeln wie "ein Pfund Fleisch". Ein Übergeber wollte daraufhin immer Filet. Er bekam es nicht: Laut Bürgerlichem Gesetzbuch musste er sich dabei mit Fleisch "mittlerer Art und Güte" begnügen. Gut erinnern kann sich Heinrich auch an Einwände von Notariatsparteien, die sagten: "Schreibens nicht so viel, des braucht’s doch nicht." Aber leider eben doch, wie die juristische Erfahrung zeigt.

Auch ums laute Vorlesen kommt ein Notar selbst in der heutigen Zeit immer noch nicht herum. "Lautes Vorlesen entdeckt viele Fehler." So auch bei dem beurkundeten Verkauf einer Tankstelle in der Fränkischen Schweiz.

Patzer mit versch(l)issenen Teilen

"Der Pächter hat auf seine Kosten verschlissene Teile auszuwechseln" — so sollte es in dem der Urkunde beiliegenden Standardpachtvertrag der Mineralölgesellschaft heißen. Allerdings war ausgerechnet beim Wort "verschlissen" das "l" abhanden gekommen. Beim lauten Vorlesen fiel dem Notar dieser peinliche Fehler auf — und wurde natürlich sofort korrigiert.

FRANK HEIDLER

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