Montag, 30.11.2020

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Corona: Demo gegen Masken in der Pegnitzer Innenstadt

Bei einem Protest gegen Hygienemaßnahmen in Grundschulen mischt sich Sorge mit Verschwörungstheorien - 28.10.2020 18:16 Uhr

An der Wand des Alten Rathauses liegen etwa zehn Stofftiere mit Botschaften. Diese wurde von Kindern abgelegt, deren Mütter ohne Maske auf dem Marktplatz gegen die Hygienemaßnahmen in der Grundschule demonstrierten.

28.10.2020 © Foto: Julian Seiferth


Es ist 14.45 Uhr, Dienstagnachmittag in der Pegnitzer Innenstadt. Eine blonde Frau steigt aus ihrem Kleinwagen aus, nimmt an die eine Hand ihre Tochter und in die andere einen Stoffbären. Der Bär trägt eine Maske, Mutter und Tochter – trotz in der Innenstadt geltender Maskenpflicht – nicht.

Vor der Ratsstube stehen wenige Minuten später die Mutter und eine weitere Frau. Sie identifizieren sich als Mütter mindestens eines Grundschulkindes. Zwei dieser Kinder rennen ohne Unterbrechung durch die oder an der Gruppe vorbei, werfen die Stoffbären mit den Masken durch die Gegend. Die Botschaften auf den Masken scheinen die Kinder nicht zu interessieren. "Wir wollen den Kindern eine Stimme geben", sagt währenddessen die Frau. Ihren Namen will sie ebenso wie die anderen Teilnehmer nicht nennen, auch ihr Gesicht will sie nicht in der Zeitung sehen.

"Folge dem Geld"

Im Laufe der nächsten Minuten folgt das Gespräch der Eltern Pfaden, die die Kinder wohl wirklich nicht in Worte fassen könnten. Von der ihrer Meinung nach unnötigen Maskenpflicht ausgehend – das ist die moderateste Ansicht unter den später insgesamt acht Erwachsenen vor dem Alten Rathaus – wird es sehr schnell sehr kompliziert, oder auch nicht: "Eigentlich", sagt die andere, dunkelhaarige Frau aus der Dreiergruppe, "ist es ganz einfach: Folge dem Geld." Der Mann in der Gruppe steht kopfschüttelnd daneben. Die Kinder, deren Stimme die Eltern sein wollen, werfen derweil die Stoffbären auf den Boden. 

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Das Geld, das komme von Bill Gates, dem Gründer des Software-Konzerns Microsoft, und es gehe an Medien, Regierungen und Ärzte wie Christian Drosten vom Robert-Koch-Institut oder den amerikanischen Virologen Anthony Fauci – beide seien Hochstapler. Alle anderen Ärzte mit anderer Meinung, sagt die Dunkelhaarige, würden unfairerweise als Lügner abgestempelt. Warum? "Ja, fragen Sie sich das mal! Sie müssen hinter die Fassade sehen." Die Frage bleibt unbeantwortet, die Kinder sind inzwischen auf die andere Seite des Marktplatzes gerannt. "Angst", sagt die blonde Frau über die Bußgelder bei Verletzung der Maskenpflicht, "ist Macht. Fragen Sie sich mal, wie das 1933 alles passieren konnte." So weit will eine andere Mutter nicht gehen. "Davon will ich nichts hören", sagt die Frau. "Mein Kind ist inklusive Busfahrt und Hort zehn Stunden pro Tag an die Maske gebunden. Meine Tochter leidet." 

Während sie spricht, steigt eine junge Polizistin aus einem Fahrzeug und kontrolliert die Einhaltung der Maskenpflicht. Weder im Rathaus noch bei der Polizeidienststelle in Pegnitz war die Demonstration angemeldet. Die beiden Frauen, deren Kinder nach wie vor Fangen um das Neue Rathaus spielen, legen ein Attest vor, unterschrieben von einem Dr. Walter Weber aus Hamburg. Wie die beiden an einen Hamburger Arzt kamen? "Das muss ich Ihnen nicht beantworten", sagt die Blonde.

Sybolfigur der Gegner

Weber ist eine Symbolfigur der Maskengegner-Szene, bezeichnete auf Demonstrationen mit Rechtsextremen die Maskenpflicht vor wenigen Monaten als Verbrechen und kündigte an, er werde nicht ruhen, bis die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen seien. Der Hamburger hat eine bemerkenswerte Vorgeschichte zu Attesten: Im Jahr 2000 bescheinigte er einer damals 66-Jährigen, sie habe eine Angsterkrankung. Die Gegenwart von "Menschen schwarzer Hautfarbe" löse bei ihr Panik aus. An diesem Nachmittag in Pegnitz zieht die Polizistin nur die Augenbrauen nach oben, gibt den Frauen ihre Atteste zurück und steigt zurück in das Fahrzeug.

Kaum ist sie weg, wandert das Gespräch zurück zu Bill Gates, der bei einer Veranstaltung vor Jahren gesagt haben soll, er werde sieben Milliarden Menschen zwangsimpfen lassen und damit Millionen töten. "Der hat dabei direkt in die Kamera geschaut!", ruft die Dunkelhaarige. Warum Gates einen geplanten Massenmord bereits vor Jahren mit der Öffentlichkeit geteilt haben soll, bleibt offen. Inzwischen reicht es den Kindern, sie zerren wiederholt an den Ärmeln der Mütter, es ist kalt, windig und wird langsam dunkel. An der Wand des Alten Rathauses stehen etwa zehn Stofftiere mit Botschaften. Die der Kinder ist eindeutig: "Mama, wann gehen wir endlich nach Hause?"

JULIAN SEIFERTH

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