Samstag, 17.04.2021

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Decken gab es nur für Kinder und alte Leute

Sieben Häuser, 15 Stadel und 20 Nebengebäude wurden in Nasnitz vor 70 Jahren von Flammen vernichtet - 10.04.2015 18:41 Uhr

Luftaufnahme von Nasnitz, das idyllisch und friedlich umgeben von viel Grün liegt. Vor 70 Jahren war die Lage eine andere: Hier herrschte Angst und Schrecken — vor allem vor den Tieffliegern der Amerikaner.

10.04.2015 © Foto: Hans Kormann


Schuld daran, dass Nasnitz von schweren Kämpfen heimgesucht wurde, waren SS-Leute, die von Grafenwöhr mit ihren Panzern in den Ort gekommen waren, um einen Verteidigungsposten aufzubauen. Fast in jedem Hof waren Panzerwagen untergebracht. Bauern waren dabei, die Kartoffeln auszubringen.

Aus Angst vor Tieffliegern wurde mit dieser Arbeit begonnen, als es noch dunkel war. Ehe es hell wurde, hatte man sich in den Häusern verkrochen. Immer wieder kamen die Aufklärungsflugzeuge der Amerikaner und beobachteten die Verteidiger, die in den Schützengräben ausharrten, aber keine Munition hatten.

Schutz in Felsenhöhlen

Schutz suchten viele Nasnitzer im Wald Richtung Schafsteg, im Hammerkeller bei Staubershammer, die meisten aber in der Neubirg, wo es einige Felsenhöhlen gab. Auf holprigen Fuhrwerken ging es zu den Zufluchtsstätten. Auf den Wagen saßen Kinder und alte Leute zwischen Sachen, die zum Leben gebraucht wurden. Auch die Kühe wurden aus den Ställen getrieben und mit zur Neubirg genommen. Es wurde ja täglich frische Milch gebraucht, die in Töpfen auf heißen Steinen erwärmt wurde.

Die Herstellung des kargen Mittagessens geschah ebenfalls auf diese Art und Weise. Die Bauern in Steinamwasser gaben trockenes Futter für die Kühe, das die Nasnitzer Landwirte auf dem Rücken in den Wald um die Felsenhöhlen tragen mussten. Geschlafen haben die Vertriebenen in den Höhlen; Decken gab es nur für Kinder und alte Leute.

Ziel war die Dorfmitte

Von ihrem Lagerplatz aus beobachteten die Geflohenen, was mit ihrer Heimat geschah. Trauriger Höhepunkt der Zerstörung von Nasnitz war der 19. April, ein Donnerstag. Von Neudorf aus beschossen die Amerikaner den Ort. Die Geschosse — es sollen Spreng- und Phosphorgranaten gewesen sein — zerstörten insbesondere die Dorfmitte.

Abgebrannt sind sieben Häuser, 15 Stadel und an die 20 Nebengebäude. Es gingen auch eine ganze Anzahl Ziegen, Schweine und Kleinvieh zugrunde, weil viele Bewohner während der Brände nicht zu Hause waren.

Josef Hupfer erinnerte sich vor 20 Jahren daran, dass seine Eltern mit weiteren zwei Geschwistern erst ihr Haus verließen, als es von mehreren Granaten getroffen wurde. Dadurch konnte das Haus vor dem Abbrennen gerettet werden, weil das Feuer sofort im Keim erstickt wurde. Das Wasser musste dabei im vorbeiführenden Graben aufgefangen werden, nachdem das Wasserleitungsrohr ebenfalls von einer Granate zerstört worden war.

Anna Stützinger hatte vor 20 Jahren noch viele Einzelheiten im Kopf. In der letzten dramatischen Woche musste die Beerdigung eines Nasnitzers wegen Tieffliegern in der Dunkelheit gehalten werden. Ein schwer kranker Mann wurde auf dem Handwägelchen nach Fischstein transportiert, weil man hoffte, dass es in dem kleinen Ort im Veldensteiner Forst keine großen Belastungen für ihn gab.

Helle Aufregung gab es, als in einem Haus auf dem Bett ein Blindgänger gefunden wurde. Das Geschoss entschärften deutsche Soldaten, die bis zuletzt um jeden Quadratmeter kämpften.

In der Nacht des 19. April rückten die ersten amerikanischen Truppen in Nasnitz ein. Die Bewohner konnten wieder aus den Höhlen und Wäldern zurück, aber viele von ihnen standen vor dem Nichts.

Geld war nichts mehr wert

Nun stand das Aufbauen im Vordergrund. Für Geld gab es so gut wie nichts mehr, nur als Gegengabe durch Naturalien konnten Baumaterial, Werkzeuge und Maschinen beschafft werden. Für einen Motor musste ein Zentner Weizen gegeben werden. „Nur durch Schmieren konnte man kleine Suggerla bekommen“, wurde erzählt.

Eine weitere Last war die Hungersnot. So wissen Einheimische zu erzählen, dass ihnen das Fleisch aus der Sole gestohlen, die Hühnernester entleert und Säcke voll Kartoffeln gleich vom Acker aus abtransportiert wurden, wenn diese kurz unbeaufsichtigt auf der Flur standen.

Manche Bauersfamilien setzten sich zur Wehr, indem sie Lebensmittel, insbesondere Fleisch, in einem vorbereiteten Loch vergruben. „Ich werde die Tage und Wochen nach dem Krieg nie vergessen“, stellte Lene Steger aus Nasnitz vor einigen Jahren fest.

Ihr Mann war Ende Mai 1945 mit noch einigen weiteren Männern in einen folgenschweren Unfall auf dem Bahngelände zwischen der Einsiedelbrücke und dem Bahnhof Michelfeld verwickelt. Das Unglück geschah bei der Neubrück am Tannenschlag.

Amerikaner halfen

Damals waren es die Amerikaner, die den Verletzten Erste Hilfe leisteten und diese dann in die Krankenhäuser brachten. Weil Franz Steger aufgrund seines kritischen Zustandes im Michelfelder Lazarett nicht aufgenommen werden konnte, brachten ihn die Besatzer nach Bayreuth ins Krankenhaus. Das war am 29. Mai 1945.

Mehrere Wochen lang fuhr Lene Steger zwei Tage pro Woche mit dem Rad nach Bayreuth, um ihren Mann zu besuchen. Zusätzlich musste sie mit dem Fahrrad montags nach Eschenbach strampeln, um sich von der Militärregierung für die Fahrt einen Ausweis ausstellen zu lassen.

Im Rückblick an diese Zeit erinnerte sich Lene Steger dankbar an zwei Begebenheiten: Ihr Mann brauchte dringend eine Blutübertragung, „aber in der ganzen Verwandtschaft hatte niemand die Blutgruppe, die mit der meines Mannes übereinstimmte“.

Da kam ein Nachbar von der Gefangenschaft nach Hause, der die nötige Blutgruppe hatte. Zur Genesung von Franz Steger trug aber auch das Michelfelder Kloster bei. Mit Rotwein und Bienenhonig — beides gab es kurz nach dem Krieg nicht zu kaufen — versorgte es über längere Zeit den Schwerverletzten.

nn

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