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Sonntag, 05.07.2020

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Dekan nimmt Abschied: 100 Umzugskartons gepackt

Die Küche ist abgebaut: Gerhard Schoenauer und Ehefrau Ulrike ziehen zum Ruhestand nach Nürnberg - 30.05.2020 21:55 Uhr

Der Pegnitzer Dekan Gerhard Schoenauer und seine Frau Ulrike ziehen aus dem Pfarrhaus in der Rosengasse aus. Rund 100 Umzugskisten haben beide schon gepackt. Wegen Corona fällt das Abschiedsfest wohl aus und soll nächstes Jahr stattfinden.


Aber zuerst kommen die Umzugsmühen. "100 Umzugskisten sind schon gepackt", erklärt der Dekan. "Da muss noch vieles aussortiert werden", ergänzt Ehefrau Ulrike zum verbleibenden Pegnitzer Hausstand.

Sogar die Küche wurde in der letzten Arbeitswoche des Pfarrers bereits abgebaut. "Das macht nichts, wir sind doch Camper", sagt Ulrike mit sturmerprobter Fröhlichkeit. Immerhin: Ums Mittagessen müssen sie sich nach dem NN-Reporterbesuch im Pfarrgarten keine Gedanken machen. "Wir werden bekocht." Die "Hausgemeinschaft" rund um die Bartholomäuskirche macht es möglich.

Eine kesse Sohle legte Dekan Gerhard Schoenauer gemeinsam mit Künstlern anderer Länder beim Fest der Nationen in Pegnitz vor Jahren aufs Parkett. © Foto: Irene Lenk/Archiv


Kein Händeschütteln

Nicht ganz leicht fällt dem Ehepaar Schoenauer der Abschied in dieser Corona-Zeit. Zwar können die beiden auf die bei solchen Gelegenheiten allfälligen Lobeshymnen verzichten. Hart kommt ihnen aber an, ebenfalls "auf das Händeschütteln" (und sicher auch auf viele herzliche Umarmungen) mit langjährigen Weggefährten verzichten zu müssen.

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Dekan Gerhard Schoenauer: "21 wunderbare Jahre"

Nach exakt 21 Jahren und vier Monaten verlässt Dekan Dr. Gerhard Schoenauer (65) mit seiner Ehefrau Ulrike (64) das Pfarrhaus in der Rosengasse in Pegnitz. Jahrzehnte verbrachten sie in den Dienst-Pfarrhäusern der Landeskirche und beziehen jetzt im Nürnberger Stadtteil Altenfurt ein neu gebautes Wohnhaus. Nirgendwo waren sie so lange wie In Pegnitz. Hier lassen sie viele Erinnerungen und persönliche Kontakte zurück. „Es war eine wunderbare Zeit mit vielen schönen Begegnungen und Erlebnissen“, erklären sie gemeinsam. Aber zuerst kommen die Umzugsmühen. „100 Umzugskisten sind schon gepackt“, so der Dekan. Als Prediger auf der Kanzel und im Rundfunk sowie bei zahllosen Gemeindeaktivitäten hatte der Dekan stets eine glückliche Hand. Ehefrau Ulrike hielt ihm den Rücken frei, übernahm Telefondienste und war bei außerordentlich vielen Gemeindekreisen, kleinen und großen Kirchenevents sowie im Brigittenheim ehrenamtlich aktiv.


Regionalbischöfin Dorothea Greiner gab ihrem langjährigen Stellvertreter dennoch Lobesworte mit auf den Weg in den (Un)Ruhestand. Sie sagt über ihn: "Auf seine Predigten konnte man sich schon vorher freuen, denn langweilig waren sie nie: Seine Sprache hat Saft und Kraft, vor allem Substanz." Gerhard Schoenauer sei "ungemein fleißig" gewesen. Eine 60- bis 80-Stunden-Woche war für ihn sicher beinahe die Regel. Er meint darauf bescheiden: "Ich zähle die Stunden nicht."

Kirchenvorsteherin Gisela Schleifer verbindet mit den Schoenauers ein "offenes Haus, Lachen, Essen und Trinken", aber auch "sein Organisations- und Führungstalent". Ganz sicher war "der Dekan" nie einer, der den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Gleiches gilt für seine Ehefrau. Die Liste ihrer Ehrenämter ist beinahe unübersehbar und reicht vom Feierabendkreis und Frauenkreis bis zum (lange geheim gehaltenen) Kirchenasyl im Pfarrhaus.

Als plötzlich die Kirchenglocken erklingen, weiß Ulrike Schoenauer, was sie in Nürnberg vermissen wird: den Klang des Läutens. Gestört fühlte sie sich dadurch nie.

Einen Anrufbeantworter gibt es im Pfarrhaus nicht. "Wir sind immer telefonisch erreichbar". In Notfällen auch nachts. Immer wieder klingelten Nichtsesshafte, um im Gemeindehaus zu übernachten.

In Pegnitz realisierte der Dekan "sehr viele Baumaßnahmen". Allem voran die elfmonatige Sanierung der Bartholomäuskirche samt Baustellenfest und -gottesdienst mit Abseilaktion von der Kirche. Das war vor fast zwei Jahrzehnten. Damals wurde "nicht nur Kirche, sondern auch Gemeinde gebaut".

Und jetzt? Wochenlang haben die Schoenauers für die Faschingsunterhaltung beim Frauenfrühstück im Gemeindehaus einen komischen Tanz von "Pat und Patachon" einstudiert. Sie "tourten" mit dem Fränkischen Theatersommer und dem Stück "Martin Luther und Martin Luther King" nach dem Auftakt in Pegnitz durch Kulmbach, Bayreuth und Tüchersfeld.

Dienst an der Pforte

Regelmäßig meldete sich Ulrike Schoenauer zum wegen Corona eingeführten ehrenamtlichen Pfortendienst im Brigittenheim. Der Dekan ist heilfroh, dass er zusammen mit dem Leitungsteam des Seniorenheimes bereits eine Woche vor dem bundesweiten Lockdown die Einrichtung rigoros von der Außenwelt abgeschottet hat. Vielleicht hat er damit Bewohnern das Leben gerettet. Die Heimaufsicht urteilt über die Manager des Brigittenheimes: "Eigentlich müsste man euch einen Orden verleihen." Noch "eine Zeit lang" will der scheidende Dekan Vorsitzender im Diakonieverein bleiben.

Jeden Abend gingen die Schoenauers in diesen Corona-Wochen abends zum Kerzengebet in die Stadtpfarrkirche. Manchmal kam auch der ein oder andere Besucher. Trotz einer stets ausufernden Verwaltung stehen für den Pfarrer die Gottesdienste und die Seelsorge im Mittelpunkt der Tätigkeit. Gerade für den extrem schwierigen Bereich der Begleitung Sterbender gebe es kein Patentrezept und keine hilfreiche "Routine". Der Dekan: "Je älter man wird, umso mehr leidet man mit." Besonders bei Suiziden, verstorbenen jungen Menschen und dem Überbringen von Todesnachrichten.

Der Pfarrer und Kirchenmanager Schoenauer weiß natürlich, dass er es nicht immer allen recht machen konnte. "Ich war Vorgesetzter von mehreren hundert Menschen." Da musste er auch mal Abmahnungen schreiben oder konnte einen Bewerber für eine Stelle nicht einstellen.

"Auch Fehler gemacht"

Wenn es darauf ankam, scheute sich Schoenauer nicht, sich mit der Landeskirche "herumzustreiten". Selbstkritisch merkt der Dekan an: "Ich habe auch Fehler gemacht."

Der Vorsitz im Gemeindebund bleibt Gerhard Schoenauer als Ruhestands-Hobby erhalten. Auch wenn er aus dem Pegnitzer Pfarrhaus auszieht, will der baldige Ex-Dekan als Ruheständler noch Gottesdienste halten. Den Termin seines allerletzten hiesigen Gottesdienstes hält er geheim, denn die Sitzplätze in den Kirchenbänken sind wegen Corona leider begrenzt.

FRANK HEIDLER

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