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Durchs Pottensteiner Hirtentor nach "Bethlehem"

Heimatkundler erklären, warum das Mariental einst anders hieß, erzählen von ärmlichen Bewohnern und wenig beneidenswerten Schafhütern. - 25.01.2021 15:19 Uhr

Das Hirtentor führte ins sogenannte Totental. Hier eine historische Ansicht des heutigen Marientals um 1900 mit unbefestigten Wegen.

10.01.2021 © Repro: Günter Nöttling


""Sonst kann ich mich an kein weiteres Haus im hinteren Bereich der Straße erinnern", sagt Nöttling. "Die Häuser kamen erst so nach und nach dazu. Damals hieß das Tal Totental oder Bethlehem." Wenn Günter Nöttling in seinen Bildern blättert, ist die Kindheit wieder präsent: "Die Straße war eine unbefestigte Dorfstraße, die nahe an den Häusern vorbeiführte. Bethlehem hieß es mit Sicherheit, weil hier arme Leute in einer kargen, ärmlichen Gegend wohnten."

Man musste seinerzeit erst durch das Hirtentor gelangen, um in diesen einsamen, naturnahen Bereich zu kommen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Tal wegen der Jugendherberge, so erinnert sich der Rentner noch, auch Straße der Deutschen Jugend und Jugendstraße genannt. Der Vater blieb im Krieg und wurde 1944 in Rumänien vermisst. "Als achtjähriger Schulbub musste ich täglich die Ziegen, Schafe und Gänse – vorausgesetzt das Wetter passte – zur Schlucht hinter dem Schwalbenloch hinauftreiben. Oben hat man – an einer bestimmten Stelle – immer einen Luftzug verspürt", fühlt er heute noch nach.

Und so sieht Mariental 2021 aus. Der 81-jährige Heimatforscher Günter Nöttling lebt hier von klein auf und hat so alle Veränderungen mitbekommen.

10.01.2021 © Repro: Günter Nöttling


"Der eine Weg ging hoch zum Schrottenberg, der andere zum Hochgericht, die Quelle war der Scheideweg. Am ganzen Aufstieg nach oben ist Wasser aus dem Weg getreten. Es war beschaulich, hier im Mariental, das damals noch Totental hieß", erzählt er. "Wenn in Haselbrunn der Urspring lief, war bei uns die Wiese bei der Jugendherberge ebenfalls unter Wasser, in der dann Enten und Gänse schwammen. Seit dem Kanalbau 1995 ist das ganze Wasser verschwunden", bedauert Nöttling.

Unterschlupf in Felsenhöhle

An das Hirtentor könne er sich aber nicht mehr erinnern, das sei schon vor seiner Zeit in dem Ort abgerissen worden. "Den offenen Bach kenne ich noch", sagt der Heimatforscher. "Meine Mutter war mit uns drei Buben allein da. Ich war froh, wenn der Großvater am Sonntag aus Rackersberg kam und für uns Dörrobst aus Äpfeln, Birnen und Zwetschgen aus seiner Jackentasche gezogen hat." Einmal hatten die Buben nicht aufgepasst und die Schafe und Ziegen waren weg. "Da gab es kein Lob von der Mutter", erinnert sich Nöttling und schüttelt den Kopf. "Gott sei Dank waren die Tiere am nächsten Tag wieder da. Diese hatten sich in einer kleinen Felsenhöhle verkrochen." Als 1957 die neu errichtete Marienbrücke bei der Kohlmühle durch Pfarrer Christoph Fischer eingeweiht wurde, bekam das Totental den Namen Mariental.

Ein Bild aus den Jahren 1928/29 von Günter Nöttling. Rechts befindet sich die damalige Jugendherberge und links das Elternhaus von Nöttling. Die Hänge waren damals frei, unbewaldet und nicht bebaut. Menschen liefen vorzugsweise auf den Höhen.

10.01.2021 © Foto: Archiv/Günter Nöttling


Josef Leykauf erinnert sich derweil noch an die sumpfige, schlechte Straße im Totental. "Der Postbus fuhr immer über den Bayreuther Berg, nicht über das Totental. Der eigentliche Weg ins heutige Mariental ging immer am alten Forsthaus entlang." Am Weg nach Haselbrunn befindet sich ein Marienbild und weiter hinten die Mariengrotte, die um 1900 entstanden ist. "Bei dem Marienbild kann ich mich noch erinnern, war immer ein kleiner Weiher", entsinnt sich Heimatforscher Leykauf.

Düster und gruselig

Spontan fällt ihm eine Sage ein, die Generation für Generation weitergetragen wurde: Nach dem Totental, das früher als düster und gruselig galt, kommt der Teufelsschritt Richtung Mandlau und Prüllsbirkig. "Der Zigeunerstein ist die Prüllgrenze", sagt Leykauf und fährt fort: "Es hat immer geheißen, dass früher ein Leichenwagen vom Teufelsschritt herunterkam. Plötzlich scheuten die eingespannten Gäule, und mit Funken und Blitzen machte der Teufel einen großen Schritt über die Schlucht."

Dass der Tote nicht der Frömmste gewesen sei, könne man sich ausmalen. "Das ist eine Gruselgeschichte, die war bei den Erzählungen der Vorfahren immer dabei", grinst er. Links vom Weg sei deswegen ein Kreuz errichtet worden. Das steht, fast unbemerkt, heute noch. Es ist ein besonderes, seltenes Passionskreuz, das inzwischen aber renovierungsbedürftig ist.

Den Namen Bethlehem kann sich Josef Leykauf wegen den Hirten vorstellen. Ähnlich denkt Bernhard Lang: "Es war ein gängiger Ausspruch ,draußen in Bethlehemʻ. Das ist wie aus der biblischen Geschichte – vom Ort – draußen. Hier gab es auch keine bedeutenden Verkehrsverbindungen." Nach Bayreuth sei es über den Bayreuther Berg gegangen, nach Nürnberg über den Siegenberg. "Die Wegverbindungen sieht man heute noch."

Lang erklärt: "In alter Zeit ist man auf den Höhen gegangen, das war für die Menschen überschaubarer und sicherer vor Überfällen. Die Täler waren oft dunkel und versumpft." Damals habe es zwei Hirtenreviere mit einem Hirten vom "Oberend" und einem vom "Unterend" gegeben. Diese hätten fest bestimmte Gebiete gehabt. "Die Trennlinie war die Nägelesgasse - die heutige Redwitzgasse in der Stadt", legt der Heimatforscher dar. Der Hirte vom unteren Ende habe im Haus des "Hirtengobl" (Jakob) Nummer 42 in der Pegnitzer Straße gewohnt. Dies war das Elternhaus von Bernhard Langs Mutter. Ein Schlussstein in der Haustüre wies auf das Jahr 1779 hin und dem Namen Heinrich Dormann, einen der letzten Hirten. Das Gebäude stand neben der Bäckerei Frosch.

"Und der Hirte des oberen Endes wohnte in den Räumlichkeiten des Hirtentores zum Totental – auch Bethlehem genannt", erläutert Lang. Die Hirten seien arme Teufel gewesen, die ihre Hirtenstäbe aus Wacholder- und Weißdornholz gewannen.

Willkommene Düngung

Die Hirten weideten mit ihren Ziegen und Kühen auf städtischem und gemeindlichem Grund. Manchmal durften sie im Herbst auch auf abgeerntete Felder und Wiesen – denn dort war die Düngung für die Bauern willkommen. Ein Hirte hütete Kühe, Schweine, Ziegen und Gänse; ein Schäfer die Schafe", unterstreicht Lang den Unterschied. "Schweine sind im Herbst auf die Flächen gekommen, wenn es in diesem Jahr reichlich Eicheln und Bucheckern gegeben hatte." Die Hirten selbst hatten keine Tiere, ihnen wurden sie nur zum Abweiden anvertraut.

Zwischen dem Schöngrundsee und der Teufelshöhle gab es einen "Schaftümpfel" – dorthin wurden die Tiere vor der Schur zum Waschen hinausgetrieben. Ortsbezeichnungen wie "Kühruh", beim Wanderweg Richtung Teufelshöhle und "Samstahuth", einer Hutung am Siegenberg, weisen auf Hirtentätigkeiten und Weidestellen hin. 1888 gab es nach den Aufzeichnungen von Lang um die 400 Schafe in Pottenstein.

"Die Ziegenzucht wurde verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg betrieben", sagt Historiker Lang. "Der offensichtliche Grund war der andauernde Mangel an Kuhmilch. Die Schäferei selbst hatte um 1900 keine größere Bedeutung mehr, weil die Wollimporte aus Neuseeland günstiger waren und somit die heimische, eigene Schafwolle zurückdrängten. Die größte Schäferei im Umland habe es früher aber nicht in Pottenstein, sondern in Wannberg mit einem pfalzgräflichen Schafhof gegeben, informiert Lang. 1935 habe es in Pottenstein bei einer Viehzählung 330 Ziegen gegeben. Zudem war die "fränkische Edelziege" in der Region eingeführt worden.

ROSI THIEM

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