Montag, 06.04.2020

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Düstere Zukunft bei den SG-Handballern

Zwei Handballtrainer der SG Auerbach/Pegnitz befürchten eine düstere Zukunft, wenn sich an der Nachwuchsförderung nichts ändert. - 07.03.2020 08:55 Uhr

„Wenn man so ein Bild sieht, geht einem das Herz auf“, findet Handball-Jugendtrainer Michael Graß. Nachwuchshandballer hat die SG Auerbach/Pegnitz noch viele mehr als auf diesem Foto sind. Es fehlt aber an Trainern und Helfern. © Foto: SG Auerbach/Pegnitz


Herr Graß und Herr Schöttner, was erhoffen Sie sich vom Treffen am Sonntag in der Helmut-Ott-Halle?

Philipp Schöttner: Unsere SG lebt davon, dass sich die Aktiven, Mitglieder und Eltern aus beiden Vereinen mit Herzblut engagieren. Wir wollen bei diesem Treffen alle Handballinteressierten aufrütteln, weil wir gerade im Jugendbereich mehr Manpower brauchen.

Michael Graß: Wir haben viele Leute, die zwar etwas machen, aber aus unterschiedlichsten Gründen nur wenig Zeit für ihre Mannschaften haben. Ich bin derjenige, der den Leistungsgedanken wieder in die SG gebracht hat. Es hieß, wir brauchen uns im Nachwuchsbereich nicht mit Erlangen und Coburg vergleichen. Ich habe gesagt, dass ich mich aber mit Erlangen und Coburg vergleichen möchte. Dort sind die Handballer nicht talentierter als bei uns, sie bekommen aber eine bessere Förderung. Nach anderthalb Jahren als D-Jugendtrainer habe ich festgestellt, dass uns auch Vereine wie Forchheim und Lauf kilometerweit enteilt sind.

 

Philipp Schöttner (31), Co-Trainer der ersten Mannschaft, und D-Jugendtrainer Michael „Joschi“ Graß (59) haben eine gemeinsame Handballvergangenheit: Schöttner hat sieben Jahre unter Trainer Graß für Auerbach im Herrenbereich gespielt. Beide sind sich einig: Der Leistungsgedanke muss in der Jugend viel ausgeprägter werden. © Foto: Marcel Staudt


Was müsste sich denn ändern, damit man zu den aufgezählten Adressen aufschließen kann?

Graß: Wir müssen viel öfter trainieren. Ich habe das Glück oder das Pech, mich mit meiner D1-Jugend mit HC Erlangen in der Liga zu messen. Wir beziehen regelmäßig ganz hohe Niederlagen, aber es ist einfach schön zu sehen, was die Erlanger Kinder in diesem Alter schon können. Die haben aber schon als Minis und in der E-Jugend zwei Mal pro Woche trainiert und üben jetzt bis zu fünf Mal in der Woche. Diese Spieler haben also ein höheres Trainingsalter. Das können unsere Spieler kaum aufholen.

 

Für welche Mannschaften genau brauchen Sie mehr Betreuung?

Graß: Für mich als D-Jugendtrainer ist die E-Jugend die große Schnittstelle, also die Acht- bis Zehnjährigen. Sie haben eine schlechte Trainingssituation, können nur einmal pro Woche für etwa eine Stunde in der Turnhalle des Pegnitzer Gymnasiums trainieren. Die Trainer machen tolle Arbeit, haben aber nur ein begrenztes Zeitkontingent. Ich wünsche mir, dass wir hier ganz anders aufgestellt sind. Wir brauchen mehr Trainingszeiten und Trainer. In der D-Jugend setzt es sich fort. Wir trainieren auch nur zwei Mal, manchmal drei Mal. Vielleicht fühlen sich ein paar ehemalige Handballer angesprochen: Im Alter dieser Kinder brauche ich noch niemanden, der drei Trainingseinheiten pro Woche leiten kann. Aber wenn jemand meistens mittwochs und ein anderer immer freitags Zeit hat, ist uns schon geholfen.

 

Also eine Art Trainerpool?

Graß: Genau, bei den Kleinen geht diese Art der Betreuung noch. Wir brauchen aber auch Leute, die den Trainern Arbeit abnehmen. Oft bleibt die Organisation von Turnieren und Spielen eben an den Trainern hängen. Die SG Auerbach/Pegnitz ist dringend darauf angewiesen, dass sich in den nächsten zwei Jahren etwas tut, sonst wird sie in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Schöttner: Bedeutungslosigkeit heißt, dass man nicht mehr alle Altersstufen mit Mannschaften besetzt hat und nur noch in niedrigen Ligen spielt. Wenn die guten Spieler zwangsläufig wechseln, weil sie hier kein Team mehr haben, schadet es letztendlich der ganzen SG bis hoch zu den Vollmannschaften.

Graß: Wenn die Qualität in der B- oder in der A-Jugend fehlt, ist sie nicht auf einmal im Männerbereich da. Das Gegenteil ist der Fall.

 

Sind momentan alle Altersstufen mit Mannschaften besetzt?

Graß: Die weibliche B-Jugend fehlt. Ansonsten ist alles besetzt. Gerade bei den Jüngsten entstehen tolle Dinge. Bei den Minis sind 50 Kinder dabei, in der E-Jugend sind es 20 und in meinen zwei Teams auch um die 20. In meiner D-Jugend gibt es nach langer Zeit wieder drei Spieler, die in die Frühförderung des Bezirks Ostbayern gekommen sind. Das stärkt im Endeffekt die ganze Mannschaft, weil die anderen Spieler dann auch besser werden wollen, um zu einem Auswahltraining eingeladen zu werden. Das unbedingte Wollen muss man den Kindern einpflanzen, das kommt nicht von selber.

Schöttner: Ich will mich gar nicht groß in die Nachwuchsarbeit einmischen, aber der Leistungsgedanke war in Auerbach und Pegnitz in jüngerer Vergangenheit nicht so ausgeprägt. Das ist durch Joschi Graß wieder anders geworden, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Wir müssen uns so aufstellen, dass wir leistungsbezogenen Sport und keinen reinen Zeitvertreib anbieten.

 

Merken Sie auch bei Youngstern in der ersten Herrenmannschaft, dass der Leistungsgedanke nicht mehr so ausgeprägt war?

Schöttner: Die jungen Spieler, die wir in die Mannschaft integriert haben, sind einen anderen Weg gegangen — eben weil unsere Jugendmannschaften nicht mehr auf allerhöchstem Niveau gespielt haben. Deswegen hatten uns diese Spieler irgendwann verlassen, weil sie zu den besten ihrer Mannschaft gehörten und nach Erlangen oder Bayreuth in die Jugend gewechselt sind. Zum Glück haben wir sie wieder für uns gewinnen können. Wir müssen dahin kommen, dass wir solche Spieler erst gar nicht verlieren, weil der Leistungsgedanke in den Jugendmannschaften stimmt und die Guten Spaß daran haben, mit "ihren Jungs" gemeinsam besser zu werden.

 

Falls Michael Graß sein Ziel erreicht, bekommen Sie in ein paar Jahren hervorragende Youngster. Weil die A-Jugend dann in der Bundesliga spielt.

Schöttner: Wenn man nicht die maximalen Ambitionen hat, kann man nichts erreichen. Es wäre ein Traum, falls es klappt. Aber selbst wenn nicht, heißt es nicht, dass es Blödsinn war. Ein Stamm von coolen Jungs, die als Mannschaft in der Bayernliga vorne mitspielt, wäre doch auch riesig. Dann würden die Spieler schon in der Jugend lernen, wie sie mit Drucksituationen umgehen müssen.

 

Drucksituation ist ein gutes Stichwort. Die SG Auerbach/Pegnitz stand lange auf dem ersten Platz der Bezirksoberliga. Jetzt sind es als Tabellendritter 23:7 Punkte, der Erste SG Regensburg II hat 26:6 Punkte. Eine Drucksituation?

Schöttner: Auf jeden Fall. Durch die Siege ist zwar viel Selbstvertrauen gekommen, aber irgendwann hat es in den Köpfen geklickt und die Angst vor dem Verlieren war da. Bei unserer sehr jungen Mannschaft, vielleicht die jüngste der Liga, hat es zu einem kleinen psychischen Knacks geführt, als diese Niederlagen tatsächlich kamen. Der Druck, nicht verlieren zu dürfen, war für viele neu. Aber wenn ich es gewohnt bin, in der A-Jugend um die Meisterschaft in der Bayernliga mitzuspielen, bin ich diesen Druck gewöhnt.

 

War der Aufstieg vor der Saison die klare Zielsetzung?

Schöttner: Ich setze mir immer ambitionierte Ziele und aufgrund unseres Potenzials wäre es Schwachsinn gewesen zu sagen, dass wir vorne mitspielen wollen. Nach außen haben wir das etwas anders kommuniziert, aber wir wollten ganz klar aufsteigen und wollen es immer noch. Wenn es nicht klappt, ist aber nicht die ganze Saison für die Tonne. Es waren knappe Niederlagen dabei. Neben der ungewohnten Drucksituation war es auch die dünne Personaldecke, die uns weh getan hat. Die kommt von Verletzungen, aber eben auch, weil der Handball nicht bei allen Spielern an erster Stelle steht. Wenn man im Training nicht mindestens zu zwölft ist, kann man sein Niveau nur noch halten, aber sich nichts mehr Neues erarbeiten.

Graß: Genau das versuche ich meinen Kindern zu vermitteln und sie nehmen es auch an: Den Ball zu haben ist Gold, bedeutet aber auch Verantwortung. Genauso ist es Verantwortung, Teil einer Mannschaft zu sein. Wenn jemand mal zwei Trainingseinheiten verpasst, fragen sie ihn gleich in der Schule, was los ist. Das macht meine Arbeit schön.

 

 

Interview: Marcel Staudt

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