Eishockey

Ein Loblied auf das alte Pegnitzer Eisstadion

28.5.2021, 09:30 Uhr
Mit ein bisschen Wehmut blickt Ralf Putzin von seinem alten Stammplatz auf die leere Eisfläche - die Spielerbänke versperren ihm dort nun die Sicht.
 

Mit ein bisschen Wehmut blickt Ralf Putzin von seinem alten Stammplatz auf die leere Eisfläche - die Spielerbänke versperren ihm dort nun die Sicht.   © Max Danhauser, NN

Ralf Putzin lässt seinen Blick einmal durch das leere Pegnitzer Eisstadion schweifen. "Es ist ein Teil von meinem Leben", sagt der 60-Jährige. Als Fan des EV Pegnitz, der Ice Dogs, kommt er seit Jahrzehnten hierher, ist Dauerkartenbesitzer. Es sind der rasante Eishockeysport, das besondere Flair, die Atmosphäre, die ihn begeistern. "Man ist nah am Geschehen" sagt er und kommt, wenn er über die Kultarena erzählt, ins Schwärmen. "Die Einzigartigkeit und die Historie", sagt Putzin. Denn das Stadion steht "dachlos" unter freiem Himmel.

Damit ist eines der letzten seiner Art. Die Eisflächen in der Bundesrepublik finden sich zumeist in Hallen wieder oder sind zumindest überdacht. 1974 errichtet, war das Pegnitzer Eisstadion auch das letzte in Bayern ohne Überdachung, das so gebaut wurde. Die großen Eishockeyclubs in Amerika oder auch hierzulande suchen sich in den Wintermonaten meist große Stadien, um ein Spiel unter freien Himmel auszutragen. Wintergame nennen sie das. Wind und Wetter ausgesetzt sein, Eishockey, wie es einst auf zugefrorenen Seen gespielt wurde. In Pegnitz gibt es diese Atmosphäre bei jedem Spiel.

Das erste Mal in Stadion-Kontakt kam Putzin im Alter von 15 Jahren - beim Eislaufen mit seiner älteren Schwester. Später, in der Saison 1975/76 sah er dort zum ersten Mal ein Eishockeyspiel. Sein Cousin, damals 17, aus Nürnberg war damals zu Gast, erinnert sich Putzin, und erfuhr von einem Vorbereitungsspiel des EVP gegen die SG Nürnberg. Also gingen die beiden zum Zeitvertreib zum Spiel. "Seitdem habe ich nicht mehr viele Spiele in diesem Stadion verpasst", sagt Putzin.

Ein Schluck Cognac nach jedem Tor

Eine Stunde vor Spielbeginn war er immer da, um seinen Stammplatz zu sichern. Denn in den 1970ern kamen noch regelmäßig 700 bis 900 Zuschauer zu den Heimspielen des EVP. Putzin kletterte auf eine kleine Betonerhöhung im Osten des Stadions, um besser sehen zu können. Meist war er mit Freunden dort. Wenn es besonders kalt war, hat ihm seine Mutter damals ein kleines Medizinfläschchen mitgegeben. Mit Cognac darin. Nach jedem Tor gab es dann ein kleines Schlückchen.

Wer blickt denn da noch durch? Bei Schneetreiben im Pegnitzer Eisstadion haben es Spieler, Fans und Fotografen nicht leicht - auch wenn die „Wintergames“ für Eishockey-Nostalgiker ihren Reiz haben.
 

Wer blickt denn da noch durch? Bei Schneetreiben im Pegnitzer Eisstadion haben es Spieler, Fans und Fotografen nicht leicht - auch wenn die „Wintergames“ für Eishockey-Nostalgiker ihren Reiz haben.   © Andreas Beil, NN

Putzin erinnert sich an alte Zeiten zurück. Der Geruch nach Bier, Bratwurst und Zigarettenrauch. Die Ära mit dem EVP-Vorsitzenden und Stadionsprecher Walter Chwalka, "Vater des Eisstadions", nennt ihn Putzin. Mit dem Stadion scheint auch er irgendwie verbunden. Und mit den Leuten. "Ich habe hier schon Freundschaften fürs Leben geschlossen", sagt Putzin.

Seinen Stammplatz, den er seit seiner ersten Saison hatte, musste er aufgeben. Die rechts davon gelegenen Spielerbänke wurden erneuert, die Sicht eingeschränkt. Seit ein paar Jahren steht Ralf Putzin nun in der Kurve hinterm Tor. Beim Fanclub Supporters Pegnitz, die es seit 2009 gibt. Dort ist er Gründungsmitglied.

Dem Wetter schutzlos ausgeliefert

Eis, Stadion und Zuschauer sind dem Wetter schutzlos ausgeliefert. Das merkt man an der Bausubstanz. Auch das Eis kämpft mit Regen, Sonne und Schnee. Der Klimawandel macht das nicht besser. Spiele müssen manchmal verschoben, im schlimmsten Fall sogar abgebrochen werden.

Meist haben sie in Pegnitz nur von Ende Oktober bis Ende Februar Eis. Mehr lässt die Witterung nicht zu. Die ersten Saisonspiele kann der EV Pegnitz daher nur auswärts bestreiten, auf dem eigene Eis erst spät trainieren. Und auch für den Nachwuchs sei die verkürzte Eiszeit ein Nachteil, sagt Putzin.

Doch sich so leicht vom altehrwürdigen Stadion trennen? "Das Eisstadion ist ein Stück Pegnitzer Lebensqualität", sagt Putzin. Die Atmosphäre ist eben einzigartig. Kaum woanders ist man beim Eishockey so nah am Spielgeschehen dran, kann so nah an den Banden stehen. Jedes Spiel wird zum Wintergame. Irgendwann mit dem EVP in ein neues, modernes Stadion umzuziehen, wird Putzin nicht leichtfallen. Aber: "Es muss sein", sagt er. Seit einiger Zeit wird in Pegnitz darüber nachgedacht, vielleicht eine modernere Halle zu errichten.

Neues Stadion ist aber nötig

Doch Putzin betont, dass ein neues Eisstadion nicht alleine wichtig für den EVP und dessen Nachwuchs sei, sondern für den gesamten Eissport der Region. Denn neben Eishockey gibt es auch noch die Eisstockschützen und den öffentlichen Eislauf.
Wenn das Wetter nicht mitspiele, käme nur der harte Kern zu den EVP-Heimspielen. Knapp 150 Menschen, schätzt Putzin. Sonst sind es mehr als doppelt so viele.

Mittlerweile spielt der EVP in der Landesliga (5. Liga). Zu Oberligazeiten (dritthöchste Liga) in den 1980ern war die Hütte voll. "Zu den Derbys gegen Amberg und Nürnberg waren über 2000 Leute da", erinnert sich Putzin. Wer im Stadion keinen Platz mehr fand, verfolgte das Spiel vom Sprungturm des benachbarten Schwimmbades aus.

Irgendwann werden sie in Pegnitz mit dem Eissport wohl in einem anderen Stadion beheimatet sein. Sollte dann wirklich einmal das letzte Eishockeyspiel im Stadion mit dem besonderen Flair stattfinden, die letzten Spieler übers Eis flitzen und die Lichter ausgehen, dann wird Ralf Putzin mit dabei sein. Und sicher eine Träne verdrücken, gibt er zu.

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