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Eine glückliche Zeit

Curt Herrmanns Lebensabend im Pretzfelder Schloss - 08.09.2009

So leicht, so duftig hatte sich Herrmanns Stil entwickelt, wie das am 14. August 1916 entstandene Aquarell zeigt.


Einen Großteil seines Lebens verbrachte Curt Herrmann in Schloss Pretzfeld. Seinetwegen kamen Künstlergrößen wie Henry van de Velde in die Fränkische Schweiz. Herrmann verstand es wie kein zweiter, Landschaft, Stillleben, Porträts dieser Region auf das Papier zu bannen und künstlerische Eigenart zu verleihen.

In Merseburg wurde er am 1. Februar 1854 geboren. Mit fünf Geschwistern wuchs er in Halle und Berlin auf, wo der Vater als Direktor einer Versicherungsgesellschaft tätig war. Nur kurz besuchte der 19-Jährige die Berliner Kunstakademie, um dann an die Schule von Carl Steffeck zu wechseln, wo ihm in fünf Jahren Grundzüge und Feinschliff der Malerei vermittelt wurden. 1879 schuf er sein erstes Porträt und 1883, nach der Übersiedelung nach München, war er neben einem Franz von Lenbach bereits einer der führenden Porträtisten der Bayern Metropole, was ihn nicht hinderte, hier seine Studien an der Akademie bei Wilhelm von Lindenschmit d. J. fortzusetzen.

Nach zehn Jahren kehrte er nach Berlin zurück, um mit der Gründung seiner «Mal- und Zeichenschule für Damen» einen für sich schicksalsträchtigen Grundstein zu legen. In gewisser Weise hatte er damit eine Marktnische und die Frau fürs Leben entdeckt. Etwa zwölf bis 20 «höheren» Töchtern erteilte er Malunterricht, seine unverheiratete Schwester Helene war dabei so etwas wie eine Anstandsdame. Hier lernte er die charmante und wohlhabende Sophie Herz kennen, die er dann 1897 ehelichte.

Idyllischer Sommersitz

Lebensmittelpunkt wurde Schloss Pretzfeld, der idyllische Sommersitz der jüdischen Familie Herz. Das Schloss war vom Geist einer Lina Herz, der Mutter der Braut, erfüllt. Sie war die Tochter des Nürnberger Bankiers Josef Kohn, übrigens der erste Jude, der das allgemeine Bürgerrecht in Nürnberg erworben hatte. Die Pretzfelder nannten Lina Herz die «Frau Doktor», weil sie mit dem früh verstorbenen Mannheimer Rechtsanwalt Dr. Joseph Herz verheiratet war.

Lina Herz, unwesentlich älter als der angehende Schwiegersohn, war durch ihre Großzügigkeit bekannt. Sie besaß Werke von Liebermann, Kolbe, Gaul und Klimsch. Sie ist übrigens Ehrenbürgerin von Pretzfeld, stiftete sie doch den ersten Kindergarten des Tals. Die Braut, hoch gebildet, Malunterricht in München, Berlin, Rom und Paris, sprach Italienisch, Englisch, Französisch. Und verstand sich als Künstlerin zurückzunehmen. Sie war, wie dem umfangreich erhaltenem Briefwechsel zu entnehmen ist, eine liebenswerte Persönlichkeit. Ein Leben ohne finanzielle Sorgen begann.

Sohn Fritz wurde geboren, der Künstler erlebte die glücklichste Zeit seines Lebens. Die radikale Veränderung seines Malstils fällt in diese Epoche: Von der prestigeträchtigen Portraitmalerei über die farbenprächtige, kraftvolle Kunst der Art Nouveau gelangte er zur Kunst des französischen Neoimpressionismus.

In Berlin, wo die Herrmanns ihre elegante Wohnung, von Henry van de Velde eingerichtet, hatten, gehörte der Maler bedeutenden Künstlervereinigungen an: Berliner Secession, Deutscher Künstlerbund. Er beschickte hochrangige Ausstellungen. Gedeckte Farben, sanfte Töne verdrängten nun die Farbgewitter seiner früheren Werke. Eine Leichtigkeit, eine lichterfüllte Atmosphäre stellt sich ein.

Curt Herrmann verkehrte in Kreisen mit Künstlergrößen wie Gerhard Hauptmann, Max Liebermann. Von Rainer Maria Rilke ist eine Ausstellungsbesprechung erhalten.

Hilfsfonds eingerichtet

Seine große Hilfsbereitschaft muss ebenfalls erwähnt werden, denn Herrmann unterhielt einen Hilfsfonds für Künstler. Die emphatischen Dankesbriefe eines Schmidt-Rottluff, Kirchner oder Otto Mueller zeugen davon. Herrmann, der Querelen in den diversen Künstlervereinigungen über hatte, zog sich mehr und mehr ganz nach Pretzfeld zurück. 1918 verlieh man ihm den Professorentitel der Berliner Akademie, 1924 die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg. Am 13. September 1929, genau vor 80 Jahren, starb der Künstler.

Seine Frau Sophie überlebte ihn nur kurz, ihr Todestag war am 3. August 1931. Curt und Sophie Herrmann mussten so nicht mehr erleben, wie die Hitlerjugend einen Teil seiner Bilder zerstörte und in Forchheim auf dem Marktplatz verbrannte.

«Traurigkeit und Verlassenheit» seiner letzten Jahre, aber auch die Bedeutung seines Werkes auf die gesamte Kunstepoche, kamen in den Nachrufen von Henry van de Velde und des Malers und Kritikers Albert Lamm zum Ausdruck. BÄRBL VÖLKL

In Schloss Pretzfeld existiert ein Saal mit Curt-Herrmann-Gemälden, so wie der Maltisch von Henry van de Velde. Der kunstsinnige ehemalige Rektor Josef Seitz in Pretzfeld ist gerne bereit, die Bilder zu zeigen. Anmeldung unter Telefon (0 91 94) 56 40.

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