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Frei wie ein Vogel: Wie ein Hohenmirsberger zum Gleitschirmfliegen kam

26.10.2021, 12:00 Uhr
Reinhold Wiegärtner ist Mitbegründer des Vereins Gleitschirmclub Fränkische Schweiz mit der Doppeltrommelwinde. Er kennt jeden Knopf.

Reinhold Wiegärtner ist Mitbegründer des Vereins Gleitschirmclub Fränkische Schweiz mit der Doppeltrommelwinde. Er kennt jeden Knopf. © Foto: Rosi Thiem

"Zuerst hat es mir überhaupt nicht gefallen", erzählt er. "Ich habe erst daheim mit einem alten Gleitschirm am Bodendorfer Skilift geübt." Doch dann kam der Ehrgeiz und er wollte es wissen. 1991 kaufte er sich einen eigenen und neuen Gleitschirm und ging zur Flugschule nach Goldkronach.

"Die Schule gibt es heute nicht mehr. Hier machte ich den L-Schein. Oder wie man heute sagt den Grundschein. Es folgte dann 1994 der A-Schein. Mit praktischer und theoretischer Prüfung, wie beim Auto", vergleicht er. 40 Flüge lagen davor. Wetterkunde und Luftrecht waren einige der Prüfungsfächer.

"Das muss man ja alles wissen und beherrschen, wenn man nach oben will", folgert er. "Bei der Prüfung wird geschaut, ob man einen sauberen Quer- und Gegenanflug hinbekommt. Man fährt einen Rechtskreis und einen Linkskreis – also eine Acht", legt er mit der Hand bewegend offen. "Die Prüfer wollen ja sehen, ob man Kurven fliegen kann und zum Schluss kommt der Endanflug. Hier ist es Ziel in einem 40 Meter Durchmesserkreis stehend und sauber zu landen", grinst er. So hatte er damals die Prüfung geschafft.

Zwischenzeitlich gründete er 1993 mit einigen Fliegern den heutigen Verein Gleitschirmclub Fränkische Schweiz. "Am 1. Oktober 2001 wurde unsere Vereinshütte eingeweiht", erinnert sich der Hohenmirsberger.


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"Grund zur Vereinsgründung war damals auch, dass wir ein Gelände zulassen mussten. Früher durfte man überall fliegen, man musste nur vorher den Grundstückseigentümer fragen. Das ging dann nicht mehr. Mit dem Verein und dem Fluggelände war es dann leichter zu fliegen. Immer ins Gebirge zu fahren, war sehr kostenaufwendig", schüttelt er den Kopf und zeigt auf das 614 Meter hoch gelegene Schleppgelände rund um das alleinstehende Vereinsheim hoch über der Fränkischen Schweiz bei Hohenmirsberg.

Heute ist kein Flugbetrieb. Es regnet. Wiegärtner kommt gerade vom Fliegen aus Kroatien. Der Gleitschirm ist noch eingepackt. "In Kroatien waren wir schon öfter", schwärmt der 62-Jährige. Aber nicht nur hier, sondern Ziele wie Marokko, Italien, die Region um Bregenz und die Vogesen in Ostfrankreich standen immer wieder in den Jahresplanungen an. "Hier waren wir in Südafrika", zeigt er stolz auf zwei Bilder mit Elefanten und einem Gleitschirmflieger seines Vereines.

Ist das nicht in anderen Ländern gefährlicher? "Nein, wieso?", fragt er zurück und grinst: "In Marokko waren zwar alle krank, aber nicht vom Fliegen, sondern vom Wasser, das sie getrunken haben." Inzwischen hat der Verein um die 80 Mitglieder – darunter 60 Aktive und 20 Passive. Der Schirm muss alle zwei Jahre vom Tüv geprüft werden.

Bei Regen, Gewitter, Schnee und starken Winden gibt es keinen Flugbetrieb. Jeder Flieger muss – wie beim Auto – eine Haftpflichtversicherung abschließen. Die eigene Gleitschirmausrüstung kostet, so Wiegärtner, um die 5000 Euro. "Wir suchen auch Nachwuchs im Verein", wirbt der Pionier.

„Frei wie ein Vogel“ fühlt sich Reinhold Wiegärtner in der Luft. Das Bild zeigt eine Flugreise in Südafrika mit einem Flieger aus seinem Verein.

„Frei wie ein Vogel“ fühlt sich Reinhold Wiegärtner in der Luft. Das Bild zeigt eine Flugreise in Südafrika mit einem Flieger aus seinem Verein. © Repro: Rosi Thiem

B-Schein, Funkerlaubnis und zwischen den Jahren noch Windenführerschein und Schleppstartberechtigung zeugen von Wiegärtners Glut zum Fliegen. Jährlich kommt der Alleinstehende selbst geschätzt auf 150 bis 200 Flüge, wie eben gerade in Istrien. "Ja, das muss man schon machen. Die Passagierflugerlaubnis wird alle drei Jahre verlängert, da muss man schon eine gewisse Fahrpraxis vorweisen." Von hier aus ist der gelernte Autoschlosser, der auch als Heizungsbauer gearbeitet hatte, bereits nach Tschechien geflogen oder mal nach Bad Kissingen.

"Das kommt auf die Thermik an. Die beste Thermik gibt es im Frühjahr", erklärt er. Im Lockdown gab es keine Tandemflüge und sonst nur eingeschränkte Möglichkeiten. "Die Passagierflüge sind gerade verboten", bedauert er. Die Tandemflüge werden im nächsten Jahr nachgeholt, ist er sicher.

Das eigene Körpergewicht ist beim Fliegen wichtig. "Maximal 90 Kilo sind es und bei Tandemflügen 130 bis 140 Kilo", sagt er. Diese Gewichtsangabe benötigt er auch, wenn er die Doppeltrommelwinden bedient und einen Kollegen sicher in die Lüfte begleitet. Drei Personen sind zum Fliegen über die Winden nötig: "Ein Startleiter, der Pilot und der Windenfahrer." Bevor sich der Pilot in der Höhe von etwa 300 Metern mit den ausgeklinkten Seilen in der Wolkenstraße gleiten lässt, passieren auf dem Land einige wichtige "Handgriffe", um den sicheren Start zu ermöglichen.

"Ein Auto zieht zwei Seile aus der Doppeltrommelwinde zum Start. Es wird ständig von allen Positionen überprüft, egal ob der Pilot eingehängt ist, ob das Seil straff ist, die Freigabe zum Start und so weiter. Die Sicherheit geht vor", bekräftigt Wiegärtner. "Wenn der Pilot ausgeklickt in den Lüften genießt, wickelt die Winde das Seil auf", zeigt er auf die danebenstehende Doppeltrommelwinde aus dem Zulassungsjahr 1994.

"Zuerst hatten wir eine Eintrommelwinde mit einer einjährigen Zulassung. Eine Bessere war nötig, wir sind hier nicht im Gebirge und müssen ja irgendwie in die Luft", grinst er. Mit Schleppstrecken in Längen von 800 bis 1000 Metern, in Richtung Nord-Süd und Ost-West sind Starts bei jeder Windrichtung möglich. Flughöhen von 1200 Meter kennt Ehrenvorsitzender Wiegärtner. "Es gibt in jedem Jahr eine neue Luftfahrerkarte mit roten und grünen Bereichen. Diese sagt aus, wo und in welcher Höhe man fliegen darf. Beispielsweise über Grafenwöhr gibt es ein Flugverbot."

Mit Motor "zu laut"

Von den Motorschirmen hält er persönlich nicht so viel: "Die sind mir zu laut, zu aufwendig, zu teuer und zu schwer auf dem Rücken. Was ist, wenn unterwegs eine Batterie brennt?", fragt er. "Ich genieße es lieber in Ruhe und Freiheit." Gab es nie einen Zwischenfall? "Nein, ich und unser Verein hatten immer Glück gehabt. Lenken geht immer. Wenn es die Luft nicht mehr gibt, sucht man sich eine schöne Wiese und einen Notlandungsplatz gibt es immer."

Was fasziniert ihn in all den Jahren in der Luft? Da muss der 62-Jährige nicht lang überlegen: "Das ist nichts außergewöhnliches, sondern wie Fahrradfahren. Die Natur ist der Chef. Ich kann mir alles anschauen, es ist ein ganz besonderes Lebensgefühl, denn ich fühle mich hier frei wie ein Vogel."

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