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Donnerstag, 04.06.2020

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FSJ-Zeit von Jahrespraktikantin Amelye Sangadrastisch verlängert

Wegen Corona wird ihr freiwilliges soziales Jahr (FSJ) verlängert. Um weitere sechs Monate. - 06.05.2020 08:55 Uhr

Die FSJ-Jahrespraktikantin Amelye Sanga aus Tansania versorgt im Pegnitzer Brigittenheim einen Bewohner mit einem Getränk. Der Aufenthalt der 23-Jährigen wird wegen Corona um ein halbes Jahr verlängert. © Foto: Frank Heidler/Archiv


Wie es dazu kam, schildert ihr Betreuer, der Plecher Gemeindepfarrer und Dekanatsmissionspfarrer Christoph Weißmann. "Wenn sie heim geflogen wäre, hätte sie vor ihrem Abflug bei uns zwei Wochen in Quarantäne gemusst, und dann noch einmal in Tansania zwei Wochen in Quarantäne."

Das aber wollte die junge Afrikanerin nicht. Stattdessen bleibt sie hier in Deutschland. "Mein Aufenthalt wird um sechs Monate verlängert", erklärt Sanga am Telefon in praktisch perfektem Deutsch. Genauso lange muss die Jahrespraktikantin auf einen persönlichen Kontakt mit ihrer Familie verzichten und kann sich nur per Mail oder über Skype mit ihren Lieben austauschen. Das nimmt sie aber gerne in Kauf.

Allerdings muss Pfarrer Weißmann dafür den organisatorischen Rahmen schaffen. "Der Mietvertrag für Frau Sanga wurde bereits verlängert." Jetzt fehle nur noch die Genehmigung der Ausländerbehörde in Bayreuth. Denn eigentlich wäre der vereinbarte Rückflugtermin am Mittwoch, 13. Mai, gewesen.

Große Probleme erwartet der Betreuungspfarrer aber nicht. "Ich weiß noch nicht genau, ob ich dafür nach Bayreuth fahren muss, oder ob das auch schriftlich erledigt werden kann."

Ein großes Opfer ist der verlängerte Aufenthalt für Sanga wohl nicht. "Sie freut sich, weil sie merkt, sie wird hier gebraucht." Aktuell arbeitet die Jahrespraktikantin zur Freude der Pflegedienstleiterin Roswitha Schecklmann als Pflegehelferin im Brigittenheim, genauer in der beschützenden Abteilung "Zum guten Hirten".

Sie liest den Bewohnerinnen vor, geht mit ihnen Spazieren und ist "total guter Dinge", sagt der Pfarrer. "Das macht ihr richtig Spaß, etwas Sinnvolles zu tun." Amelye Sanga sagt: "Wenn jemand meine Hilfe braucht, dann helfe ich."

Trotz der weltweiten Corona-Pandemie hielten sich die Sorgen um die eigene Familie in Grenzen. Der Grund: Offenbar gebe es in Tansania nur "ganz niedrige Zahlen" von Corona-Infizierten.

"Keine hygienischen Maßnahmen"

Der zuständige evangelische Bischof in Tansania hofft, dass es möglichst so bleibt, hat Pfarrer Weißmann bei einem Telefonat mit ihm erfahren. Im Gegensatz zu Deutschland gebe es nahezu "keine hygienischen Maßnahmen in Tansania". Der Bischof "hofft und betet" für eine Verschonung vor der Corona-Seuche. Schulen und Universitäten hätten schon längst geschlossen. Als Vorsichtsmaßnahme seien auch die christlichen Gottesdienste drastisch verkürzt worden. Immerhin von sage und schreibe vier Stunden landestypischer Gottesdienstlänge auf "nur" noch eine Stunde — was unter Corona gleichzeitig die Höchstdauer für Gottesdienste hierzulande markiert.

Im Heimatdorf von Amelye Sanga – Mwanga im Nordosten von Tansania – habe es bisher "keinen einzigen Fall von Corona" gegeben. Das hat sie bei Heimat-Anrufen erfahren.

Wesentlich härter hätten die Tagelöhner in Tansania nicht an der Gesundheitsgefahr sondern an den wirtschaftlichen Folgen zu knabbern. Weißmann erklärt: "Wegen Corona gibt es kaum Auftrage mehr." Deshalb müsse man "irgendwie" helfen. Nun will er eine Hilfsaktion starten.

Praktisch "für ausgeschlossen" hält Pfarrer Weißmann, dass zur Verabschiedung von Dekan Gerhard Schoenauer am 16. Juni eine Delegation aus Tansania nach Deutschland kommen kann. Auch wenn die offizielle Reisewarnung der Bundesregierung bisher nur bis 14. Juni dauert.

Die Nachspielzeit ihres FSJ-Praktikums will Amelye Sanga nicht ungenutzt verstreichen lassen. Regelmäßig kommt sie zum Radfahren in den Wiesweiher, nachdem Radeln ihr vor Monaten von Pfarrer Weißmann beigebracht worden war. "Aber zur Arbeit ins Brigittenheim gehe ich immer noch zu Fuß", sagt die Hauptstraßen-Anliegerin.

Kartoffeln als Leibspeise

Mit den deutschen Speisen hat sich die Afrikanerin längst arrangiert: "Besonders gut schmecken mir Kartoffeln — oder auch Reis." Keine Probleme hatte die Wahl-Pegnitzerin auf Zeit auch mit der deutschen Winter-"Kälte". Vor allem, wenn es sich um einen milden Winter wie den vergangen handelt.

"Der Winter war nur etwas kälter als in meinem Dorf." So oder so: Nach ihrer Rückkehr wird sie ihrer Familie sicher einiges von deutschen und europäischen Bräuchen zu erzählen haben.

FRANK HEIDLER

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