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Freitag, 03.07.2020

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Geflüchteter stellt 41 Werke im museum34 aus

Ein geflüchteter Hobbymaler bestückt eine Langzeitausstellung im Auerbacher museum34. - 03.06.2020 14:55 Uhr

Amir aus dem Irak hat eine Sonderausstellung im Auerbacher museum34 im Bürgerhaus bestückt. Und das mit Leichtigkeit: Die 41 Bilder sind nur ein Teil seines noch jungen Werks. Täglich werden es mehr. © Foto: Klaus Trenz


Die Kunst kann vieles bewirken. Sie kann Brücken schlagen zwischen den Kulturen, sie bringt Farbe ins Leben und gibt Raum für Identität. Sie kann aber auch ein Mittel sein, um Probleme zu bewältigen und schlimme Gedanken verscheuchen. "Kunst ist das Mikroskop, das der Künstler auf die Geheimnisse seiner Seele einstellt."

Im Auerbacher museum34 ist jetzt eine Sonderausstellung mit 41 in Acryl gemalten Bildern eröffnet worden, die einer Reise durch eine Seele gleichkommt. Einer Reise durch die Seele eines Geflüchteten: Amir. Seinen kompletten Namen möchte der 51-jährige Mann aus dem irakischen Basra nicht preisgeben. "Da er sich ob der Ereignisse in seiner ehemaligen Heimat immer noch nicht sicher fühlt", so Museumsleiterin Marion Ringl.

Seit fünf Jahren lebt der Mann in Auerbach, nach einer Flüchtlingsodyssee. Nach eigenen Angaben kam er schon 1995 ins Visier von Islamisten, die ihn in den Iran entführten. Wieder frei habe er im Irak als Elektriker gearbeitet, war dort verheiratet und hat vier Kinder. 2013 habe er wieder fliehen und seine Familie zurücklassen müssen. Zunächst nach Georgien und auf abenteuerlichen Weg nach Deutschland, nachdem ihn Islamisten erneut aufgestöbert hätten.

"Bei diesem nicht ungefährlichen Vorhaben hat mir die Kirche sehr geholfen. Einmal musste ich mich zum Weitertransport in einen Sarg begeben, um nicht entdeckt zu werden. Nur mit einem einfachen Schwimmreifen um den Bauch erreichte ich schließlich auf einem Boot Griechenland. Mit Zwischenstopps war ich insgesamt zweieinhalb Monate unterwegs, bis ich schließlich in Deutschland ankam", so Amir.

Seine Familie fehle ihm sehr und Fluchterlebnisse und Gefühle verarbeite er mit dem Malen: "Wenn mir Gedanken den Schlaf rauben, stehe ich auf, gehe in meine Küche, stelle mich an die Wand und male drauf los. Raum, Ort und Zeit vergesse ich hierbei." Er habe sich bis zu dem Zeitpunkt krank gefühlt, bis er zum Malen begonnen hat. "Er malt zumeist am späten Abend, ja bis tief in die Nacht und es kommt nicht selten vor, dass ein Bild in einem Zeitfenster von nur zwei bis vier Stunden entsteht", erklärt Ringl.

Amir hat das Malen nicht gelernt. Gemalt hat er früher für Familiengeschenke und richtig angefangen damit erst vor eineinhalb Jahren.

Das erstaunliche dabei ist nicht nur die Begabung für Form und Farbe, sondern seine Kreativität und Produktivität. "Mein Stand der Dinge war vor drei Monaten, dass etwa 125 Bilder existiert haben", sagt Ringl.

Heute seien es etwa 250. Die hat er alle in seiner kleinen Küche in seiner kleinen Wohnung gemalt. Ex-Stadträtin Marianne Mimler Hofmann, die sich seit seiner Ankunft in Deutschland um den Flüchtling kümmert, versorgt ihn auf eigene Kosten mit Leinwänden, Pinsel und Farben. An sie kann man sich auch wenden, wenn man ein Bild kaufen will.

Amirs Bilder einer Kunstrichtung zuzuordnen, dürfte schwer fallen. Der Betrachter wird an viele Kunststile der modernen Malerei erinnert, angefangen vom Futurismus und Expressionismus bis hin zum Jugendstil und Art Deco.

Fast allen Bildern gemein ist eine kräftige, bunte Bildsprache. Ein Vorbild ist aber in fast allen drei Etagen des Bürgerhauses allgegenwärtig: Pablo Picasso, den Amir auch als wichtigsten Ideengeber nennt. Nicht umsonst heißt ein Bild von ihm "Hommage an Picasso".

Die Ausstellung ist noch bis zum März nächsten Jahres zu sehen. Sie hätte eigentlich schon heuer im März eröffnet werden sollen, so der Hinweis von Bürgermeister Joachim Neuß. Corona-bedingt sei sie aber verschoben worden.

Eine Ausstellungsperiode — für gewöhnlich ein halbes Jahr — werde deshalb übersprungen.

Da es so viele Werke von Amir gibt, will Ausstellungs- und Museumsleiterin Ringl die Bilder im Zweimonats-Rhytmus austauschen. Bei der Geschwindigkeit, mit der Amir malt, dürfte das kein Problem sein.

Amir: "Meine Ziele für die Zukunft sind bessere Deutschkenntnisse, ein guter Arbeitsplatz und dass ich ein erfolgreicher Maler werde."

InfoSolange im Bürgerhaus wegen Corona keine Sprechstunden des Bürgernetzwerks stattfinden, ist die Ausstellung nur zur Öffnungszeit der Stadtbücherei zu sehen. Mittwoch von 9 bis 11 Uhr, Donnerstag von 17 bis 19 Uhr, Freitag von 15 bis 17 Uhr und Samstag von 10 bis 12 Uhr mit Abstandsgebot und Hygieneregeln.

KLAUS TRENZ

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